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Ein langsames Herantasten

Die Reitvereine fahren den Betrieb wieder hoch, die Profis haben sogar erste Turniere hinter sich gebracht.
14.05.2020, 13:11
Lesedauer: 5 Min
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Von Thorin Mentrup
Ein langsames Herantasten

Kevin Martsch ist dem RFV Okel seit Jahren auch durch seine Familie eng verbunden.

Vasil Dinev

Okel/Groß Mackenstedt. Normal läuft der Betrieb noch nicht. Aber es geht weiter. Immerhin. Auch beim Reit- und Fahrverein Okel. „Wir haben begonnen, das Vereinsleben langsam wieder hochzufahren“, verdeutlicht der Vorsitzende Andreas Greimann. Die Mitglieder des Klubs, egal ob Fahrer, Springreiter oder Voltigierer, mussten in den vergangenen Wochen ohne ihren Sport auskommen. „Wir haben die komplette Anlage gesperrt. Die Halle war abgeschlossen“, erklärt Greimann. Die Pferde wurden versorgt und bewegt. Ansonsten: komplette Ruhe. Wie überall im Breitensportbereich. Berufsreiter hingegen haben bereits wieder bei Turnieren im Sattel gesessen.

Die Okeler hatten Verständnis für die Sperrung des RFV-Geländes. „Es ist eine Ausnahmesituation“, sagt Greimann. Eine, die noch immer anhält. Der Klub hat für seine Mitglieder bei der Rückkehr Verhaltensmaßnahmen aufgestellt. Abstand halten und Hygieneregeln achten – das ist auch in Reitvereinen das oberste Gebot. Es ist ein langsames Herantasten Training findet überwiegend im Freien statt. Immerhin darf die Reithalle genutzt werden. Dafür hat sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung stark gemacht. In Reithallen, auch in Okel, ist eine wesentlich stärkere Zirkulation möglich als in den meisten Sporthallen, in denen Hand- oder Basketball gespielt wird. „Trotzdem ist maximal eine Gruppe mit einem Pferd in der Halle“, berichtet Greimann. Und dann wird ordentlich gelüftet: Die rückseitige Hallentür wird komplett geöffnet. Während die Fahrer auf dem Außengelände wieder aktiv sein dürfen, wenn auch höchstens zu zweit auf der Kutsche, sind die Einschränkungen beim Voltigieren spürbar: Kleingruppen, Training möglichst im Freien, aber vor allem: kein Gruppenvoltigieren.

Offen ist, wann Voltigierer, aber auch Fahrer sowie Spring- und Dressurreiter und ihre Pferde als Wettkampfpartner ihre Fähigkeiten wieder auf Turnieren zeigen können. Nicht nur das Okeler Osterturnier ist ausgefallen, auch die Veranstaltung für Fahrer und Voltigierer findet nicht statt. Greimann kann sich vorstellen, dass die grüne Saison im ländlichen Bereich komplett ins Wasser fällt. „Vielleicht muss man auch das komplette Jahr abhaken“, sagt er.

Unweit des Okeler Vereinsgeländes, in Osterholz, arbeitet Kevin Martsch in seinem Turnier- und Ausbildungsstall. Natürlich hat er mitbekommen, wie die Situation beim RFV ist. Schließlich ist er dem Klub seit Jahren auch durch seine Familie eng verbunden. Auf Turnieren startet er noch immer für den Verein, auch wenn er in Riede wohnt. Martsch ist auf den Veranstaltungen der Region ein viel und gern gesehener Gast. Doch er ist auch in einer anderen Situation als die Amateur- und Breitensportler: Er ist Berufsreiter, kümmert sich in seinem Stall „immer so um die zehn Pferde“, wie er sagt.

Keine Förderung möglich

Auch für die Profis wie Martsch ist die Situation eine andere als vor Corona. Sie konnten ihrem Beruf zuletzt nur eingeschränkt nachgehen, die Pferde, die ihnen anvertraut wurden, nicht auf Turnieren präsentieren und ausbilden. Dabei sind Wettkämpfe durchaus wichtig für die Förderung der jungen Pferde: Werden sie ein Jahr älter, starten sie in einer höheren Klasse. Altersgerecht einsetzen könne man die Tiere nur, wenn sie Erfahrung sammelten, so Martsch. Ohne Turniere „müsste man in Zukunft die Prüfungen umschreiben“, sagt er. Auch Dennis Schlüsselburg weiß das: „Es ist wichtig, dass die jungen Pferde etwas lernen und auch mal etwas anderes sehen als immer nur denselben Hof.“ Schlüsselburg ist im Familienbetrieb in Groß Mackenstedt unweit des Steller Sees beschäftigt. Er lebt von Zucht, Ausbildung und Turniervorstellung. In zwei Parcours ging immerhin die Ausbildung weiter. Auch Geländeritte standen auf dem Plan.

Allerdings fehlten Turniere bis zuletzt im Kalender. Ende April richtete der RV „Der Montagsclub“ in Westergellersen auf dem Gelände in Luhmühlen das erste Corona-Turnier für Berufsreiter aus, am vergangenen Montag endete das zweite. Martsch war bei beiden dabei. Er erlebte Veranstaltungen unter speziellen Bedingungen: Mundschutzpflicht außer im Sattel und bei der Vorbereitung des Pferdes, pro zwei Pferde maximal ein Pfleger oder Begleiter, digitalisierte Meldestelle, keine Zuschauer. „Nicht seltsam, aber anders“, wie er findet. Mehr eine Ausbildungsmaßnahme als ein richtiges Turnier. Hohe Preisgelder waren jedenfalls nicht abzuräumen.

Er habe sich die gesamte Zeit über sicher gefühlt, erzählt Martsch. Denn auch er ist vorsichtig: „Die Gesundheit steht im Vordergrund. Wenn ich mich nicht wohlgefühlt hätte, wäre ich nicht losgefahren.“ Die Bedingungen seien anders, aber gut gewesen. „Alle haben sich super an die Vorgaben gehalten.“ Beim ersten Mal reiste er ausschließlich mit dem Hannoveraner Quiwi‘s Stolz an, beim zweiten Mal zusätzlich mit dem Holsteiner Quatja. Das Sicherheitskonzept überzeugte ihn. „Da ist viel Arbeit reingeflossen“, weiß er.

Kleine Vereine leben vom Verkauf

Das hat auch Schlüsselburg gespürt. Er war beim jüngsten Berufsreitertreffen dabei, ebenso wie Lennard Runge, der seit rund einem Jahr auf dem Hof arbeitet. Beide starteten nicht am selben Tag. Acht Pferde präsentierten sie. Ein mulmiges Gefühl hatten sie nicht: „Das war wirklich gut organisiert. Entscheidend ist, dass sich alle an die Vorgaben halten und an einem Strang ziehen“, so Schlüsselburg. Das habe funktioniert.

Er finde es gut, dass es weitergeht, sagt Martsch: „Es ist in jeder Branche wichtig, wenn es Lockerungen und einen Fortschritt gibt. Das gilt auch für uns.“ So, wie ein Bauarbeiter unter besonderen Maßnahmen auf die Baustelle dürfe und wie am Wochenende die Fußball-Bundesliga wieder beginne, sei es wichtig, dass auch Berufsreiter ihrer Aufgabe wieder nachgehen könnten. Auch wenn es Kritik gibt. Da ist von einer Sonderrolle der Profis die Rede – genau wie beim Fußball. „Ich kann das verstehen“, gibt Martsch zu. Dafür kennt er die Situation bei kleinen Vereinen wie dem RFV Okel zu gut. Andererseits seien für das Treffen in Luhmühlen viele Stunden in Hygiene- und Sicherheitskonzepte geflossen. Ob das auf Turniere im ländlichen Raum übertragbar ist? Martsch stellt sich das schwierig vor: „Für kleine Vereine ist das schwieriger umzusetzen. Oft ist das Gelände kleiner. Die kleinen Vereine leben außerdem von den Zuschauern und vom Verkauf.“ Schlüsselburg hat derweil die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sein RFV Steller See hat bislang weder sein Dressurturnier am 28. und 29. Juli noch sein Springturnier vom 2. bis 4. August abgesagt.

Dass Turnierabsagen finanzielle Einbußen bedeuten, liegen auf der Hand. Wie stark der RFV Okel betroffen sein wird, kann Greimann noch nicht sagen. Sicher ist dagegen: „Wir haben keine Kündigungen von unseren Mitgliedern erhalten, obwohl sie nicht aufs Gelände konnten.“ An Zusammenhalt mangelt es den Reitern nicht. Der RFV Steller See setzt derweil auf den Faktor Zeit. Vielleicht helfen auch Erkenntnisse aus Luhmühlen weiter. Dann hätte das Berufsreitertreffen auch den Breitensportlern geholfen.

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