Erfahrungsbericht Das Schweigen durchbrechen

Die ehemalige Sykerin Nilüfer Türkmen hat über ihre Kindheit mit einer schizophrenen Mutter ein Buch geschrieben. Der Erfahrungsbericht ist jetzt im Lübbe-Verlag erschienen.
10.06.2021, 17:20
Lesedauer: 4 Min
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Das Schweigen durchbrechen
Von Sarah Essing

Syke/Belfast. "Es ist noch nicht so wirklich real", sagt Nilüfer Türkmen mit einem Lachen. "Ich kann momentan schließlich nicht einfach in eine Buchhandlung gehen und danach fragen." Die ehemalige Vorsitzende der Syker SPD sitzt zurzeit nämlich in Belfast und absolviert für ihr Jurastudium ein Auslandssemester. Derweil ist in Deutschland ihr Buch erschienen: "Als Mama mit der Lampe sprach". Nilüfer Türkmens Erlebnisbericht über ihre Kindheit und ihr Heranwachsen mit einer an Schizophrenie erkrankten Mutter. 

Die Idee für das Buch reicht zurück bis ins Jahr 2017. In der 13. Klasse hielt Nilüfer Türkmen ein Referat über Schizophrenie. "Viele wissen gar nicht richtig, was das ist, verwechseln es oft mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung", weiß sie. Sie hingegen hat viel recherchiert zu dem Thema und hatte aus nächster Nähe Beispiele für Symptome und Erscheinungsformen. "Ich habe komplett in der Welt meiner Mutter gelebt", sagt sie. Eine Welt voller Stimmen, Magiern, Mördern und dunklen Gestalten in der Wand. Damals war Nilüfer Türkmen vier Jahre alt. Und ihre Mutter war auf sich allein gestellt. Die gesamte Verwandtschaft hat sich distanziert. "Niemand wollte eine 'Verrückte' in der Familie haben." Ein Verhalten, dass, wie Nilüfer Türkmen heute weiß, die Krankheit nur noch verschlimmert.

Nach dem Referat riet ihr ihre Lehrerin Nicole Siebrecht: "Darüber musst Du ein Buch schreiben." Und Nilüfer Türkmen hat "einfach angefangen". An der Universität fand sie zusätzliche Unterstützung bei ihrer Dozentin Anke Fischer. "Sie hat mir Feedback gegeben, Struktur reingebracht. Das hat den Prozess vom Buch noch mal vorangebracht."

So weit voran, dass sie es – ohne das Buch veröffentlicht zu haben – bei der langen Nacht der Literatur 2018 in Bremen bereits vorstellen konnte. Die große Resonanz und der Zuspruch, den sie dabei erfuhr, gab ihr neuen Mut. "Bis dahin hatte ich gedacht, ich wäre die einzige, die diese Erfahrungen gemacht hat", erinnert sie sich. Dass dem nicht so ist, wie sie dabei erfuhr, sei "krass" gewesen, aber auch "total schön". "Ich habe gemerkt: Die Leute interessiert das." Sie schrieb das Buch zu Ende.

Dann begann die Suche nach einem Verlag. Viele hat sie angeschrieben, viele haben abgelehnt. Bis im November 2019 der Bastei-Lübbe-Verlag Interesse zeigte. Im März 2020 unterschrieb Nilüfer Türkmen den Vertrag, dann ging ihr Manuskript ins Lektorat, bis Februar 2021 hatte sie dann Zeit, alles noch mal zu überarbeiten, damit der Erscheinungstermin am 30. April 2021 eingehalten werden konnte. "Ich habe tagsüber studiert und nachts die Korrekturen gemacht", sagt sie, als wäre das ein Klacks für eine 23-Jährige. "Wenn einem etwas Spaß macht, dann ist das einfach", findet sie. Außerdem hat sie ein Ziel.

"Ich möchte erreichen, dass das Stigma, mit dem psychische Erkrankungen belegt werden, durchbrochen wird", sagt sie. Es werde "ganz wenig Aufklärungsarbeit" betrieben und gerade auch in Familien viel zu wenig thematisiert. Ein Umstand, den sie ändern möchte. Angefangen hat sie damit schon. Zurzeit ist sie als freie Referentin zum Thema Schizophrenie unterwegs. "Das ist ein Nebenjob, den ich mein ganzes Leben machen möchte", unterstreicht sie.

Doch sie hat bereits weitere Projekte im Kopf. Bei ihren Vorträgen macht sie auch Vorschläge, wie man mit psychisch kranken Menschen umgehen kann, besser umgehen als im Fall ihrer Mutter. "Dazu würde ich gern einen Ratgeber schreiben." Und auch ein Kinderbuch, eines zu Heimsituationen. Nilüfer Türkmen will damit dazu beitragen, dass Vorurteile darüber beseitigt werden. Ihre Bachelorarbeit könnte dafür der erste Schritt sein, die soll sich nämlich mit dem Sozialgesetzbuch zur Kinder- und Jugendhilfe beschäftigten. Genauer: Mit der Regel, dass Heimkinder 75 Prozent ihres Einkommens abgeben müssen. "Dabei haben Heimkinder ohnehin weitaus weniger Chancen." Als Studentin der Rechtswissenschaften hätte sie durchaus das Rüstzeug, eine Änderung dieses Gesetzes anzugehen. Doch Nilüfer Türkmen hat noch andere Pläne. Ihren Master will sie in Hamburg ablegen. Fach: Internationale Kriminologie. "Dafür habe ich mich schon immer interessiert", sagt sie. Dass ihr die Ideen ausgehen, steht also nicht zu befürchten.

Zur Sache

Nilüfer Türkmen: Als Mama mit der Lampe sprach - Meine Kindheit mit einer schizophrenen Mutter

Nilüfer Türkmen ist vier Jahre alt, als ihr Vater stirbt. Die Verwandten setzen sie und ihre Mutter vor die Tür, denn Nilüfers Mutter ist krank. Sie erteilt unsinnige Verbote, impft dem kleinen Mädchen Angst vor Infektionen und Entführern ein und spricht mit Michael, der in der Lampe wohnt, der eigentlich gar nicht da ist, aber trotzdem alles über die beiden weiß. Nilüfers Mutter leidet an Schizophrenie, nicht alles, was sie sieht und hört, existiert auch wirklich.

Mit acht Jahren schickt das Bremer Jugendamt Nilüfer ins Heim. Dort "holt sie ihre Kindheit nach", gewinnt Freunde und beginnt langsam zu verstehen, was mit ihrer Mutter los ist. Diese findet einen Platz im betreuten Wohnen, erhält Hilfe. "Da bin ich sehr froh drüber", sagt Nilüfer Türkmen, denn sie weiß, wie schnell psychisch kranke Menschen aus dem System fallen können. Sie gibt mit ihrem Erfahrungsbericht ein berührendes Zeugnis einer Kindheit und Jugend. Und gewährt damit einen Blick in eine verborgene Welt, die viel mehr Menschen betrifft, als man gemeinhin glaubt. Mit ihrem Buch will sie das Stigma durchbrechen und Aufklärungsarbeit betreiben.

Das Sachbuch aus der Reihe Erfahrungen ist im Lübbe-Verlag erschienen, hat 207 Seiten und kostet elf Euro.

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