Anwalt kritisiert negative Berichte Jürgen Kiesewetters traumhaftes Ägypten

Der Syker Anwalt Jürgen Kiesewetter stört sich an negativen Berichten über seine Zweitheimat Ägypten. "Die Ägypter sind religiös, aber nicht fanatisch. Und die Muslime dort wehren sich mehr gegen die Islamisten als wir."
20.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Jürgen Kiesewetters traumhaftes Ägypten
Von Micha Bustian

Mohammed Mursi ist zum Tode verurteilt worden. Der erste demokratische Präsident Ägyptens soll am Strang enden. Laut Medienangaben sind seit dem Urteil bereits drei Richter im Land der Pharaonen getötet worden. Jürgen Kiesewetter bleibt dennoch gelassen. Denn der Syker Anwalt ist zwar grundsätzlich gegen Todesurteile, „aber ein Todesurteil in Ägypten besagt noch lange nicht, dass es auch vollstreckt wird“.

Tausende Moslembrüder seien seit der Übernahme der Regierung durch das Militär zum Tode verurteilt worden, „aber meines Wissens wurde nur ein Urteil vollstreckt“, der Rest in lebenslängliche Haftstrafen umgewandelt. Kiesewetters Wissen über Ägypten ist immens. Jürgen Kiesewetter geht in der deutschen Botschaft in Kairo ein und aus, hat ein Haus in dem nordafrikanischen Land und hat lange mit einer Ägypterin zusammengelebt, mit ihr auch zwei Söhne. Er kennt sich aus. Und er sagt: „Ich bin die Berichterstattung aus dem Nahen Osten schlicht leid.“

"Hassprediger werden gleich bekämpft"

Jürgen Kiesewetters Bild von Ägypten ist ein anderes als das von den Medien gezeichnete. Das hege das Vorurteil von „Islamismus und Verrückten“, dabei sei Ägypten ein „traumhaft schönes Land voller netter Leute“. Er habe oft dort Urlaub gemacht, sei als Anwalt für Arbeitsrecht auch regelmäßig beruflich dort unterwegs gewesen. „Ich war bestimmt schon 50 Mal in Ägypten und wurde vielleicht zwei Mal gefragt, ob ich Christ oder Muslim bin“, deutet Jürgen Kieswetter religiöse Freiheiten an. „Die Ägypter sind religiös, aber nicht fanatisch. Und die Muslime dort wehren sich mehr gegen die Islamisten als wir.“ Eine Moschee wie am Breitenweg in Bremen würde es dort nicht geben, „und Hassprediger werden gleich bekämpft“.

Doch wie konnte es dann zur Wahl Mohammed Mursis kommen, der ja bekennender Moslembruder ist. Jürgen Kiesewetter erzählt: „Der Arabische Frühling war in Ägypten eine unsichere Zeit. Die Polizei hatte ihre Arbeit eingestellt, bewaffnete Banden liefen auf den Straßen herum. Das war wirklich heftig, mit viel Kriminalität.“ Mursi und seine Moslembrüder seien damals die einzig organisierte Partei im Land gewesen. Entsprechend wurden sie auch gewählt. Der Präsident – „in Ägypten unangreifbar“, wie der Syker berichtet – kümmerte sich um eine islamfreundliche Verfassung und den Ausschluss der Opposition. Die Stimmung bei Hassan Normalägypter? Schlecht, „es herrschte eine depressive Stimmung auf den Straßen. Das zog sich bis ins Privatleben hinein.“

Doch dann habe sich die Opposition formiert, „der Druck auf Mursi wuchs“, sagt Jürgen Kiesewetter. Das Militär habe den Präsidenten aufgefordert, alle Kräfte zu vereinen, eine Verfassung für alle Ägypter zu verfassen. Als Mohammed Mursi sich weigerte, habe Generalfeldmarschall Abd al-Fattah as-Sisi – aktueller Präsident Ägyptens – ihn abgesetzt. Der vom Militär eingesetzte Übergangspräsident Adli Mansur habe dann alle Oppositionskräfte unter sich vereint, auch die Moslembrüder zur Mitarbeit aufgefordert – vergebens.

"Volle Meinungsfreiheit"

Seit elf Monaten ist nun Abd al-Fattah as-Sisi an der Macht. Gewählt. „Seitdem merkt man, wie sich das Land entwickelt“, findet Jürgen Kiesewetter. Und nennt Beispiele: Brücken würden gebaut, darüber hinaus eine Autobahntrasse zum Flughafen samt sogenannter Service-Roads. Eine Million Häuser für junge Familie seien im Bau. Auf Grundlage einer zurzeit laufenden Volkszählung sollen Schulen und Kindergärten erstellt werden. Beschneidungen von Mädchen würden rigoros strafrechtlich verfolgt, und der Präsident habe den obersten Scheich Al-Azhars Ahmed al-Tayyeb dazu aufgefordert, den Islam zu reformieren.

„Die Meinungsfreiheit ist in Ägypten voll gegeben, man kann dort sagen, was man will“, hat Jürgen Kiesewetter bemerkt. Klar gebe es im Sinai weiterhin Menschen- und Organhandel, sicherlich seien einige Bezirke Kairos gefährlich. Aber die Urlaubsgebiete seien sicher, „ich fahre mit dem Auto überall hin“. Im April sei er mit seinen halbägyptischen Söhnen Fynn (5) und Timo (3) vom Angeln zurück in sein Ferienhaus gefahren und habe einen Soldaten mitgenommen. Der habe ihm erzählt, dass Israel der beste ägyptische Nachbar sei und es nur Probleme mit den Moslembrüdern und der Terrormiliz Islamischer Staat gebe.

Jürgen Kiesewetter hat auf den Straße Ägyptens sehr wohl die Polizeistreifen bemerkt, sie aber nicht als störend empfunden. „Die Polizisten sind sehr höflich, auch zu den Einheimischen“, meint er. Er findet es schön, dass in seiner Zweitheimat „das Zwischenmenschliche unheimlich viel“ zählt. „Die Ägypter sind total tiefenentspannt“, erzählt Jürgen Kiesewetter. „Zeit spielt für sie überhaupt keine Rolle. Das ist für den Urlaub ideal.“

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