Vortrag Keine Reaktion ist keine Alternative

Klaus-Peter Hufer gab in der Syker Bücherei Tipps zum Umgang mit populistischen Parolen. Für den Politologen steht fest, dass der öffentliche Raum ein demokratischer sein muss. Dazu gehört Widerspruch.
05.03.2020, 17:18
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Von Rita Behrens

Syke. Stammtischparolen begegnen einem überall. Nicht allein dort, wo ein Bier auf dem Tisch steht, sondern auch in der Arbeitswelt und im privaten Leben. Die Sprache an sich wird im Allgemeinen als Spiegel der Gesellschaft angesehen. Was suggerieren populistische Parolen und Sprüche? Können sie den Charakter absoluter Wahrheiten annehmen und quasi als Leitsätze verbreitet werden? Nehmen wir allein aufgrund der Nähe zu vermeintlicher Allgemeingültigkeit die Gefahren ernst, die sich aus solcher Art Aussagen ergeben? Klaus-Peter Hufer, habilitierter Hochschullehrer und Politologe, stellte am Mittwochabend auf Einladung der Volkshochschule Diepholz in der Syker Stadtbibliothek die allgegenwärtigen Phänomene von Rassismus, Rechtspopulismus und -extremismus in den Fokus.

Als Erwachsenenbildner sei es sein Ziel, über Strategien aufzuklären. Der Gefahr des „Populismus aus der Mitte der Gesellschaft“ sollte jederzeit argumentativ wirksam begegnet werden können. Die aktuelle gesellschaftspolitische Lage sei ein Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungen, stellte er eingangs fest. Der Rechtsextremismus ziehe sich wie „ein brauner Faden“ von Beginn an durch die gesellschaftspolitische Historie der Bundesrepublik.

Hufer enthüllte in seinem interaktiven Vortrag populistisches Handeln und den Sprachgebrauch solcher Art. Er zeigte Argumentationsstrategien auf, die eine konsequente Reaktion bewirken und vor einer möglichen Sprachlosigkeit und Überrumpelung schützen. Mit Karikaturen, Titelseiten etwa von der „Bild“ oder einschlägiger rechtsradikaler Gazetten verdeutlichte der Redner die kritische Entwicklung. Anderweitig legte eine Karikatur die anvisierte Problematik konkret offen: In karikativ-bildlicher Darstellung waren – neben der schmähenden Ansage gegen die Kanzlerin – Aussagen wie „Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…“ oder die kaschierende Form „Man wird ja wohl noch etwas sagen dürfen…“ zu sehen und zu lesen. Nur ein unbeholfenes „Die kenne ich schon alle“ wurde dem gedanklich, also schweigend entgegengesetzt.

Des Weiteren führte der Referent verschiedene Beispiele aus dem Alltag an. Wobei ein offenes Entgegentreten gegenüber rassistischer und rechtsextremer Verhaltensweisen die Anwesenden im Zuschauerraum nicht vorbehaltlos überzeugte und zu der Frage führte: „Was nutzt das?“ Hufer vertrat ohne Einschränkung die These: Der öffentliche Raum müsse ein demokratischer Raum sein. Nicht zu reagieren sei in keinem Fall eine Alternative. Später fügte er an: Es gebe weltweit nur 22 demokratische Länder. Deutschland nehme wegen seiner schwach liberal ausgeprägten Kultur nur den 13. Platz ein, aber: „Wir haben das Glück, in einer Demokratie zu leben.“ Auf seine Frage, welche besondere Relevanz das Jahr 2011 aufweise, erhielt er zunächst keine zutreffende Antwort. Bald stellte sich jedoch heraus, dass das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarazin eine negative Zäsur befördert hatte. Es habe zum „Aufblühen der neuen deutschen Rechten“ geführt, erläuterte der Politologe.

Inzwischen gelte dem rechtsextremen Spektrum Greta Thunberg als Feinbild Nummer eins, zuvor Angela Merkel. Des Weiteren stellte er das Syndrom der gruppenspezifischen Menschenfeindlichkeit vor. Grundlegend führte er zwei Megatrends und ihre grundlegenden Merkmale vor Augen: die Globalisierung („Das Fremde ist da und gehört zur Gesellschaft“) und die Individualisierung („Es wird immer unsicherer“). So führe etwa die Angst vor Ausländerkriminalität zur Etablierung von sogenannten Bürgerwehren.

Eine Vielzahl anti-demokratischer Verhaltensweisen und Einstellungen wurden auf Zuruf an diesem Abend gesammelt. Sie waren mit denen in diversen Argumentationstrainings erarbeiteten weitgehend deckungsgleich. Dazu zählten unter anderem Aggressivität, Pauschalisierung, Polarisierung, Herabsetzung, Diskriminierung, Diffamierung und Vorurteile. Folglich müsste jeder, der sich davon distanziert, Gegenteiliges vertreten, bestärkte Hufer. Von den Negativ-Parolen seien die meisten auf den Islam bezogen, an zweiter Stelle rangierten Politiker.

Im interaktiven Spiel wurde vor Ort versucht, Extremisten zu stoppen. Hindernisse taten sich auf. Experimentiert wurde mit grundlegenden Aussagen wie „Ich bin ein aufgeklärter Bürger“ oder „Ich lese eine andere Presse als Sie, nicht die Lügenpresse.“ Im Rollenspiel zeigte sich: Mysteriöse Quellen werden zitiert, von Widersachern lässt sich der Extremist nicht überzeugen. Letzterer spielt mit Emotionen; rationale Argumente sind chancenlos, werden pauschal weggewischt. In die Falle tappe, wer sich selbst an Verschwörungstheorien beteilige, klärt der Referent auf, zudem: „Tappen Sie nicht in die Komplexitätsfalle.“ In zehn Tipps zusammengefasst offerierte er potenziell erfolgreiche Strategien. Im Kern lauten diese etwa „Bleiben Sie bei einer Thematik, versuchen Sie, Verallgemeinerungen aufzulösen, suchen Sie nach Verbündeten, arbeiten Sie mit Ironie.“ Vorteilhaft sei es, gelassen zu bleiben und eine Nachfragetechnik zu entwickeln, die aus der Verteidigerrolle herausführe.

Außerdem zeichnete der Redner ein umfassendes Bild über die Macht des Vorurteils, manipulative Politik extremistischer Gruppierungen und das rechtspopulistische Potenzial, das in Deutschland verankert ist. In der Stadtbibliothek konnte sich der Wissenschaftler der ungeteilten Aufmerksamkeit im sehr gut besetzten Zuschauerraum sicher sein. Denn er überzeugte durch seine intrinsische Motivation, über schulische Bildung und Erwachsenenbildung eine kritische Sichtweise zu initiieren und auf dieser Basis die Demokratie als Regierungsform zu festigen.

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