Neue Schiedsmänner

Schlichten ist besser als richten

In der Stadt Syke sind die Schiedsmänner Werner Orthmann und Gerhard Krüger verabschiedet worden. Die Stadt stellte ihre Nachfolger vor.
13.06.2017, 18:02
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Von Bärbel Rädisch
Schlichten ist besser als richten

Der Alte und die Neuen: Werner Orthmann (von links) war 15 Jahre lang Schiedsmann für die Stadt Syke, Uwe Möller, Doris Strozny und Heino Hassel ersetzen ihn.

UDO MEISSNER

Syke. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, heißt es in Schillers „Wilhelm Tell“. Diese Erfahrung machte auch Werner Orthmann, der nach 15 Jahren sein Amt als Schiedsmann in Syke abgibt. „Die meisten Fälle erlebte ich tatsächlich mit Nachbarschaftsstreitigkeiten. Es ging um Lärmbelästigung, zu hohe Hecken, Qualm beim Grillen, laute Musik. Im Grunde aber stieß ich oft auf ein tiefer liegendes Problem, das den Streit verursachte. Manche Parteien sprachen schon jahrelang nicht mehr miteinander.“ Sykes Bürgermeisterin Suse Laue hatte am Montag zur Verabschiedung Orthmanns eingeladen und überreichte ihm eine Urkunde und als kleines Dankeschön Theaterkarten. Sein Stellvertreter Gerhard Krüger beendet seine Tätigkeit ebenfalls, war aber verhindert.

Das inzwischen laut Duden wenig gebrauchte Adjektiv „schiedlich“ bedeutet: friedfertig, nachgiebig, versöhnlich, verträglich. Wer sich nicht verträgt, landet oftmals vor Gericht. Davor kann in Syke die Hilfe von Schiedspersonen gesucht werden. In manchen Fällen wird vor Zulassung einer Klage sogar vom Gericht ein Gespräch zur gütlichen Einigung mit einem Schlichter verfügt. 1879 wurde in Preußen die Schiedsmannordnung eingeführt. Außer in Bayern, Baden-Württemberg, Bremen und Hamburg gilt sie in allen Bundesländern. Niedersachsen hat in jeder Samtgemeinde und kreisfreien Stadt ein Schiedsamt. Im Aufgabenspektrum geht es um weniger bedeutsame bürgerliche Rechtsstreitigkeiten, so die Definition. Weniger bedeutsam? Das sehen die Streitenden sicherlich anders, denn Orthmann nannte die Zahl von acht Fällen allein in diesem Jahr.

In den gemeindlichen Schiedsstellen fungieren Schiedspersonen als Vergleichsbehörden im Sinne der Strafprozessordnung oder als Gütestelle im Sinne der Zivilprozessordnung als ehrenamtliche Schlichter. Es geht etwa um vermögensrechtliche Streitigkeiten bis zu einem festgelegten Wert, bestimmte Ansprüche in Bezug auf das Nachbarschaftsrecht, Verletzung der persönlichen Ehre, die nicht in der Presse oder öffentlichen Medien begangen wurde. Die Direktorin des Amtsgerichts Syke, Elisabeth Kruthaup, betonte bei der Verabschiedung die für alle Teile befriedigende Zusammenarbeit mit Orthmann und seinem Kollegen. Er selbst sprach von 80 Prozent Erfolgsquote bei seinen Bemühungen, Einvernehmen zu erzielen. „Wichtig ist mir jedoch immer gewesen, das weitere Miteinander auf einer friedlicheren Basis zu ermöglichen“, so sein Credo. Auf die Frage, wer im Lauf der Jahre streitsüchtiger gewesen sei – Frauen oder Männer? – tendierte er nach kurzem Überlegen eher zu den männlichen Klienten.

Vorgestellt wurde anschließend seine Nachfolgerin, Doris Strozny, und ihre Stellvertreter. Mit ihr tritt zum zweiten Mal in Syke eine Frau an. Als gute Voraussetzung für ihr neues Amt sieht sie: „Ich bin in meinem Berufsleben mit Coaching und Mediation befasst, unterstütze unter anderem Unternehmen bei Personalfragen und im Konfliktmanagement.“ Ihr Stellvertreter Heino Hassel ist in Altersteilzeit und war in seiner Firma Betriebsratsvorsitzender. Der Vater von drei Kindern möchte nach dem endgültigen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben jungen Führungskräften etwas von seinem Wissen vermitteln. Uwe Möller, verheiratet, ein Sohn, ist als zweiter Stellvertreter vorgesehen. Er ist seit 2013 Rentner und möchte mit seiner Bereitschaft, sich einzusetzen, etwas von seinem privaten Glück zurückgeben. Er hospitierte bereits mit Einverständnis der Beteiligten in einem Fall von Orthmann.

Durch die ehrenamtlichen Schiedspersonen ist ein Schlichtungsverfahren viel kostengünstiger als ein Gerichtsprozess. Gewählt werden sie in das Amt durch den Stadtrat für fünf Jahre und durch das Amtsgericht bestätigt. Juristische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Der Wohnsitz muss Syke sein. Orthmann empfahl seinen Nachfolgern, die Gespräche mit den Streitenden weiterhin im Rathaus zu führen. Anfangs habe er sie zu Hause einbestellt, das aber bald als nicht geeignet empfunden. Sein Dank galt Hilde Hemmer von der Stadtverwaltung, die den Raum jedes Mal reservierte. Sie wiederum wies die Neulinge im Amt darauf hin, an Einführungskursen zur Fort- und Weiterbildung teilzunehmen. Die Kosten trägt die Stadt. Laue wünschte allen „ein glückliches Händchen, stets ein offenes Ohr und immer Neutralität bewahren“.

"Manche Parteien sprachen schon jahrelang nicht mehr miteinander.“ Werner Orthmann, Schiedsmann
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