Cybermobbing

Spielerische Aufklärung

Cybermobbing - ein Thema, das Jugendliche angeht. Die Wilde Bühne Bremen hat es im Syker Theater auf die Bühne gebracht und anschließend mit Schülern darüber diskutiert.
20.02.2019, 17:30
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Von Dominik Albrecht
Spielerische Aufklärung

Jeder ist gefragt: Jana Köckeritz (v. l.) und Michaela Uhlemann-Lantow bezogen die Schüler bei der Suche nach Lösungen mit ein.

Janina Rahn

Syke. Moritz, Julian und Julia sind gefrustet. Drei Klausuren in einer Woche. „Das sollte verboten werden“, sind sich alle einig. Doch schnell wird Klassenkamerad Lukas zum Thema. Der Außenseiter, der immer mehr Pickel bekommt und anscheinend Schuhe trägt, „die sicher bei Kik im Sonderangebot“ waren. Gelächter bricht aus. Und weil es sich so gut über Lukas lästern lässt, wird schnell sein altes Foto vom zurückliegenden Sportfest mit Schweinenasen und Ringelschwanz „aufgepeppt“ und mit dem Titel „Lukas Schwitzschinken“ in soziale Netzwerke hochgeladen. Ein typischer Beginn für ein Phänomen namens „Cybermobbing“. Auf Einladung des Rotary-Clubs Syke-Utbremen, des Syker Präventionsrates und der Stadt Syke hat die Wilde Bühne aus Bremen mit dem Theaterstück „Netzspannung“ in drei interaktiven Kurzgeschichten auf das Thema aufmerksam gemacht. Im Publikum saßen erst Schüler der Luise-Chevalier-Oberschule Syke, danach welche der Realschule.

Lukas' Mutter kommt nach der Arbeit abgehetzt nach Hause. „Wie war die Schule?“, fragt sie ihren Sohn beiläufig. Lukas zuckt nur mit den Achseln, sagt nichts von den Bildern. Szenenwechsel. Julia, Moritz und Julian sprechen Lukas an und prahlen mit ihren Werken. Szenenwechsel. Am Nachmittag schreibt sich die Dreier-Clique. „Frank an alle: Ich habe gehört, Lukas steht auf Jungs.“ Szenenwechsel. Lukas sitzt in seinem Zimmer. Er weigert sich zur Schule zu gehen und gibt vor, Bauchschmerzen zu haben. Das Licht geht aus. „Ist so eine Geschichte realistisch?“, fragte Michaela Uhlemann-Lantow, die mit Jana Köckeritz und Pablo Keller die Wilde Bühne leitet. „Jaaa“, ertönt es ohne Zögern aus den Reihen. Eine ehrliche Antwort der Schüler und zugleich eine traurige Bestätigung.

Die Wilde Bühne blickt auf zehn Jahre Erfahrung zurück, hat rund 50 Auftritte jährlich in Bremen und umzu. Dazu kommen Sucht- und Präventionsveranstaltungen sowie Seminare. Das Besondere: Die Darsteller sind ehemals Drogen- oder Alkoholsüchtige. „Süchtige bleiben wir. Aber solange wir spielen dürfen, sind wir trocken und clean“, sagt Rita, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Michaela Uhlemann-Lantow weiß, dass die digitale Entwicklung das Leben der Jugendlichen verändert. Mobbing habe es schon immer gegeben. „Aber jetzt passiert es halt im Netz.“ Das sei unpersönlicher, wodurch es viel leichter sei, jemanden niederzumachen. „Mit einem Wisch kann ich etwas bewegen. Das ist für Jugendliche ein tolles Gefühl, wenn sie für einen Moment super Kommentare kriegen und geliked werden.“ Umso wichtiger sei es, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Das wühle die Emotionen aller Anwesenden auf. So gab es laut Darsteller Dennis einen Vorfall, bei dem eine Schülerin in Tränen ausbrach und den Raum verließ. „Wir lösen natürlich etwas aus und hoffen, dass ein Netz aus Schulsozialarbeitern da ist, die auf Beratungsmöglichkeiten hinweisen“, sagte Jana Köckeritz. Gerade in ländlichen Gebieten sei diese Hemmschwelle noch höher als in Städten. „Jeder kennt hier jeden. Da ist es noch schwieriger, über Probleme in der Familie zu erzählen.“

Zurück zur Geschichte um Lukas: Uhlemann-Lantow und Köckeritz fragen die Schüler, warum Lukas nicht mit seiner Mutter darüber spricht. „Weil er Angst hat, dass sie in der Schule etwas sagen könnte“, wird gemutmaßt. Und wieso tun die Lehrer nichts? „Weil die gar nicht mitkriegen, was in der Pause passiert.“ Eine These, die von den anwesenden Lehrern nicht abgestritten wird. Auf die Frage, wie sich Lukas hätte verhalten sollen, schnellten viele Finger nach oben. Den Lehrern melden und zur Schulsozialarbeiterin gehen, waren nur zwei Beispiele. Sich einfach der Gruppe anzuschließen, kam jedoch nicht gut an. „Damit würde er sich verändern und nicht mehr er selbst sein“, fand ein Schüler. Die achten Klassen der Luise-Chevalier-Oberschule in Syke kamen zuvor in den Genuss des Stückes. Erjan war begeistert. Er ist im realen Leben über Freunde mit dem Thema Mobbing in Kontakt gekommen. Auch ohne das Theaterstück habe er aber das Rückgrat gehabt, sich nicht zu beteiligen. Die Vorführung habe aber dennoch etwas gebracht, wie Erjan abschließend verriet: „Durch die vielen Ideen ist eine Struktur entstanden, nach der sich andere Jugendliche verhalten könnten.“

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