Bibliotheken im Landkreis Diepholz Literarische Willkommenskultur ist Thema

Wie lässt sich eine literarische Willkommenskultur für Migranten etablieren? Darüber haben sich Bibliotheksleiterinnen jetzt bei einem Treffen im Syker Bürgerhaus ausgetauscht.
04.12.2015, 00:00
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Literarische Willkommenskultur ist Thema
Von Micha Bustian

Wie lässt sich eine literarische Willkommenskultur für Migranten etablieren? Darüber haben sich Bibliotheksleiterinnen jetzt bei einem Treffen im Syker Bürgerhaus ausgetauscht.

Tigrinya, Achakzoi, Amharisch, Oromo. Nein, das sind mitnichten Namen von Feen oder Damen-Parfüm. Es handelt sich um Sprachen. Sprachen, die in Eritrea, im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, in Äthiopien und Kenia gesprochen werden. Sprachen, die von vielen Flüchtlingen gesprochen werden. Und Sprachen, die den Bibliotheken Schwierigkeiten bereiten.

Denn Sprachbilderbücher in Arabisch beispielsweise gehören seit nicht allzu langer Zeit zum Repertoire vieler Büchereien im Landkreis Diepholz. Aber Tigrinya, Achakzoi, Amharisch, Oromo? Nein. Wie können sich die Bibliotheken auf Migrantenbesuch aller Art vorbereiten? Darüber haben jetzt die Leiterinnen der Büchereien aus Stuhr, Syke, Bassum, Twistringen, Sulingen, Diepholz, Lemförde und Nienburg diskutiert. Anlass war das regelmäßig stattfindende Landkreistreffen der Bibliotheken.

Dazu hatte sich Gastgeberin Jutta Behrens einen kompetenten Gast ins Syker Bürgerhaus, Waldstraße 1, eingeladen. Martina Dannert war gekommen, um über „Willkommenskultur in Büchereien“ zu berichten. Denn sie, die Leiterin der Stadtbibliothek Osnabrück, hat in dieser Hinsicht schon einige Erfahrungen gesammelt und wurde jüngst dafür mit dem Bibliothekspreis für besondere Projekte von der VGH-Stiftung ausgezeichnet. Auch, weil es „ein wichtiges Thema“ ist, wie Birgit Heumann von der Beratungsstelle für öffentliche Bibliotheken der Büchereizentrale Niedersachsen, meinte.

Kleinigkeiten mit großer Wirkung

„Bibliotheken können viel zur Integration beitragen.“ Jetzt gehe es für die jeweilige Leitung darum, herauszufinden: „Was habe ich schon, was ist nützlich?“ Schon während ihrer Vorstellung machte Martina Dannert deutlich, dass sie reichlich praktische Erfahrung in diesem Bereich gesammelt hat. „Das beschäftigt mich schon mein ganzes Berufsleben lang, also seit 1987“, sagte sie. „Schon während des Balkankrieges in meiner Zeit in München hatte ich schon eine ähnliche Situation.“ Entsprechend hat sie sich in Osnabrück auf die Situation vorbereitet.

Kleinigkeiten seien das oft. Aber Kleinigkeiten mit großer Wirkung. „Sie müssen mit Überraschungen rechnen und Missverständnisse aushalten“, referierte sie. Die Mitarbeiter müssten sensibilisiert werden, genau zuhören und mit einfacher Sprache sprechen. Dazu spiele Höflichkeit eine große Rolle. „Wir müssen uns selbst zurücknehmen.“ Wichtig sei es, die Neuankömmlinge „gezielt in die für sie wichtigen Abteilungen zu führen“. Bei all’ dem gelte: „Nicht erzählen, zeigen.“

So viel zum Menschlichen. In Osnabrück, erzählte Martina Dannert, erhalte jeder Flüchtling für drei Monate kostenlos den Büchereiausweis, „Kinder sowieso“. Damit könnten sie ausleihen, was sie wollen, „in Hamburg ist das Angebot auf virtuelle Bestände beschränkt“.

Martina Dannert wies darauf hin, dass es von verschiedenen Anbietern Übersetzungs-Apps gebe, durch die man die Anmeldung besser vornehmen und auch anschließende Fragen von Migranten besser beantworten könne. „Es gibt bestimmt Tausende davon, wir sollten diese Hilfsmittel nutzen.“ So auch Deutsch-Kurse auf CD oder DVD. Die seien von Asylbewerbern gern genommen. Aber da tut sich das Problem mit Tigrinya, Achakzoi, Amharisch und Oromo auf. Entsprechend gelte es auch, Flyer, Anmeldeformulare und Plakate mehrsprachig zu gestalten. In Osnabrück werde zudem viel mit sogenannten Kommunikationskursen gearbeitet. Dabei hätten zwei Lehrkräfte sich sprachlich um fünf bis sieben Lernwillige gekümmert, „zu den Öffnungszeiten mitten in der Bibliothek“, wie Martina Dannert betonte.

Tablet-PC zur Übersetzung

Eine Idee, die Jutta Behrens auch in Syke gerne umsetzen würde. Sie weiß, dass das „eine Zeit dauern wird“, will das Thema aber schon am Montag in der Sitzung des Fördervereins auf den Tisch bringen. Vorher müsse sie aber noch mit Hilde Hemmer von der Stadtverwaltung sprechen, um herauszufinden, wo die meisten Flüchtlinge herkommen. Auch einen Tablet-Computer will sie an der Empfangstheke bereitlegen, „um Fragen auf Arabisch direkt ins Übersetzungsprogramm eingeben zu können“. Bereits erweitert habe sie den Bestand der Bibliothek um Arabisch-Wörterbücher und Sprachkurse auf Papier und CD.

Vornehmlich Bücher-Tipps sind es auch, die die Leiterinnen anderer Büchereien mitgenommen haben. Monika Schröder aus Twistringen hat vor, sich „einen Bestand Bücher aus dem Milchmaus-Verlag“ zuzulegen, Susanne Tietje aus Bassum hat neben „ganz vielen Notizen“ auch den Milchmaus-Verlag mit seinen nach Wunsch angefertigten fremdsprachigen Büchern auf dem Zettel. Sigrid Mattner hat in Brinkum ohnehin einen Schwerpunkt auf Migranten gelegt, weshalb sie ihr Angebot schon vorher „extra ausgebaut“ hat. „Mit dem Hauptaugenmerk auf CDs, Bildwörterbücher und Kinderbücher in seltenen Sprachen.“ Allen drei Standorten gemein ist die Einschätzung des Flüchtlingsaufkommens in ihren Bibliotheken. Susanne Tietje: „Ich habe persönlich noch nicht viel davon mitgekommen.“

Anders in Syke. „Wir kriegen die Flüchtlinge jeden Tag mit“, sagte Jutta Behrens. So habe eine Gruppe junger Männer eine Führung gemacht, „ein paar davon kommen regelmäßig wieder“. Sie hätten einen Bibliotheksausweis und würden vornehmlich DVDs ausleihen, aber auch über Smartphone und Kopfhörer in der Bücherei Deutsch lernen. „Und man merkt schon deutlich, dass es wirkt.“

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