Brillen ohne Grenzen

Spenden für den Durchblick

Das Optikhaus Freese in der Syker Hauptstraße nimmt für „Brillen ohne Grenzen“ ausgediente Sehhilfen entgegen und gibt damit Menschen auf der ganzen Welt ein Stück Lebensqualität zurück.
12.12.2017, 11:24
Lesedauer: 3 Min
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Von Dominik Albrecht

Syke. Auf den Nasen von mehr als 40 Millionen Menschen in Deutschland sitzt eine Sehhilfe. Dabei hat jeder Brillenträger durchschnittlich zwei bis drei Brillen. Heißt im Umkehrschluss: Eine Brille liegt immer irgendwo ungenutzt in der Schublade. Während die einen zwischendurch wenigstens das Gestell wechseln, setzen andere ihr Ersatz-Nasenfahrrad nie mehr auf und entsorgen es irgendwann. Benjamin Schnäpp vom Syker Optikerhaus Freese in der Hauptstraße hat aber eine noch viel bessere Idee. Als Partner der Organisation „Brillen ohne Grenzen“ nimmt Freese seit Neuestem ausgediente Binokel an, um sie Bedürftigen zukommen zu lassen.

Auf das Projekt aufmerksam geworden ist Benjamin Schnäpp durch eine Anfrage der Gesellschaft Gudd Zweck aus dem Saarland, die bereits seit acht Jahren das Projekt „Brillen ohne Grenzen“ in Deutschland betreut und bisher rund 160 000 Brillen zum zweiten Frühling verholfen hat. Der Antrieb liegt laut offizieller Ankündigung der Verantwortlichen in dem Gedanken, wie wenig leistungsfähig Deutschland wäre, wenn alle Brillenträger plötzlich ohne Sehhilfe auskommen müssten. „Sie könnten nicht mehr richtig arbeiten und damit weder einen Beitrag zur Entwicklung unserer Volkswirtschaft leisten, noch die eigene Familie oder sich selbst ernähren“, heißt es dazu. Nicht anders sei dies in ärmeren Ländern.

„Wir haben schon vorher Brillen gesammelt und an andere Projekte gespendet, darum war es für uns keine Frage, uns zu beteiligen“, sagt Schnäpp. Der studierte Optometrist kannte das Prinzip schon aus seinem Studium, wie er sagt: „Früher haben mir Kommilitonen schon von Reisen nach Afrika berichtet, wo die Menschen wirklich ein Leuchten in den Augen hatten, weil sie wieder scharf sehen konnten.“

Die Aktion „Brillen ohne Grenzen“ selber startete hingegen schon viel früher. Laut der Organisatoren geht die Ur-Idee auf den Kapuziner-Pater Francois-Marie Meyer zurück, der vor 42 Jahren im Elsass begann, Menschen in der ganzen Welt mit gebrauchten Brillen zu versorgen. Später gründete sich der Verein LSF – Lunettes sans Frontiere oder auf deutsch „Brillen ohne Grenzen“. Laut offiziellen Angaben von „Brillen ohne Grenzen“ werden derzeit pro Woche 100 Pakete mit jeweils drei Kilogramm Brillen in alle Welt versendet. Zuvor werden die Brillen in Hirsingue (Elsass) von rund 30 ehrenamtlichen Helfern sortiert und die Dioptrie gemessen. Die französische Post unterstütze den Verein durch vergünstigte Portokosten. Eine gern gesehene Anerkennung, versendet „Brillen ohne Grenzen“ immerhin in 56 Länder.

Wohin die Brillen vom Optikhaus Freese aufbrechen, weiß Benjamin Schnäpp derweil nicht. Seine Aufgabe ist es lediglich, kleinere Macken an den Brillen und Gestellen zu korrigieren und sie für den Transport ins Elsass vorzubereiten. Von dort aus werden die Brillen an ihren neuen Bestimmungsort weitergeleitet. In Syke könne jede Brille abgegeben werden. „Wichtig ist nur, dass sie zwei Gläser und einen Rahmen hat. Alles andere kann man wieder aufarbeiten“, erklärt Benjamin Schnäpp. Und eine bessere Lösung, als die Brille in den Müll zu werfen, sei die Spende allemal. „Was bringt einem das, wenn man die alte Brille in den Müll schmeißt? Dann kann man anderen Menschen lieber wieder ein Stück Lebensqualität zurückgeben“, findet Benjamin Schnäpp.

Aber gibt es in Deutschland nicht auch genug Bedürftige, denen man auf diese Weise zuerst helfen sollte? Das möchte der Experte gar nicht in Abrede stellen, verweist aber auch auf die hohen Standards im Vergleich zu Dritte-Welt-Ländern. „Uns geht es hier so gut, dass wir die Brillen zu verhältnismäßig leistbaren Preise herstellen können. Da haben es Menschen in anderen Ländern deutlich schwerer, überhaupt an Brillen heranzukommen“, macht Schnäpp deutlich. 30 bis 50 Brillen werden monatlich im Schnitt bei Freese abgegeben. Die Hintergründe sind unterschiedlich. „Entweder sind Großeltern gestorben oder die Brille ist schon mehrere Jahre alt und passt von der Stärke nicht mehr“, nennt der Augenoptikermeister Beispiele. Dabei hat Benjamin Schnäpp schon die ausgefallensten und teuersten Modelle zu Gesicht bekommen. „Wir freuen uns dann immer, wenn wir Mal 20 Jahre alte Fassungen zu Gesicht bekommen. Vor allem für unsere Lehrlinge ist das immer ein Erlebnis“, erzählt Benjamin Schnäpp und lacht.

Mit 20 Brillen hält eine Bürgerin zwar den Rekord für die zahlenmäßig größte Spende auf einen Schlag. Gemäß des Mottos „Jede Brille zählt“ könne aber jeder auch schon mit einer einzigen Brille einen wichtigen Beitrag zum Erfolg von „Brillen ohne Grenzen“ leisten. Das Optikhaus Freese ist übrigens im gesamten Bremer Umkreis das einzige Geschäft, das sich an der Aktion beteiligt. Wenn es nach Benjamin Schnäpp geht, dürften daraus aber gerne noch mehr werden: „Das ist ja eine tolle Sache.“

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