Peter Lüthge rüstet mit seiner Seckenhauser Firma Satelliten aus und hat schon mit Wernher von Braun gearbeitet

Stuhrer Technik im All

Stuhr-Seckenhausen. Wenn in zwei Jahren ein Satellit des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) in den Weltraum geschossen wird, wird er auch Technik aus Seckenhausen an Bord haben. Sie stammt von Peter Lüthge, der mit seiner Firma RTG Aero-Hydraulic schon an mehreren Satelliten mitgebaut hat. Und das spricht sich herum: Im Dezember wollen Mitarbeiter der südkoreanischen Raumfahrtbehörde nach Seckenhausen kommen, einen Vertrag zur Mitarbeit an einem taiwanesischen Satelliten hat Lüthge schon in der Tasche. Außerdem repariert seine Firma noch Flugzeugsysteme. Die Luft- und Raumfahrt hat er von der Pike auf gelernt - unter anderem beim Raketenpionier Wernher von Braun.
21.10.2010, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Stuhrer Technik im All
Von Markus Tönnishoff

Stuhr-Seckenhausen. Wenn in zwei Jahren ein Satellit des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) in den Weltraum geschossen wird, wird er auch Technik aus Seckenhausen an Bord haben. Sie stammt von Peter Lüthge, der mit seiner Firma RTG Aero-Hydraulic schon an mehreren Satelliten mitgebaut hat. Und das spricht sich herum: Im Dezember wollen Mitarbeiter der südkoreanischen Raumfahrtbehörde nach Seckenhausen kommen, einen Vertrag zur Mitarbeit an einem taiwanesischen Satelliten hat Lüthge schon in der Tasche. Außerdem repariert seine Firma noch Flugzeugsysteme. Die Luft- und Raumfahrt hat er von der Pike auf gelernt - unter anderem beim Raketenpionier Wernher von Braun.

'Für den DLR-Satelliten bauen wir einen Hydrazin-Antrieb', erklärt RTG-Geschäftsführer Lüthge. Hydrazin ist ein Raketentreibstoff. Wenn der Antrieb aus Seckenhausen in dem Satelliten eingebaut ist, soll das Ganze folgendermaßen funktionieren: Der Treibstoff wird über einen Katalysator geleitet, und dadurch in seine Bestandteile 'zerlegt'. Dabei entsteht eine hohe Energieabgabe, und die sorgt für Schub. 'Der Satellit dient zur Erdvermessung und wird in etwa 700 Kilometern Höhe schweben', sagt der 71-Jährige. Mittels des Antriebes kann er immer wieder seine Position korrigieren. Hydrazin ist zwar giftig, hat aber auch einen Vorteil: 'Es hat die gleiche Dichte wie Wasser, das ist gut bei Simulationen.'

Die Technik war schon immer Lüthges Welt. Los ging es mit Maschinenbau, 1958 heuerte er bei der Vulkan-Werft in Bremen an - als Lehrling in Sachen Schiffsmaschinenbau. Da er Abitur hatte, konnte er die Ausbildung schnell absolvieren. 'Ich war schon nach fünf Monaten voll bei der Fertigung dabei und habe zum Beispiel Zahnräder gefräst.' Dann zog es ihn nach Berlin, wo er sich 1959 an der Technischen Universität für das Fach Maschinenbau einschrieb. Wie es sich für Studenten gehört, machte auch Lüthge oft die Nacht zum Tag, jedoch auf ganz andere Weise. 'Nachts haben wir Menschen aus der DDR bei der Flucht geholfen. Es ist uns einmal sogar gelungen, jemanden aus einem Zuchthaus im Landesinneren rauszuholen.'

Zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts traf Lüthge in Berlin auf den Raketeningenieur Wernher von Braun, der nach dem Krieg in den USA für die NASA arbeitete. 'Ich habe von Braun als brillanten Techniker und Visionär erlebt. Und er konnte tolle Reden halten, wenn es darum ging, Projekte bei potenziellen Geldgebern vorzustellen.' Doch von Braun sorgte auch dafür, dass Lüthge ein Denken kennenlernte, dass ihn für die Zukunft prägen sollte. 'Ich habe von ihm gelernt, immer in Systemen zu denken - das Augenmerk nicht nur zum Beispiel auf das Triebwerk zu legen, sondern auch auf die Aerodynamik zu schauen. Zudem hat von Braun immer geguckt, ob man Komponenten auch für andere Zwecke verwenden kann.'

Von Braun vermittelte dem jungen Lüthge, der längst auf Luft- und Raumfahrt umgesattelt hatte, einen Job im Institut für Luftfahrtmedizin in Bad Godesberg. 'Dort haben wir für die NASA gearbeitet.' Unter anderem waren er und seine Kollegen daran beteiligt, die Mercury-Kapsel in Deutschland vorzustellen. Die NASA wollte damit Werbung für die Raumfahrt machen. Die Kapsel sollte einen Mann in die Erdumlaufbahn befördern. Die Werbetour ging durch viele Städte, Lüthge und sein Team erklärten die Kapsel und beantworteten Fragen. 1962 flog John Glenn als erster Amerikaner mit der Kapsel ins All - und umrundete die Erde dreimal.

Lüthge hingegen blieb auf der Erde, obwohl er gerne Astronaut geworden wäre. 'Da ich damals aber schon Brillenträger war, ging das nicht', erinnert er sich. Dabei wäre er körperlich durchaus in der Lage gewesen, die enormen Belastungen eines Weltraumfluges durchzustehen. Den Beweis dafür trat er 1962 bei einer von ihm selbst mitgebauten Zentrifuge an, die im Institut für Luftfahrtmedizin ihren Dienst tat. Einen Tag nach der Einweihung setzten die angehenden Wissenschaftler eine Katze in die Zentrifuge. Das Tier überlebte die 'Fahrt' aber nicht. 'Also sagte mein Professor ,Du hast doch das Ding konstruiert, also steig ein?', erzählt Lüthge. Gesagt, getan: Lüthge kletterte hinein, und die Zentrifuge wurde gestartet. 'Dabei wurde ich mit der Kraft meines 18-fachen Eigengewichts an die Wand gedrückt. Das habe ich 48 Sekunden ausgehalten. Bis heute Weltrekord. Es war ein Gefühl, als wenn ein Lkw langsam über einen hinwegfährt', erinnert sich der Stuhrer. Darüber hinaus habe er alle

medizinischen NASA-Tests bestanden. Aber die Brille machte ihm eben einen Strich durch die Rechnung.

1964 begann Lüthge sein Berufsleben als Leiter der Abteilung 'Antriebe und Innovation' bei ERNO in Bremen. Beteiligt war er in dieser Funktion auch an einem europäischen Projekt, an dessen Ende ein nuklearer Raketenantrieb stehen sollte. 'Im französischen Grenoble haben wir auch einen Prototyp getestet. Wenn da was schief gegangen wäre, hätte es Grenoble nicht mehr gegeben.' Allerdings sei das Projekt letzten Endes an Management- und Sprachproblemen gescheitert. Erstaunt sei er gewesen, als er vor ein paar Tagen eine amerikanische Fachzeitschrift für Luft- und Raumfahrttechnik aufschlug. 'Die Amerikaner wollen jetzt einen nuklearen Antrieb bauen, und zwar fast genau den, an dem wir damals gearbeitet haben.'

Mittlerweile lässt Lüthge die Finger vom Atom, 1973 hat er die Firma RTG, die deutsche Niederlassung eines amerikanischen Unternehmens, gekauft. Unter anderem baute RTG Teile für das sogenannte Kaltgassystem des deutschen Forschungssatelliten Champ. Er wurde im Jahr 2000 ins Weltall befördert und analysiert seitdem das Magnet- und Schwerefeld der Erde. Als Kaltgassystem bezeichnet man Antriebe, bei denen ein kaltes Gas (in der Regel Stickstoff) über Ventile und Düsen ausgestoßen wird, um den Satelliten zu steuern. 'Dadurch bewegt sich der Satellit um seinen Schwerpunkt.' Eigentlich sollte der Satellit nur vier Jahre Dienst tun, doch er fühlt sich im Weltraum immer noch wohl, wobei er zurzeit mehr ein Rentnerdasein führt. 'Aber man kann noch Daten von ihm anfordern - und er hat noch 20 Prozent seines Treibstoffs', freut sich Lüthge.

Dass in Seckenhausen viel Weltraum-Know-how vorhanden ist, hat man auch bei der Europäischen Weltraumbehörde ESA längst bemerkt. Vor zwei Monaten flatterte Lüthge ein Auftrag auf den Tisch. 'Wir sollen ein durchflussregelndes Einspritzventil entwickeln.' Es soll den Treibstofffluss bei einer Landung regulieren, damit der Schub bei einer Raketenlandung langsam vermindert werden kann. 'Das ist hochspannend. Sollten einmal Raketen zum Mars fliegen, käme diese Technik zum Einsatz.'

Auch in Taiwan ist man auf die Technik made in Seckenhausen aufmerksam geworden. Die Taiwanesen wollen einen Satelliten ins All schicken, der die Emissionen von Industrieanlagen mittels Infrarot-Technik unter die Lupe nehmen und aufspüren soll. Gleichzeitig könne er , so Lüthge, auch startende Raketen erkennen. 'Das wird den Chinesen wohl nicht so gefallen', orakelt der Ingenieur, dessen Technik auch in diesem Satelliten Dienst tun soll.

18 Mitarbeiter hat Lüthge auf der Lohnliste, fünf von ihnen kümmern sich um die Raumfahrt, die anderen 13 legen Hand an kaputte Flugzeugteile. Ventile, Druckregler und Wärmetauscher für Klimaanlagen von Lufthansa- und Fokker-Maschinen landen, wenn sie nicht mehr funktionieren, in Seckenhausen. 'Wir sind stolz darauf, dass wir als so kleiner Betrieb eine Zulassung von Lufthansa haben', sagt Lüthge. Mittlerweile schicke die Kranich-Linie sogar Teile zum Prüfen an RTG, 'und das, obwohl sie auch eigene Prüfstände haben'.

Für Technik-Freaks hat Lüthge auch noch etwas in der Hinterhand. 'Wir haben alle Wartungsvorgänge seit 1962 archiviert. Deshalb können wir auch oft den Besitzern von sehr alten Maschinen helfen.' Zum Beispiel im Fall einer de Havilland Dove, einer britischen Propellermaschine aus dem Jahr 1958. 'Die Maschine hatte Probleme mit dem Bugrad. Aber das haben wir hinbekommen.'

Bei seinen technischen Entwicklungen hat Lüthge immer auch eine Forderung von Albert Einstein im Ohr: ',Alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher?, hat er gesagt. Damit hat er recht. Für mich heißt das: Je weniger Einzelteile eine Komponente hat, desto weniger können kaputt gehen.'

Für angehende Nachwuchs-Ingenieure hat Lüthge noch einen Tipp: 'Von einer guten Idee kann man nicht leben, man braucht auch jemanden, der sich um die wirtschaftliche Seite kümmert.' Damit das bei seiner Firma klappt, hat Lüthge seine Frau Karin in die Firma geholt. Die Diplom-Ökonomin hat die Finanzen im Auge, 'und ich bin frei von wirtschaftlichen Dingen'.

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