Geschichtenreicher Friedhof in Syke Letzte Mahnmale jüdischen Lebens

Der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht ist nur einige Tage her. In Syke erinnert der jüdische Friedhof an die Zeit von 1721 bis zum Zweiten Weltkrieg
13.11.2018, 17:47
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Dorit Schlemermeyer

Syke. In einer Dokumentation sagt ein Holocaust-Überlebender: „Nach dieser Nacht war unser Leben zu Ende.“ Er spricht von der Reichspogromnacht, die vom 9. auf dem 10. November vor 80 Jahren der Auftakt zur geplanten Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten war. „Nach Syke kehrte ein einziger Überlebender zurück. Zwei Drittel sind umgebracht worden“, beantwortet Gästeführerin Brigitte Sund bei einer Führung auf dem jüdischen Friedhof die Frage nach jüdischen Mitbürgern, die nach dem Holocaust nach Syke zurückgekehrt sind. Dabei habe es vormals ein friedliches Zusammenleben gegeben: „Die jüdischen Mitbürger waren hier etabliert, hatten ihre Geschäfte, nahmen am Vereinsleben teil.“

Aber auch in Syke änderte sich nach der Reichspogromnacht alles für die jüdischen Mitbürger. Wie auch in anderen Städten wurden ihre Geschäfte boykottiert und Überfälle fanden statt. Damit war ihnen die Lebensgrundlage genommen. Allerdings hatte die Ausgrenzung schon vorher begonnen und das wirtschaftliche Überleben der jüdischen Mitbürger so bedroht, dass Minna de Leeuw, eine Syker Geschäftsfrau, sich 1937 das Leben nahm. „Ihr Grab soll hier auf dem Friedhof sein, aber genau ist das nicht dokumentiert“, sagt Brigitte Sund. Ein Stolperstein vor ihrem einstiegen Wohnhaus erinnert an sie.

Auf dem jüdischen Friedhof – zwischen der Hohen Straße und der Lindhofhöhe – findet man noch circa 35 Grabsteine verstorbener Juden. In zwei Sammelgräbern wurden hier auch 14 sowjetische Kriegsgefangene beerdigt. Er liegt abseits auf einem Hügel und ist nicht frei zugänglich. Umgeben von einer hohen Buchenhecke werden die verbliebenen Grabsteine vor Blicken geschützt. Sie sind letzte Mahnmale an ein Leben jüdischer Mitbürger in Syke. 1721 war der erste sogenannte Schutzjude aus Hoya her gezogen und erhielt einen Schutzbrief, der ihm erlaubte, hier zu siedeln und ein Gewerbe zu treiben. „Juden durften nur bestimmte Gewerbe ausüben wie Schlachter oder Viehhändler“, erläutert Sund. Seit den 1720er-Jahren lebten Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft im Flecken Syke. Die Familie von Victor Joseph war die erste, die sich im Amt Syke niederließ. Im 18. Jahrhundert habe sich die Lage der Juden verbessert durch die Französische Revolution und Napoleon: „Jüdische Mitbürger hatten die gleichen bürgerlichen Rechte, was zur erheblichen Besserung ihrer Lage führte“, so die Gästeführerin.

Aber ihr politisches Schicksal sei wechselhaft geblieben, denn nach der Niederlage Napoleons wurden diese Rechte auch wieder gestrichen, bis im Norddeutschen Bund 1869 ihre Gleichstellung beschlossen wurde. Bis zum Ersten Weltkrieg fand auch in Syke ein positives Miteinander statt, ein jüdischer Mitbürger wurde gar Schützenkönig, so Sund. „Allerdings sank die Zahl jüdischer Mitbürger später wieder, da viele in die nächst größeren Städte abwanderten“.

Um 1806 sei wohl der Antrag der jüdischen Gemeinde auf einen eigenen Begräbnisplatz erfolgt. Davor wurden die Verstorbenen in Hoyerhagen beerdigt. So ist der erste Grabstein in Syke von 1836 datiert. Simon Oppenheimer etwa ist hier begraben. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts besaß die Judenschaft Sykes auch ein Grundstück an der heutigen Gesseler Straße, auf dem zu einem unbekannten Zeitpunkt eine kleine Synagoge errichtet wurde, das später in den Besitz eines Landwirts überging, der es als Kartoffelscheune nutzte. Endgültig abgerissen wurde die 1977.

„Ein trauriger Vorfall ereignete sich in der Nacht vom 4. auf den 5. April 2002, als Unbekannte den Friedhof verwüsteten und schändeten und etliche Grabsteine umstürzten“, berichtet Sund aus der jüngeren Vergangenheit. 2007 habe dann Pastor Tesch zusammen mit Rabbi Levie aus Bremen auf dem Friedhof eine Gedenkfeier abgehalten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+