Der Syker Lehrer Rajinder Singh hat zwei kritische Bücher über den großen Inder verfasst

Suche nach Ghandis Schattenseiten

Syke. Heute jährt sich zum 68.„Bei den Recherchen zu Nobelpreisträgern habe ich gemerkt, dass es nur wenige Bücher über Gandhis Zeit als Immigrant in Afrika gab, Lehrbücher befassen sich fast gar nicht mit dem Thema“, sagt Singh. Und so machte sich der Lehrer an der Ganztagsschule Syke an die Arbeit.
30.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Dominik Albrecht

. Heute jährt sich zum 68. Mal der Todestag von Mohandas Karamchand Gandhi – vielen besser bekannt als Mahatma Gandhi. Während er für die meisten ein Widerstandskämpfer und Kriegsgegner war, gibt es kritische Stimmen, die eine andere Seite von Gandhi kennen wollen. Einer von ihnen ist der Syker Lehrer Rajinder Singh. Er hat zwei Bücher über Gandhi veröffentlicht, in denen er sich den angeblichen Schattenseiten des Pazifisten widmet.

„Bei den Recherchen zu Nobelpreisträgern habe ich gemerkt, dass es nur wenige Bücher über Gandhis Zeit als Immigrant in Afrika gab, Lehrbücher befassen sich fast gar nicht mit dem Thema“, sagt Singh. Und so machte sich der Lehrer an der Ganztagsschule Syke an die Arbeit. Am Ende standen die Werke „The Making of the Politician M. Gandhi by Muslims, Jews an Christians“ und „Mahatma Gandhi – Sex Scandals and the Missed Nobel Peace Prize“.

Wenn es darum geht, Gandhis Wirken mit wenigen Worten zu beschreiben, falle Rajinder Singh spontan ein Satz ein: „Er hat die Geschichte verfälscht.“ Es dürfe seiner Meinung nach nicht sein, dass Unwahrheiten verbreitet werden. „Und damit stehe ich nicht alleine da.“ Doch was wirft Singh Gandhi eigentlich vor?

Zunächst soll Gandhi im zweiten Burenkrieg – ausgetragen zwischen dem Oranje-Freistaat und der Südafrikanischen Republik auf der einen und dem britischen Weltreich auf der anderen Seite – politisch Stellung für die Briten bezogen haben. „Seiner Meinung nach war die britische Regierung immer im Recht. Im Ersten Weltkrieg forderte er sogar Inder dazu auf, dem Militär beizutreten und den Briten zu helfen.“

Zudem habe Gandhi zwar eine liberalere Auslegung der Kasten angestrebt, eine Abschaffung soll ihm aber fern gelegen haben. Die Unberührbaren – die Ureinwohner Indiens – seien sozial so niedrig eingestuft, dass sie nicht einmal in eine Kaste eingeordnet wurden. Singh: „Damit waren sie selbstverständlich sehr unzufrieden. Um eine Massen-Konvertierung zu anderen Religionen, und damit die Teilung der hinduistischen Bevölkerung, zu verhindern, wollte er sie in die Kasten eingliedern.“

Aber wie konnte diese Seite des sonst als Pazifisten gefeierten großen Inders unbeachtet bleiben? Laut Rajinder Singh kam Gandhi seine Position als hochrangiger Journalist zugute. Er habe diverse Zeitungen herausgebracht wie die „Harijan“. Dadurch sei es ihm möglich gewesen, auch Einfluss auf seine Berichte und damit sein Ansehen zu nehmen. Das half ihm auch bei seiner ersten Biografie. „M. K. Gandhi – An Indian Patriot in South Africa“ lautete die Lobschrift von Joseph J. Doke über Gandhis Zeit in Afrika. Laut Singh nur eine Betrachtung durch die rosarote Brille: „Gandhi ließ kostenlose Exemplare an Pressevertreter sowie Politiker schicken und machte damit großflächig Propaganda für sich.“

Vor dem Hintergrund dieser Einschätzungen möchte Rajinder Singh Gandhis verliehenen Beinamen „Mahatma“ – was so viel wie große Seele bedeutet – nicht benutzen. „Für mich war er ein normaler Mensch mit Stärken und Schwächen.“ Singh ist klar, dass seine Bücher für so manchen Inder eine Provokation sein dürften. Und deshalb wählte er den Zeitpunkt der Veröffentlichung mit viel Bedacht. Die Tochter des Familienvaters wollte unbedingt einmal mit nach Indien. Singh: „Ich hatte Angst, dass wir in Indien ankommen und ich festgenommen werde. Dann hätte meine Tochter allein da gestanden.“ Aber Singh hat nicht nur seinen Blick auf die negativen Seiten Gandhis gerichtet, schließlich sei es für einen Historiker alles andere als ein Zeichen für Professionalität, sich allein darauf zu konzentrieren. Zum einen habe Gandhi Singhs Meinung nach eine geradezu magische Art besessen, Menschen zu begeistern. So gehe es zum Beispiel auf Gandhi zurück, dass aus der Partei „Indian National Congress“ eine Volkspartei geworden ist. „Vorher war die Partei der Elite vorbehalten. Nachdem Gandhi aus der Partei ausgetreten ist, versuchte sie, ihn wegen seines positiven Einflusses zu halten. Er musste nur den Mund aufmachen und die Leute standen hinter ihm“, zeigt sich Singh fasziniert von dieser Gabe. Auch seinen Einsatz, die Tempel für die niederen Kasten zu öffnen, rechnet Singh ihm hoch an.

Mit seinen Büchern wolle der Historiker Singh allerdings keineswegs den Hass auf den Friedenskämpfer Gandhi schüren: „Die Menschen sollen sein Leben und Schaffen nur nicht überbewerten, sondern auch seine andere Seite betrachten.“

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