Motorsport

Geburtstagsgrüße vom Bundeskanzler

Kurt Harries blickt auf eine lange Laufbahn als Fahrer und Funktionär beim MSC Schwarme zurück
18.08.2020, 16:51
Lesedauer: 6 Min
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Von Sven Hermann
Geburtstagsgrüße vom Bundeskanzler

Kurt Harries aus Wachendorf mit seiner Royal Ruby Russian aus dem Jahr 1917.

eso

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man die Garage samt Werkstatträumen von Kurt Harries, seit 2016 Ehrenvorsitzender des MSC Schwarme, betritt. Sowohl Pokale als auch Siegerkränze, Fotos, Poster, Fotoalben, Akten und Videos und sonstige Andenken zieren die Räumlichkeiten, die während der über 58-jährigen Mitgliedschaft auch so manche legendäre Helferfeten erlebten.

Unter anderem hängen dort auch zwei Schreiben aus dem Jahr 2002, die Harries stolz präsentiert. Darauf gratulieren ihm der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Bahn-Motorsportikone überhaupt, der Neuseeländer Ivan Mauger, zum 50. Geburtstag. Der mehrfache Weltmeister und Weltstar Mauger, der allein sechs Einzel-Weltmeistertitel im Speedway einheimste und 2018 verstarb, schrieb darin, dass der MSC Schwarme sein jährliches Rennen immer in professioneller und freundlicher Weise veranstaltet und Kurt Harries dazu als Fahrer und auch als Vorstand sehr viel beigetragen habe und dass ihn die schwere und unebene Schwarmer Bahnstrecke körperlich und geistig abgehärtet und zu einem besseren Fahrer gemacht habe. Quasi ein Ritterschlag für den Motorsport-Club Schwarme und seine unzähligen ehrenamtlichen Helfer. Und insbesondere für Kurt Harries, der 27 Jahre lang als erster Vorsitzender an der Spitze des Vereins agierte.

Auch Geburtstags-, Weihnachts- und andere Grüße haben einen Ehrenplatz in seinen Werkstatträumen gefunden, in denen der mittlerweile 68-Jährige immer noch leidenschaftlich gerne tüftelt, schraubt und bastelt. So von seinem langjährigen Freund, dem Engländer Peter Collins, der sich 1976 den Einzel-Weltmeistertitel im Speedway sicherte. „Peter hat hier mehrmals übernachtet, wir haben hier zusammen geschraubt und gebastelt. Ich war auch öfters bei ihm zu Besuch in England“, erzählt Harries. Der US-Amerikaner Bruce Penhall, Speedway-Einzelweltmeister der Jahre 1981 und 1982, war ebenfalls zu Gast in Wachendorf. Nach seiner aktiven Karriere ging Penhall nach Hollywood und machte sich dort als Schauspieler einen Namen. „Die beiden sind in früheren Zeiten auch in Schwarme gestartet. Ausnahmefahrer wie Mauger, Collins, Penhall oder auch Barry Briggs wurden zum Rennen mitunter sogar per Hubschrauber eingeflogen, da sie tags zuvor noch in anderen Ländern am Start waren. Das waren echte Könner. Die haben mit der Bahn und der Konkurrenz gespielt, ohne vorher hier zu trainieren“, schwärmt Harries, der bis zu seinem Renteneintritt im Jahr 2012 für einen Energiekonzern tätig war, noch immer.

Harries, der im August 1952 das Licht der Welt erblickte, hatte bereits im zarten Alter von 14 Jahren erste Berührungen mit dem Motorsport. „Da habe ich mein erstes Motorrad geschenkt bekommen und restauriert. Mit meinem Vater ging ich damals erstmals zu einem Renntag nach Schwarme. Man ging damals zum Schwarmer Rennen. Das war eine große Fete. Die Leute aus der Umgebung trafen sich da“, schildert Harries.

Im August 1950 fand das erste Grasbahnrennen in Schwarme statt. In diesem Jahr hätte das Rennen sein 70-jähriges Jubiläum gefeiert, doch auch diese Veranstaltung fiel der Corona-Pandemie zum Opfer. Im Januar 1972 trat Harries dann dem MSC Schwarme bei. „Mein erstes Rennen absolvierte ich auf einer Jap-Rennmaschine. Die hat 1000 Mark gekostet“, schmunzelt Harries, der sich 1973 auf einer Jawa in Osnabrück seinen ersten Sieg sicherte. Es folgte 1974 sein erster schwerer Sturz, ebenfalls bei einem Rennen in Osnabrück. Harries zog sich einen Bruch des Kniegelenks zu, verbrachte drei Monate im Krankenhaus.

Kurt Harries restaurierte das Gefährt mit viel Liebe zum Detail

Kurt Harries restaurierte das Gefährt mit viel Liebe zum Detail

Foto: eso

Sein sportlich erfolgreichstes Jahr war 1975 als Ausweisfahrer (vergleichbar mit der heutigen B-Lizenz) mit seiner neuen Rennmaschine, einer Jawa-Langhub. In Bad Hersfeld wurde er OMK (Oberste-Motorsport-Kommission)-Junioren-Pokalsieger. Dieser Titel entsprach damals dem Deutschen Meistertitel. Zudem sicherte sich Harries die Norddeutsche Meisterschaft, den Titel des ADAC-Meisters und heimste 14 weitere erste Plätze ein. Demzufolge stieg er 1976 in die Internationale Klasse (heute A-Lizenz) auf. Hier reichte es zu zehn vierten Plätzen. Er nahm zudem an der Deutschen Meisterschaft in Pfarrkirchen teil. „Die Konkurrenz war damals so stark“, erinnert sich Harries. Wilhelm Duden und auch der legendäre Egon Müller, der 1983 in Norden Speedway-Weltmeister im Einzel wurde und dreimal den Weltmeistertitel auf der Langbahn errang, zählten damals zu den Mitkonkurrenten von Harries. Renn-Ikone Müller aus Kiel war ebenfalls Stammgast in Schwarme, zunächst als Fahrer und später unter anderem auch als Tuner der erfolgreichen Nachwuchshoffnung Enrico Janoschka. „Egon moderiert heutzutage noch Oldtimer-Veranstaltungen in seiner Heimat Schleswig-Holstein. Dort treffe ich ihn häufig. Er kündigt mich dort dann ausführlich an“, lacht Harries, der auch einige Jahre für das Team des einstigen Speedway-Bundesligisten MSC Hansa Bremen fuhr.

Viele weitere alte Fahrer und Weggefährten sind ebenfalls bei diesen Oldtimer-Rallys anzutreffen. „Dort trifft man die häufig. Zu vielen alten Fahrern habe ich dadurch noch Kontakt“, ergänzt Harries, der 1977 wieder einen Rückschlag hinnehmen musste. Bei einem folgenschweren Sturz, einmal mehr in Osnabrück, zog er sich dieses Mal eine Verletzung an der Wirbelsäule mit Kompressionsbrüchen zu, die erneut einen monatelangen Krankenhausaufenthalt zur Folge hatte. Ein Jahr später zog sich Harries aus dem aktiven Rennsport zurück. „Der Mut, mit Vollgas in die Kurve zu fahren, war weg“, schildert er seinen Beweggrund, einen Schlussstrich als Rennfahrer zu ziehen.

Doch dem Motorradrennsport auf der Bahn schwor Harries, der in seinen Hochzeiten so um die 25 Sonntage im Jahr Rennen fuhr, in der Folgezeit keineswegs ab. Ganz im Gegenteil: 1980 läutete er seine zweite, viel länger andauernde Laufbahn als Funktionär ein, wurde zunächst Chef des Fahrerlagers in Schwarme, restaurierte zudem seine erste Oldtimermaschine. Zwei Jahre darauf folgte das Amt des Rennleiters. 1982 verbindet Harries auch mit einer negativen Begleiterscheinung seiner Ära, denn in diesem Jahr starb der Sudweyher Werner Maltzahn nach einem Sturz beim Schwarmer Rennen. Ein weiterer tödlicher Unfall überschattete die Veranstaltung im Jahr 1986, als der B-Lizenzfahrer Walter Diener aus Gengenbach ums Leben kam. Glück im Unglück hatte im Jahr 2013 der junge niederländische Fahrer Jeffrey Woortmann, dessen Leben nach einem Horrorsturz vor den Augen der entsetzten Zuschauer am seidenen Faden hing. Woortmann erholte sich jedoch vollständig von seinem schweren Unfall und war ein Jahr später Ehrengast eines MSC-Empfangs.

Für Harries ging es in der Karriereleiter beim Klub nach seiner Aktivität als Rennleiter weiter. 1987 wurde er Sportleiter, 1989 dann erster Vorsitzender des MSC. Dieses Amt bekleidete er stolze 27 Jahre lang bis ins Jahr 2016, ehe er zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde und fortan Marc Wessel den Vorsitz beim MSC übernahm. Harries unternahm in seiner Amtszeit viel, um den sinkenden Zuschauerzahlen entgegenzuwirken. Waren es in den 1950er- und 1960er-Jahren noch 10 000 bis 15 000 Zuschauer, die zum Renntag strömten, so waren 1989 nur noch 3000 Zuschauer dabei. Das Team um Harries organisierte Oldtimerrallyes und Festzelte, aber auch Hovercraft Luftkissenboote, Traktor Pulling, Mofarennen, bayerische Abende und vieles mehr, um die Rennveranstaltung und das Rahmenprogramm attraktiver zu gestalten.

Auch beim 50. Rennen im Jahr 2000 fanden sich nur rund 3000 Rennbegeisterte ein, dennoch fand 2005 noch ein Europafinale in Schwarme statt, bei dem der Brite Paul Hurry siegte. 2010 verlegten die Veranstalter das Rennen erstmals in den April. „Die Leute sind in den Sommermonaten viel mehr in den Urlaub gefahren, hatten außerdem andere Interessen. Zudem war es sehr heiß und die Bahn staubte die Zuschauer im Sommer sehr stark ein. Zum ersten April-Rennen kamen dann auch mehr Leute“, bemerkt Harries, der 2009 an einer Pionierfahrt von Flensburg nach Oberstdorf auf einer Windec Spezial, Baujahr 1912, teilnahm. Bei dieser Fahrt quer durch Deutschland waren nur Motorräder, die vor 1915 gebaut wurden, zugelassen. Doch die Zuschauerzahlen in Schwarme bewegten sich schließlich trotz aller intensiven Bemühungen auch in den kommenden Jahren lediglich im unteren vierstelligen Bereich.

Harries, der sich während seiner aktiven Zeit auf der Gras- und Langbahn am wohlsten fühlte und auch am im Jahr 2000 erschienenen Jubiläumsbuch „Action, Spannung und Rekorde – 50 Jahre Motorsport-Club Schwarme“ einen großen Anteil hatte, macht sich derweil Sorgen um seinen geliebten Motorrad-Rennsport. „Ich hoffe, dass diese Randsportart nach der Corona-Krise wieder in Gang kommt. Ich befürchte, dass die Gesellschaft möglicherweise zunächst den Besuch solcher Großveranstaltungen meidet“, hat Harries in dieser Hinsicht so seine Bedenken.

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