Auch Mädchen fühlen sich im Twistringer Waldkindergarten pudelwohl / Für das neue Kindergartenjahr gibt es noch einen freien Platz Nicht nur was für Jungs

Kleine Waldmäuse sind quietschfidel, bewegen sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft, sind handwerklich begabt und kennen sich mit der heimischen Flora und Fauna aus wie kein anderer. Und werden viel weniger krank als andere Kinder in ihrem Alter – wissen Eltern und Erzieherinnen aus Erfahrung. Doch im Twistringer Waldkindergarten Waldmäuse in der Oberen Dehmse herrscht schon seit Jahren Jungenüberschuss. Woran das liegt, das wissen die pädagogischen Fachkräfte auch nicht. Weibliche Verstärkung ist dort jedenfalls gern gesehen.
20.06.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Kleine Waldmäuse sind quietschfidel, bewegen sich bei Wind und Wetter an der frischen Luft, sind handwerklich begabt und kennen sich mit der heimischen Flora und Fauna aus wie kein anderer. Und werden viel weniger krank als andere Kinder in ihrem Alter – wissen Eltern und Erzieherinnen aus Erfahrung. Doch im Twistringer Waldkindergarten Waldmäuse in der Oberen Dehmse herrscht schon seit Jahren Jungenüberschuss. Woran das liegt, das wissen die pädagogischen Fachkräfte auch nicht. Weibliche Verstärkung ist dort jedenfalls gern gesehen.

Immer diese Rehe. Sie haben die ganzen Erdbeeren abgefressen. Erzieherin Rita Horstmann stapft mit ihrer fröhlichen Kinderschar in den Garten der Waldmäuse. Ja, auch im Waldkindergarten gibt es einen eigenen Garten. „Bei uns verläuft kein Tag wie der andere“, erzählt sie schmunzelnd. Wenn die Rehe mal wieder am Werk waren, die Lütten plötzlich ein Tierfell auflesen oder starke Regengüsse das Beet mit dem selbst gezogenen Kohlrabi und den Erbsensträuchern fluten, wird die Tagesplanung der Erzieherinnen kurzerhand über den Haufen geworfen und sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Waldkindergartenlebens beschäftigt. Beispielsweise mit dem Leben von Reineke Fuchs, denn die sechsjährige Carlotta hat gerade drei junge Füchse gesichtet.

„Wie kannst Du dieses zarte Wesen bloß im Waldkindergarten anmelden?“ Carlottas Mama Petra Roess erinnert sich noch heute an die Unkenrufe von damals. Bereut hat sie es nie. Carlotta auch nicht. „Meine Tochter würde am liebsten noch ein drittes Kindergartenjahr dranhängen“, freut sich Petra Roess. Doch auch für die Sechsjährige beginnt irgendwann der Ernst des Lebens, Schule genannt.

Im Herbst feiert der Twistringer Waldkindergarten übrigens seinen zehnten Geburtstag. Träger der Einrichtung ist die Lebenshilfe Syke. Gehörten die Waldmäuse die erste Zeit noch zur Twistringer Pusteblume, sind sie inzwischen eigenständig. Leiterin Dagmar Beuke-Pölking schaut einmal in der Woche vorbei, wie es Rita Horstmann und Christa Knickmann und ihrem Bufdi (Bundesfreiwilligendienstler) Tom Krone so mit ihrer Rasselbande unter den hohen Wipfeln ergeht. 15 Plätze gibt es bei den Waldmäusen. Für das neue Kindergartenjahr ist noch einer frei. Interessierte Eltern können sich unter der Telefonnummer 0 42 43 / 9 57 00 bei Dagmar Beuke-Pölking melden. Betreuungszeit ist immer von 8 bis 12 Uhr, auf Wunsch wird auch ein Spätdienst angeboten.

Gerne würden die Waldmäuse im Sommer noch ein weiteres Mädchen in ihre Mitte aufnehmen. Die sind rar gesät in der Oberen Dehmse. Außer Carlotta wuselt dort momentan nur noch Luzie (5) durchs Unterholz. Und die steht gerade an der Säge, bastelt sich einen Holztraktor aus Baumstämmen und -scheiben. Luzie ist bei den Waldmäusen zur begnadeten Heimwerkerin geworden. „Ich kann schon fast besser sägen als Papa“, verkündet die Lütte stolz. Selbst Mädchentage hätten sie schon organisiert, erinnert sich Dagmar Beuke-Pölking. Sie kann sich auch nicht erklären, warum es so wenige weibliche Waldmäuse gibt. In anderen Waldkindergärten sei das Geschlechterverhältnis einfach ausgewogener, findet sie. „Mädchen gehen bei uns nicht unter. Sie spielen die Spiele, die sie wollen und lassen die Jungs auch schon mal links liegen“, erzählt Rita Horstmann, Erzieherin der ersten Stunde im einzigen Waldkindergarten Twistringens. Dann werde der Baumstamm mal eben nicht zum Motorrad, sondern zum Pferdchen oder zur Balancierstange für tollkühne Prinzessinnen.

„Es wird ja oft gesagt, dass sich die Kinder heute zu wenig bewegen, zu wenig Fantasie und Kreativität zeigen, zu wenig eigenverantwortliches Verhalten an den Tag legen“, sagt Dagmar Beuke-Pölking. Bei den Waldkindern sei dies aber genau das Gegenteil. „Wenn unsere Waldmäuse in die Schule kommen, bestätigen uns die Grundschullehrer immer, dass sie deutlich lösungsorientierter arbeiten und ein geringeres Aggressionspotenzial aufweisen als andere Kinder in ihrem Alter“, so die Pädagogin. Vom stärkeren Immunsystem, dem gut ausgeprägten Sozialverhalten und der nachhaltigen Liebe zur Natur ganz zu schweigen. Soviel würde es im Wald auch nicht regnen, weiß Rita Horstmann. Die, die in der freien Wildbahn am ehesten frösteln würden, seien immer noch die Erwachsenen. Wenn es doch mal tröpfeln sollte, gebe es schließlich immer noch den behaglichen Bauwagen mit der funktionierenden Gasheizung.

„Ich genieße einfach die schöne frische Luft draußen im Wald, die Ruhe und Stille. Seit ich hier arbeite, nehme ich den Wechsel der Jahreszeiten viel intensiver wahr“, schwärmt Christa Knickmann von ihrem Outdoor-Arbeitsplatz. Sie bedauert, dass sie nur ein Jahr Vertretung bei den Waldmäusen machen darf. Blöde Frage, aber was ist eigentlich, wenn Carlotta und ihre Freunde mal für kleine Waldmäuse müssen. „Ganz einfach“, sagt Rita Horstmann, und öffnet die Tür zum stillen Örtchen. „Bei uns funktioniert das aber ohne Spülen, wir streuen einfach Rindenschrot drauf“, weiht sie alle in die Geheimnisse des Waldkindergartenlebens ein. Ganz wichtig: Lange Hosen, lange Oberteile und Mützen gehören auch im Sommer zur Grundausstattung in der freien Wildbahn. Kleine Waldmäuse lassen sich schließlich nur ungern von Mücken und Zecken malträtieren. Und im Bauwagen findet sich stets eine Garnitur Wechselkleidung.

Wenn Leon (4) und Leonard (5) im Wald nicht gerade ein Tipi bauen, so hoch die Bäume empor klettern, dass sie mit dem dichten Grün der Baumkrone schon fast verschmelzen, legen sie sich eben an den kleinen Bachlauf, keschern Kaulquappen oder fangen Bachflohkrebse. „Oder wir besuchen Ingeborg, unsere Nachbarin“, schaut auch Paul (5) gern bei der älteren Dame vorbei, die wie die Waldmäuse in der Oberen Dehmse lebt. Wie sich Kaulquappen irgendwann in Frösche verwandeln, werden auch Waldmäuse langsam groß und müssen die Schulbankbank drücken.

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