Erasmus+-Projekt

„In erster Linie geht es ums Miteinander“

Mit vier Schulen aus Polen, Spanien, Italien und den Niederlanden nimmt die BBS Syke an einem Erasmus+-Projekt teil. Das Projekt gibt Schülern die Möglichkeit, Neues und neue Menschen kennenzulernen.
02.10.2019, 09:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Sarah Essing
„In erster Linie geht es ums Miteinander“

Unter dem Motto "Ables and disables – let's play together" stand das Fußballturnier der BBS, das im Rahmen ihres Erasmus+-Projektes stattfand.

fotos: Michael Braunschädel

Syke. Ali hält für Amsterdam den Kasten sauber. Tamara stürmt für Syke, Sally für Torun und Vincent für Bendinat. Letzterer hat mit seinem Team gerade verloren. 1:2. Davor gab es schon eine 0:4-Niederlage, teilt er mit und nimmt erst mal einen großen Schluck Apfelschorle. Neue Kräfte tanken, denn: „Das nächste Spiel müssen wir gewinnen, sonst sieht es schlecht aus“, analysiert er fachmännisch die Lage, auch wenn es nicht um die Deutsche Meisterschaft geht. Es ist nur ein Schul-Fußballturnier, an dem die vier Erlenschüler mit 16 weiteren ihrer Schulkameraden teilnehmen. Allerdings eins unter besonderen Voraussetzungen, denn die Erlenschüler spielen gemeinsam in einem Team mit 34 Schülern von regulären Schulen aus Italien, Spanien, den Niederlanden, Polen und Deutschland. Sie sind damit Teil des Erasmus+-Projektes, an dem die Berufsbildenden Schulen Syke (BBS) sich beteiligt. Und das ist total „cool!“ wie Ali mit einem breiten Lachen sagt.

Das Oberthema, unter dem sich fünf Schulen aus Syke, Amsterdam in den Niederlanden, Torun in Polen, Bendinat auf Mallorca und Parabiago in Italien alle halbe Jahre in einer der teilnehmenden Schulen treffen, lautet „Ables and Disables“, auf Deutsch Nicht-Behinderte und Behinderte. „Das Thema muss immer eine gesellschaftliche Relevanz haben“, erläutert Gisela Paterkiewicz von der BBS, die die Erasmus+-Teilnahme auf deutscher Seite koordiniert. Wie die Teilnehmer sich des Themas in ihren jeweiligen Ländern nähern, bleibt ihnen überlassen. Die BBS hat sich für das Unterthema „Sport und Behinderung“ entschieden. Zur Unterstützung haben sie 20 Schüler der Erlenschule eingeladen, an dem Projekt teilzunehmen. Denn: „Sport verbindet“, so Paterkiewicz. Nicht nur Behinderte und Nicht-Behinderte, sondern auch Schüler aus unterschiedlichen Nationen, mit unterschiedlichen Sprachen und unterschiedlichen Erfahrungen.

„Unsere Schülerinnen sind sehr schüchtern“, sagt Magda Jastak von der ZSE Torun, von der fünf Schülerinnen teilnehmen. Sie kommen aus ländlichen Regionen und bereiten sich an der ZSE eigentlich auf kaufmännische Berufe vor, berichtet sie. „Nur wenige haben überhaupt Erfahrungen mit Menschen mit Behinderungen“, so Magda Jastak weiter. „Dieses Projekt gibt ihnen die Möglichkeit, Neues und neue Leute kennenzulernen.“ Und zwar nicht nur, was Menschen mit Behinderungen angeht. „Die Erfahrungen, die unsere Schülerinnen mit diesem Projekt machen, sind unbezahlbar“, ist Malgorzata Neckowicz überzeugt. Auch darum sagt sie: „Ich kann mir die Welt ohne Projekte wie dieses nicht mehr vorstellen.“ Schon nach einem Jahr sei zu beobachten, wie viel selbstständiger und selbstbewusster sie geworden seien.

Das ist unter anderem am zweiten Tag festzustellen, als nicht nur die fünf Schülerinnen ihr diesjähriges Projekt vorstellen. Sie haben ein Porträt über Monika Lojba vorbereitet, eine polnische Sportlerin, die durch eine angeborene Sehstörung mal ein bisschen sehen kann, an anderen Tage jedoch komplett blind ist. In Englisch und Deutsch tragen sie ihr Referat vor und ernten Applaus von den anderen Projektteilnehmern.

Noch mehr geklatscht wird allerdings bei ihrer Foto-Collage über das Rollstuhl-Testfahren in den Straßen ihrer Heimatstadt, an dem die Schüler bei ihrem Besuch in Torun teilgenommen haben. „Wir haben damit getestet, wie es um die Barrierefreiheit steht“, erklärt Malgorzata Neckowicz. Gelernt hätten die Schüler allerdings noch viel mehr. „Für viele war der Perspektivwechsel, als sie im Rollstuhl saßen, frappierend“, sagt sie. „Das, und dass sie mit einem Mal ständig angestarrt wurden.“

Untermalt haben die polnischen Schülerinnen diese Präsentation mit spanischen Klängen zu denen die Schüler der IES Bendinat von Mallorca sofort rhythmisch mit den Fingern schnipsen und klatschen. Ihre gute Laune überträgt sich rasch auf die anderen Schüler. Es ist das nunmehr dritte Treffen der Schulen. Bedingt durch Abschlüsse wechseln die Schüler zwar, dennoch kennt man sich inzwischen. Die Stimmung ist fröhlich, die Atmosphäre entspannt – nicht nur beim gemeinsamen Pasta-Kochen und Pizza-Essen. Auch davon waren die Erlenschüler „total begeistert“ wie Anja Wacker von der Erlenschule berichtet. Beim Sport und beim Essen verschwinden nicht nur Sprachgrenzen. Die Pädagogin ist zudem sehr angetan von den Begegnungen ihrer Schüler mit den internationalen Gästen der BBS. „Es ist schön zu sehen, wie viel Rücksicht genommen wird, wie herzlich den Schülern begegnet wird“, sagt sie. Und damit meint sie nicht nur Silas und Elena. Der Erlenschüler möchte die Hand der Italienerin am liebsten gar nicht mehr loslassen. „Die Menschen hier sind so lieb“, zeigt sich die junge Informatik-Studentin begeistert vom Willkommen im kühlen Norden. Klar, das Wetter sei gewöhnungsbedürftig, aber die Freundschaften, die sie im Rahmen des Projektes geschlossen hat, sind ihr wichtiger. Das sei wie nach Hause kommen, sagt sie.

Auf dem Fußballfeld wird derweil um den Einzug ins Halbfinale gekämpft. „In erster Linie geht es ums Miteinander“, weiß Gisela Paterkiewicz, aber wenn es aufs Finale zugeht, erwache eben doch der Ehrgeiz, sagt sie mit einem Lachen. Dem Verständnis untereinander und füreinander tut das jedoch keinen Abbruch. „Dieses Projekt fördert das Verständnis für Einschränkungen“, ist Adrian Vega, Lehrer an der IES Bendinat, überzeugt. Das Geschehen auf dem Spielfeld unterstützt ihn dabei. Seine Schüler dribbeln wie Lionel Messi übers Feld. Gegner um Gegner lassen sie stehen, um dann im letzten Moment den Ball butterweich zu einem Mädchen von der Erlenschule zu passen. Sie schießt meterweit neben das Tor, doch nach einem aufmunternden Schulterklopfen geht es weiter.

Weiter geht es auch mit dem Projekt. Nachdem die Gäste in Syke neben der Präsentation ihrer Arbeiten, dem gemeinsamen Pasta-Machen und des Fußballturniers sowie Ausflügen nach Hamburg und Bremen, inklusive eines Abstechers ins Weserstadion, erlebt haben, geht es im Februar des nächsten Jahres nach Amsterdam ans Geert-Groote-College. Die Ergebnisse nicht nur dieses, sondern auch aller anderen Erasmus+-Projekte können im Internet unter ec.europa.eu/programmes/erasmus-plus/projects/ eingesehen werden.

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