Fußball

Der Allrounder im Hintergrund

An der Seite von Trainer Lutz Schröder ist Betreuer Nick Holthusen beim TSV Okel eher der ruhige Part. Seine Arbeit findet nicht immer im Vordergrund statt, ist aber enorm wertvoll für den Verein.
05.12.2020, 04:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup

Ein Zampano an der Seitenlinie ist Nick Holthusen ganz sicher nicht. Wenn es beim Fußball-Bezirksligisten TSV Okel einmal lauter wird, überlasst er die Rolle des Lautsprechers gern Lutz Schröder. „Ich bin eher der stille Typ“, sagt Holthusen über sich selbst. Der Betreuer mag also nicht der Auffälligste sein, wenn der Ball rollt. Fehlt er aber, ist das in Okel deutlich zu spüren. In vielerlei Hinsicht ist er nicht mehr wegzudenken.

Die Rolle in der zweiten Reihe liegt Nick Holthusen. Dabei hat er durchaus Erfahrung als Trainer aufzuweisen, feierte mit der Zweiten im Jahr 2019 sogar den Aufstieg in die 2. Kreisklasse. „Daran hatte Helmut einen großen Anteil“, sagt Holthusen. Helmut heißt mit Nachnamen Volkmann und war nicht nur Holthusens erster Coach im Herrenbereich, sondern auch der Trainerpartner während der Erfolgssaison. Den Ruhm des Aufstiegs will Holthusen nicht für sich allein beanspruchen. Das passt nicht zu ihm – denn das Rampenlicht sucht er nicht.

Anpacken entspricht seiner Natur viel mehr. Wenn sich die Akteure der Ersten sonntags zum Spiel einfinden, ist Holthusen längst mit der Partie beschäftigt. „Eigentlich geht der Spieltag in der Nacht vorher schon los. Ich schlafe oft sehr schlecht vor Fußballspielen, weil ich aufgeregt bin und mir Gedanken mache. Ich arbeite das Spiel schon durch, bevor es stattgefunden hat“, verrät er. Und auch am Spieltag selbst ist er frühzeitig auf dem Sportplatz, um bei der Zweiten zuzuschauen und alles für die Partie der Bezirksliga-Elf vorzubereiten. „Damit die Spieler sich sofort umziehen können, wenn sie kommen, und die Besprechung beginnen kann“, erklärt Holthusen. Er gibt dem Spieltag Struktur – das gefällt auch Trainer Lutz Schröder. „Lutz und ich ticken sehr ähnlich. Wir sind sehr akribisch, alles muss funktionieren“, verdeutlicht Holthusen, dass er und der Coach auf einer Wellenlänge funken.

Holthusen hilft, wo er kann

Zwischen ihm und dem Coach hat sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Donnerstags sprechen sie meist über die Aufstellung für das Wochenende, am Spieltag selbst folgt ein schnelles Update: Sind alle da? Müssen wir noch etwas verändern? Und dann gibt es da ja noch die zahlreichen kleinen Aufgaben. Die nahezu unsichtbaren. Holthusen nimmt die Schiedsrichter und die Gästemannschaft in Empfang, zeigt ihnen, wo sie sich umziehen können und hat bei Nachfragen schnelle Antworten. „Das sind Sachen, die nicht groß aufwändig sind“, findet er. Aber Dinge, die wichtig sind und die bei dem Vorhaben helfen, dass sich die Mannschaft und Schröder auf das Spiel fokussieren können. Das gilt auch für Rico Volkmann und Marlon Reyher. Beide gehören zum Trainerstab, stehen aber selbst auf dem Platz. „Am Spieltag sollen sich Rico und Marlon auf das Spiel konzentrieren“, sagt Holthusen. Den Rest macht der Allrounder im Hintergrund schon. Er hat alle Aufgaben im Blick, die rund um ein Spiel oder eine Trainingseinheit herum anstehen. „Den Überblick zu haben, fällt mir sehr leicht“, sagt er. Dass er nach der Partie beim Aufräumen hilft, ist Ehrensache.

Die Begeisterung für den TSV Okel und für den Fußball ist bei den Holthusens in der Familie fest verankert. „Der TSV gehört zu unserem Leben dazu. Nicht selten wird das ganze Wochenende um den Fußball herum strukturiert“, gibt der Okeler einen kleinen Einblick. Er selbst spielte in der E-Jugend unter anderem mit Rico Volkmann und Kai-Uwe Quast zusammen. Es war ein typisches Dorffußball-Szenario: „Wir waren eine Siebenermannschaft, aber nur acht Kinder. Wenn zwei gefehlt haben, haben wir einfach zu sechst gespielt.“ Dann legte Holthusen eine Pause ein, startete erst wieder im Herrenbereich durch. „Ein richtiger Wettbewerbsfußballer war ich aber nie. Mir hat es mehr Spaß gemacht, dienstags und donnerstags mit fünf Mann über den Rasen zu hecheln als mich sonntags mit irgendwelchen Gegenspielern auseinanderzusetzen“, zog er stets das Training dem Spiel vor.

Am wohlsten fühlt sich Nick Holthusen aber an der Seitenlinie. Den Weg dorthin ebnete ihm Volker Lumpe. „Als er die zweite Herren übernommen hat, hat er mich gefragt, ob ich ihn unterstützen will. Er kannte mich offenbar besser als ich mich selbst: Er hat gesagt, er könnte sich vorstellen, dass ich das gut mache“, blickt Holthusen auf die Anfänge zurück. „Und dann hat sich relativ schnell gezeigt, dass Volker recht hatte, dass ich ein gewisses Talent und auch Spaß an dieser Aufgabe habe.“ Lumpe und Holthusen – das passte. „Das war eigentlich für mich die perfekte Kombination: Er war der, der an der Linie stand und auch mal laut wurde, und ich habe alles andere gemacht“, sagt Holthusen.

Auch an der Seite Schröders, der seit Sommer 2018 die erste Herrenmannschaft trainiert, fühlt er sich rundum wohl: „Wir hatten sofort einen guten Draht zueinander. Als wir gemeinsam zu einer Gegnerbeobachtung gefahren sind, haben wir uns richtig kennengelernt und hatten Zeit, auch über Privates zu sprechen. Da war für mich klar: Dieser Mensch ist mehr als in Ordnung. Auch fußballerisch ticken wir ähnlich. Dieses Planen, dieses Akribische, dieser Perfektionismus, das verbindet uns. Das ist eine super Basis.“ Eine Menge könne er von Schröder lernen, sagt Holthusen, der in dem Coach eine Art Mentor sieht.

Ein Faible fürs Schreiben

Auch abseits des Platzes haben beide ein Projekt vorangetrieben: ein Saisonheft zur Aufstiegsserie 2018/19. „Als wir im Winter angefangen haben, war noch gar nicht klar, ob es beide Mannschaften schaffen. Aber das war uns egal. Wir haben uns gesagt, wir machen das Heft. Und am Ende hat es ja super gepasst“, sagt Holthusen. Für den Verein und die Abteilung hat er unvergessliche Erinnerungen zu Papier gebracht. Ein Faible für Berichte hatte er bereits zuvor entwickelt. Sonntags ging es dann nach den Spielen vom Sportplatz direkt an den Rechner. Dann begann die Schreibarbeit. „Da saß ich dann schon mal bis Mitternacht an den Berichten. Das waren 14-, 15-Stunden-Tage“, hatte der Statistik-Fan noch lange nicht Feierabend, als sich viele Verantwortliche und Spieler bereits auf die neue Woche einstellten. So genau wie die Okeler hat wohl kein Amateurklub seine Spiele aufgeschlüsselt: Taktische Formation, Torschüsse, Ecken und sogar Abseitsstellungen sind bis ins Detail erfasst.

Holthusens Berichte kamen und kommen gut an. Seit Beginn der Saison erhalten Besucher der Heimspiele zudem den Mühlenreport, ein achtseitiges Heft mit allen Informationen über den TSV und seine Mannschaften, die Bezirksliga und die Kontrahenten. „Die Idee hatte Marlon Reyher. Er hat uns beim Saisonheft bereits unterstützt und ein gutes Händchen für Grafikdesign. Drei Monate vor der Saison haben wir uns darüber ausgetauscht, ob wir nicht zu jedem Heimspiel ein Heft machen wollen. Darauf hatte ich richtig Lust“, sagt Holthusen. Von jeder Mannschaft werde sich sicherlich ein Ehrenamtlicher finden, um zu berichten, glaubte Reyher. Doch da hatte er die Rechnung ohne seinen Mitstreiter gemacht. „Ich schreibe alles selber, habe ich zu ihm gesagt“, muss Holthusen selbst ein bisschen schmunzeln. Denn Reyhers Einwand, dass das viel Arbeit sei, entpuppte sich als richtig. „Aber mir macht das Spaß“, füllt Holthusen den Mühlenreport allzu gern mit Leben.

Besonders die Mitte des Heftes gefällt ihm. Die Doppelseite mit der Spielervorstellung und dem Interview mit einem Ehrenamtlichen nennt er liebevoll das Herzstück des Mühlenreports. Es ist der persönlichste Teil des Hefts. Holger Quast, Helmut Volkmann oder auch Uschi Eggers hat Holthusen bislang porträtiert. „Wir haben eine ellenlange Liste“, könnte er locker 40, 50 Ausgaben füllen. „Es ist schön für die Ehrenamtlichen, wenn sie von sich selbst lesen, aber auch wenn andere sehen, was sie alles leisten. Das bekommt man sonst gar nicht mit, weil es als selbstverständlich angenommen wird, wie sich hier jeder einbringt. Ich finde, das ist eine gute Rubrik, um den Ehrenamtlichen etwas zurückzugeben.“ Und sie bringt darüber hinaus selbst eingefleischten Okelern ihren Klub noch ein Stück näher. „Der Verein ist etwas ganz Besonderes“, findet Holthusen. Dieser Faszination verleiht er in seinen Berichten Ausdruck.

Er selbst ist durch diese Aufgabe noch näher dran an seinem Verein als zuvor. Und obwohl er bereits ungezählte Stunden investiert hat, ist Holthusen noch lange nicht TSV-müde. Im Gegenteil: „Ich würde am liebsten noch viel mehr machen“, sagt er. Nur für die Rolle als Zampano an der Seitenlinie wird er auch in Zukunft nicht zu haben sein.

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