Café Alte Posthalterei

„Was wollt ihr mit der alten Schabracke?“

Das Café Alte Posthalterei feiert runden Geburtstag. Am 22. September vor zehn Jahren wurde es eröffnet. Der Verein rund ums Syker Rathaus wurde anfangs gefragt: „Was wollt ihr mit dieser Schabracke?“
09.09.2020, 17:03
Lesedauer: 4 Min
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Von Dagmar Voss
„Was wollt ihr mit der alten Schabracke?“

Sie haben's möglich gemacht: Brigitte Haase (von links), Johannes Huljus und Gerhard Thiel haben sich für die Restaurierung der alten Postscheune eingesetzt.

Michael Galian

Syke. Es klingt wie eine wundersame Wandlung von einer abbruchreifen Ruine zu einem beliebten Café. Wobei Wandlung ein bisschen nach Zauberei klingt, doch das war es nicht. Es war harte Arbeit, die die Aktiven des Vereins Rund ums Syker Rathaus (RuSR) ab 1997 – Gründungsjahr desselben – da geleistet haben, bevor das einst heruntergekommene Gebäude dann vor zehn Jahren als Kaffeestube eröffnet werden konnte.

„Wir haben den Verein zur Förderung von Bildung, Kultur und Begegnung gegründet und uns lange mit der Stadt darüber auseinandergesetzt, ob es sich überhaupt lohnen könnte, diese Fachwerkscheune zu erhalten“, erinnert sich Gründungsvorsitzende und damalige Bürgermeisterin Brigitte Haase. Im Raum habe die Frage gestanden: „Was wollt ihr mit dieser alten Schabracke?“ Haases Gründer-Kollege Johannes Huljus weiß noch: „Seit 2001 hatte das Gebäude leer gestanden, und erst die Diplomarbeit eines jungen Syker Bauingenieur-Studenten wurde 2005 zur Grundlage der Erhaltung des Gemäuers – und der Stadtrat beschloss dann zum Glück, 50 Prozent der geschätzten 315 000 Euro Baukosten dazuzugeben. Um den Rest sollten wir als Verein uns selbst kümmern.“ Da kam ein weiteres Gründungsmitglied in Person von Gerhard Thiel ins Spiel, der sich als Vertreter der Volkshochschule (VHS) um weitere Zuschüsse kümmerte.

Eigentlich gehörten ja drei Häuser zum historischen Ensemble: die Adressen Nienburger Straße 5, Waldstraße 1 und Waldstraße 3. Und alle drei schienen zur Nutzung ungeeignet, eher Bruchbuden. Im Jahr 2008 kam „Bewegung in die Rettungsaktion für die Alte Postscheune in der Waldstraße 3“, berichtete der Syker Kurier. „Die VHS möchte gerne nach der Sanierung des über 230 Jahre alten Gebäudes einige Räume für die Dauer von zunächst 30 Jahren nutzen. Dafür will sie sich mit 100 000 Euro an den Kosten beteiligen“, hieß es weiter. Im Konzept war seinerzeit vorgesehen, dass ein Café mit Ausstellungsfläche im Westflügel entsteht, ein historisches Trauzimmer, das auch für Seminare genutzt werden kann, in der südlich gelegenen Hausmitte sowie ein Seminar- und Mehrzweckraum im östlichen Teil. In der nach Norden weisenden Gebäudemitte sollten Toiletten untergebracht werden.

Am Spieker vorbeigelinst: Im Garten des Cafés wird am Sonntag der zehnte Geburtstag gefeiert.

Am Spieker vorbeigelinst: Im Garten des Cafés wird am Sonntag der zehnte Geburtstag gefeiert.

Foto: Michael Galian

Es fehlten immer noch einige Euro für die Sanierungsfinanzierung. Daher sollten eine Menge Eigenleistungen des Vereins eingebracht werden und so entstand eine „rüstige Rentnergang“ mit Bernd Brümmer als Antriebsfeder. Die circa neun Herren erledigten sodann eine Vielfalt der anstehenden Sanierungs-, Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten. Vor allem waren sie aktiv bei der Aufstellung des Fachwerk-Spiekers, den sie aus Wachendorf abholten und zwischen 2012 und 2014 restaurierten.

Vorher, am 22. September 2010, war es also zur Eröffnung des Cafés gekommen. Ziemlich zügig entwickelten sich mehr und mehr Ideen dazu, was eigentlich inhaltlich alles in die Tat umgesetzt werden sollte: „Kulturelles, Interkulturelles, Politisches, Menschliches“, so Thiel. Es kamen also Kunstausstellungen dazu, Musik im Café-Garten, ein internationaler Mittagstisch, viele Vorträge und Diskussionen. „Schon 2011 erhielten wir den Niedersachsen-Preis für Bürgerengagement“, erinnert sich Huljus. Denn immerhin sei von Anfang mit im Plan gewesen, dass vor allem auch Migranten hier willkommen seien und möglichst auch mitarbeiten könnten. Es entwickelte sich ein Sprachencafé für Begegnung und Kommunikation.

„Unser Team wurde immer größer – heute sind es rund 30 Leute – und immer bunter“, so Huljus, „das ist gelebte Integration junger und älterer Geflüchteter“. Viele von ihnen sind ehrenamtlich im Café tätig. Letztlich ist der Haushaltsposten des selbstständigen Vereins bei festangestellten Mitarbeitern gering, aber „vom Überschuss der Einnahmen finanziert der Verein soziale Projekte, zuletzt die Instandsetzung des historischen Fachwerkhauses am Jugendzentrum Lindhof und 2014 schon den Spieker am Café. Alle arbeiten ohne Gehalt, nur das Trinkgeld wird verteilt“, erzählt Thiel. Nicht zuletzt fließt natürlich auch Bares in die leckeren Kuchen und Torten, die sie von hiesigen Bäckerinnen beziehen. Nach diesem erquicklichen Rückblick antworten Thiel und Huljus zur Frage, wie es in zehn Jahren denn mit der nächsten Generation aktiver Ehrenamtlicher aussehen könnte: „Das wird schon, es gibt da einige Leute, es sind etliche da.“

Bitte Lächeln: Das Team des Cafés Alte Posthalterei arbeitet ehrenamtlich. Trinkgelder werden aufgeteilt.

Bitte Lächeln: Das Team des Cafés Alte Posthalterei arbeitet ehrenamtlich. Trinkgelder werden aufgeteilt.

Foto: FR

Eine richtig große Party zum Zehnjährigen wird es nicht geben, „aber die Musik im Café-Garten wollen wir auf jeden Fall veranstalten – wenn das Wetter denn mitspielt“, sagt Johannes Huljus. Am kommenden Sonntag, 13. September, ab 15 Uhr ist es dann soweit. „Die Corona-Regeln für die Gastronomie werden streng beachtet, die Gartentische stehen jeweils drei Meter voneinander entfernt, Stehplätze gibt es nicht. Rechtzeitiges Kommen empfiehlt sich also.“ Von der Jazzband School House Seven aus Bassum gibt es Nostalgisches für Freunde des klassischen Dixieland-Jazz.

Eine umfangreiche Fotodokumentation zum Geschehen der ganzen Erhaltung ist ab sofort zu sehen. Der Name: „Zehn Jahre Café Alte Posthalterei – vom verfallenden historischen Fachwerkbau zum kleinen Kultur-Café“. Wie es dazu kam, vom Entrümpeln des Gebäudes, der Instandsetzung, der Entstehung des Konzepts gemeinsam mit der VHS, das „Handanlegen“ und was alles bisher in und um das Café geschah. Der erste Teil im Café zeigt die Sanierungsarbeiten. Der zweite Teil im Spieker, was der Verein sonst noch alles so gemacht hat.

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