SPD-Antrag

Ein Hauch von Inka

Die SPD hat im Syker Stadtrat einen Antrag gestellt, ein stadteigenes Gelände in Gessel zu einer naturnahen Fläche umzugestalten. Es handelt sich um die Fischerei.
10.07.2020, 17:24
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Ein Hauch von Inka
Von Micha Bustian

Syke-Gessel. Es ist ein wunderschönes Fleckchen Land, das da nördlich des Fußballplatzes des FC Gessel-Leerßen liegt. Ein kleiner Trampelpfad führt zwischen der gelb bewucherten Fläche und dem Maschendrahtzaun hindurch, knickt ab in Richtung eines kleinen Wäldchens. „Der ist einfach so entstanden“, ist sich Johann Hüneke sicher, „da war kein Förster dran.“ Dieses Areal, im Volksmund Fischerei genannt, will die Syker SPD zu einer naturnahen Fläche umbauen. Die Sozialdemokraten haben den Antrag dafür am Donnerstagabend dem Rat vorgelegt.

Fischerei – weit entfernt von Fluss und See. Wie kommt solch ein Name zustande? Die ersten Siedler dort sollen mit Namen Fischer geheißen haben. Siedler, von denen außerhalb des Waldstücks nichts mehr zu sehen ist. Doch Johann Hüneke kann sich noch genau erinnern. Kein Strom habe es dort gegeben in der Zeit nach dem Krieg, als Menschen dort Häuser bauten. Auch fließend Wasser sei nicht vorhanden gewesen. Also hätten die Menschen dort Brunnen gegraben. Überhaupt seien sie dort Selbstversorger gewesen, hätten Hühner gehalten, Rinder ihr Eigen genannt. Eine eigene Gruppe, die höchst selten mit den anderen Dörflern kooperierte. „Sogar zum Schützenfest sind sie nie gekommen“, erinnert sich Hüneke. Wobei die Menschen durchaus gesellig gewesen seien. So berichtet der ehemalige Ortsbürgermeister von einem Abend, an dem in einer der Hütten Karten gekloppt wurde: „Als die Luft schlecht wurde, ging die Kerze einfach aus. Dann wurde das Fenster geöffnet, der ganze Rauch zog raus, und es konnte weitergehen.“

Doch genug der Nostalgie. Das Gelände gehört inzwischen der Stadt Syke. Auf der vorliegenden Wiese, etwa einen halben Hektar groß, wuchert Jakobskreuzkraut. Der Korbblütler ist in Europa heimisch, aber für Nutztiere giftig. Die Landwirtschaftskammer spricht im Zusammenhang mit Senecio jacobaea sogar von einer „Gefahr für die Landwirtschaft“, weil sich die Pflanze mehr und mehr ausbreitet. Johann Hüneke sieht darin kein Problem: „Die wird weggefräst und untergepflügt.“ Der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Jahnke muss schmunzeln, als er das hört: „Johann, du kennst doch bestimmt jemanden, der das machen kann, oder?“

Denn klar ist: Wenn das Areal naturnah neu aufgestellt werden soll, muss das Jakobskreuzkraut weg. Als Ersatz schwebt den Sozialdemokraten eine Blühwiese vor. Wildblumen. Dazu Johannisbeeren oder Brombeeren. Gut für die Insekten und damit auch gut für die Vögel und Kleintiere. Aber auch gut für die Seele der Menschen, die dort spazieren gehen. Pflegeleicht zudem, weil nicht ständig geschnitten oder gemäht werden muss.

Auch das Wäldchen, über einen Feldweg mit der Wiese verbunden, soll nach dem Willen der SPD Bestandteil des kleinen Naherholungsgebietes in Gessel werden. Die Bewohner der Fischerei haben ihre Hütten in den 1950er-Jahren verlassen und an anderer Stelle neue Häuser errichtet. Das Baumaterial der alten Hütten – Fachwerkbalken und Ziegelsteine – wurde nach und nach anderweitig verbaut. Die Brunnen wurden abgetragen. So sind im kleinen Waldstück, zwei bis zweieinhalb Hektar groß, nur noch überwucherte Reste der Siedlung zu erkennen. Ein Hauch von Inka, nur fünf Kilometer von Syke entfernt. „Das ist ein richtiger Urwald hier“, bestätigt auch Gessels ehemaliger Ortsbürgermeister Johann Hüneke.

Ein Urwald, in dem ein ortsansässiger Imker seine Bienenvölker angesiedelt hat. Für die wäre eine Blühwiese in der direkten Nachbarschaft natürlich ein El Dorado. Genauso übrigens wie für die drei Kindergärten in fußläufiger Nähe. „Die Kinder könnten so einfacher an die Natur herangeführt werden“, erkennt Peter Jahnke einen weiteren Vorteil am Antrag seiner Partei.

Über den muss jetzt der Ausschuss für Bau und Umwelt beraten. Dorthin hat ihn der Syker Stadtrat am Donnerstagabend bei einer Enthaltung verwiesen. Angenehme Kleinigkeiten wie Sitzbänke entlang der Wege oder Schutzhütten, falls es regnen sollte, seien allerdings „Sache des Gesseler Ortsrates“, findet Peter Jahnke. Überhaupt könnte der Ortsrat aus seinen eigenen Mitteln ruhig etwas dazulegen. Das allerdings entlockt Johann Hüneke nur ein schmales Lächeln. Er ist bereit, „wir müssen nur anfangen“.

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