Was geschah wirklich, was waren die Motive?

Schlägerei bei Zirkus Granada: Tierschutz oder Rassenhass?

Am Sonnabend gerieten in Bassum Aktivisten und Mitarbeiter des Zirkus Granada aneinander. Der SYKER KURIER sprach mit Beteiligten über die Ausschreitungen und mit dem Veterinäramt über den Tierschutz.
09.04.2018, 17:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Lieselotte Scheewe und Dominik Albrecht
Schlägerei bei Zirkus Granada: Tierschutz oder Rassenhass?

Karl Lauenburger kann die Anschuldigungen von "Animals United" nicht verstehen. In Boxen wie diesen werden die Tiere transportiert. Dabei sollen sie sich nicht länger als drei Stunden in ihnen befinden.

Jonas Kako

Bei Ausschreitungen auf einem Supermarktparkplatz in Bassum in der Nähe des Zirkus Granada ist eine Frau schwer verletzt worden. Wie am Montag kurz berichtet, hatten Tierschützer der Gruppe "Animals United" eine Mahnwache auf dem Platz vor dem Zirkus angekündigt. Diese hatten sie laut Polizeisprecher Jens Gissing auch angemeldet. Bereits bevor es losging, seien sie aber von Mitgliedern des Zirkus verbal und körperlich attackiert worden, heißt es von den Betroffenen.

"Es ist hoch hergegangen. Mitglieder des Zirkus sollen die Animal United-Leute schon vor der Mahnwache angegriffen haben. Sie sollen auch mit Dachlatten oder anderen Hölzern auf die Tierschützer losgegangen sein", sagt Gissing. Die Polizei war zu dieser Zeit noch nicht vor Ort und bezieht sich auf die Berichte, die sie vor Ort von den Betroffenen und Beteiligten erhielt. "Die schwerverletzte Frau ist eine gute Freundin von mir. Sie war auf dem Weg zur Mahnwache gegen die Haltung von Tieren in Zirkussen", berichtet Jennifer Nielsen. Als ihre Freundin auf dem Parkplatz ankam, habe sie bereits gesehen, wie die Zirkusmitarbeiter die Aktivistinnen verfolgten und schlugen. Sie habe Beweise für ein späteres Strafverfahren sichern wollen und fing an, die Situation zu filmen. "Der Zirkusdirektor und sein Sohn waren zu der Zeit mit einer Dachlatte auf dem Parkplatz angekommen und haben meiner Freundin von hinten mit der Dachlatte auf den Kopf geschlagen", sagt Nielsen.

Aus dem Polizeibericht geht zudem hervor, dass drei weitere Personen leicht verletzt wurden. Gissing bestätigt, dass diese unter den Tierschützern waren. "Es wird ermittelt wegen Körperverletzung. Wenn tatsächlich eine Dachlatte mit im Spiel war, dann sprechen wir von gefährlicher oder schwerer Körperverletzung", sagt er. Trotz der Auseinandersetzungen auf dem Parkplatz setzten die Tierschützer ihre Mahnwache vor dem Zirkus fort. Die Vorstellung des Zirkus fiel an diesem Nachmittag aus. "Nicht weil wir sie untersagt haben, sondern weil der Zirkus sich nach den Ausschreitungen nicht dazu in der Lage sah", erklärt Gissing. Die Polizei hatte für die Zirkusmitarbeiter bei der Mahnwache Platzverweise erteilt und einen der Mitarbeiter in Gewahrsam genommen. Gissing fügt aber auch hinzu: "Wie es ganz genau abgelaufen ist, das ist noch Ermittlungsarbeit."

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Wenn es nach Karl Lauenburger geht, ist die Sache hingegen schon längst klar. Er betreibt den Familienbetrieb mit Wurzeln in Schleswig-Holstein in der achten Generation, kommt alle zwei Jahre nach Niedersachsen. Seit vier Monaten werde sein Zirkus bei Vorstellung unter anderem in Buchholz, Scheeßel, Achim und Blumenthal von speziell einem Mitglied der Gruppe "Animals United" verfolgt, sogar von "Stalking" ist die Rede. Im Dezember habe alles mit einem Weihnachtszirkus in Buchholz angefangen. Besagtes Mitglied der Organisation sei Mitstreiter für eine Demo vor Ort gewesen. "Statt diese an der Stelle zu machen, wofür sie auch die Erlaubnis hatten, kamen sie auf unser Gelände und haben dort ihre Banner und Schilder ausgebreitet", beschreibt Karl Lauenburger. Als der Zirkusbesitzer die Demonstranten darauf hinwies, dass sie das Gelände verlassen mögen, sollen sie nach seinen Worten mit Beschimpfungen reagiert haben.

Zirkusbetreiber vermutet Feldzug gegen ihn

Dabei ist sich Karl Lauenburger sicher, dass es dem besagten Tierschützer nicht um das Wohl von Kamel, Alpaca, Ziege und Co. geht. Vielmehr spricht er von einem regelrechten Feldzug gegen seine Person. "Ich bin Zigeuner. In Achim hat er mir unter Zeugen den Hitlergruß gezeigt, wofür ich ihn auch angezeigt habe", sagt der 56-Jährige und fügt entschlossen an, es geht allein um "Krawall und Rassenhass." Angst hat Karl Lauenburger nach eigener Aussage trotz aller Vorkommnisse nicht. Er lebe normal weiter, werde aber die Überwachung des Geländes ausbauen. Schon jetzt schaue er nachts stündlich nach den Tieren und dem Zelt. "Und ab dem nächsten Standort werden wir den gesamten Zirkusbereich per Video überwachen lassen."

Unterstützung erhält Karl Lauenburger von Peter Köllner. Der Artist kennt den Zirkusbesitzer und ist zu Besuch in Bassum. Als er den Aktivisten bei einem der Vorstellungen erkannt hat, suchte er das Gespräch mit ihm, ohne seine Nähe zum Zirkus preiszugeben. "Da hat er gesagt, dass er weiß, dass hier alles in Ordnung ist. Er will Karl Lauenburger so lange auf die Palme bringen, bis er explodiert. Und das ist am Wochenende passiert", berichtet Köllner. 30 000 Euro Schaden hat Karl Lauenburger durch diese Odyssee nach eigenen Worten bereits erlitten. "Wir haben hier einen Betrieb, müssen Steuern, Kaution und Platzgeld bezahlen. Wir haben hier nichts verdient."

Zirkus noch nicht bei den Behörden aufgefallen

Lauenburger verweist abschließend darauf, dass nicht Tierschützer dafür verantwortlich sind, ob Tiere angemessen behandelt werden, sondern das Veterinäramt. Und bei den Behörden ist der Zirkus sowohl aktuell als auch in der Vergangenheit keineswegs negativ aufgefallen. "Der Zirkus Granada war schon öfter in Bassum zu Gast, und bislang lief alles absolut problemlos", sagt Andreas Abelt vom Ordnungsamt in Bassum. Er war am Sonnabend ebenfalls vor Ort, kam allerdings erst zur Mahnwache selbst, als die körperlichen Ausschreitungen sich auf dem Supermarktparkplatz bereits ereignet hatten. "Da war noch eine sehr aufgeheizte Stimmung, beide Seiten haben sich nicht viel gegeben, was die verbalen Beschimpfungen anging", berichtet Abelt.

Den Vorwurf der Tierschützer kann das Veterinäramt nicht teilen. Der Zirkus Granada habe sich ordnungsgemäß bei der Behörde gemeldet. "Unsere Kollegen sind vor Ort gewesen und haben sich die Tierhaltung angesehen. Es gab keine Beanstandung", sagt Thorsten Abeling vom Veterinäramt des Landkreises Diepholz. Platz und Haltung, sowie das Erscheinungsbild der Tiere, also was Hufpflege und weitere pflegerische Merkmale angeht, seien in Ordnung gewesen. Zudem halte der Zirkus nicht viele Tiere und dabei vor allem Rassen wie Pferde, Esel, Ziegen und Lamas und keinerlei Wildtiere.

Wo der Zirkus Granada sein nächstes Gastspiel hat, möchte Karl Lauenburger aus Sorge, dass die Aktivisten ihm folgen, nicht verraten. Eine Rückkehr nach Niedersachsen schließt er jedoch komplett aus: "So lange ich lebe, kommen wir nicht mehr her. Was hier passiert ist, hätten die Behörden nicht zulassen dürfen."

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