Briefmarke wechselt für 261000 Euro den Besitzer / Käufer ist ein norddeutscher Sammler Syker Halbierung unter dem Hammer

Syke·Bietigheim-Bissingen. Wenn der Käufer der Syker Halbierung seiner Angebeteten den etwas in die Jahre gekommenen Anmach-Spruch "Willst du mal meine Briefmarkensammlung sehen?" ins Ohr flüstert, wird selbige bestimmt nicht widerstehen können. Denn: In seinem Album klebt etwas ganz Wertvolles - eine halbe Briefmarke von 1873.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Dirk Zweibrock

Syke·Bietigheim-Bissingen. Wenn der Käufer der Syker Halbierung seiner Angebeteten den etwas in die Jahre gekommenen Anmach-Spruch "Willst du mal meine Briefmarkensammlung sehen?" ins Ohr flüstert, wird selbige bestimmt nicht widerstehen können. Denn: In seinem Album klebt etwas ganz Wertvolles - eine halbe Briefmarke von 1873.

Diese hat ein leidenschaftlicher Sammler aus Norddeutschland, der nicht in Syke wohnt, am 24. November bei einer Auktion im Auktionshaus Christoph Gärtner im schwäbischen Bietigheim-Bissingen erstanden. Für sage und schreibe 261000 Euro hat die halbe Marke, daher Syker Halbierung, den Besitzer gewechselt. Von dem seltenen Exemplar sind nur noch drei im Umlauf.

Nähere Angaben zum neuen Besitzer darf Volker Schilling, Chefphilatelist bei Christoph Gärtner - einem der umsatzstärksten Auktionshäuser Deutschlands im Bereich Philatelie - nicht machen. Nur soviel, der Käufer sei kein Händler. "Er hat die Syker Halbierung von einem anderen Sammler erworben, der die Briefmarke erst vor einigen Monaten in einem anderen Auktionshaus erstanden hat", sagt Volker Schilling. Der Verkäufer wolle seine Sammlertätigkeit künftig auf einen anderen Schwerpunkt legen und habe eine andere Sammlung erworben - quasi die mit der Syker Halbierung gegen andere Marken getauscht.

Wenn Volker Schilling von der Syker Halbierung spricht, die jetzt bei ihm unter den Hammer gekommen ist, gerät er regelrecht ins Schwärmen: "Die Halbierung ist farbfrisch, sehr gut geprägt und sehr gut gezähnt - tadellos." Sie ziert einen Brief aus dem Jahr 1873. "Taufrisch, nicht gefaltet", beschreibt Volker Schilling den Zustand des Papiers. Einen Dienstbrief, der vom Syker Amtshauptmann an den Nordwohlder Vorsteher Finke wanderte. Per Landpost, wie Volker Schilling berichtet. Sauber entwertet mit dem alten Hannoverschen Poststempel.

Für Nicht-Philatelisten: Bei der Syker Halbierung handelt es sich um eine Ein-Groschen-Briefmarke mit großem Brustschild aus dem Deutschen Reich, die in der Mitte durchgeschnitten, also halbiert wurde. "Warum einen Groschen auf den Brief kleben, wenn die Zustellung per Landpost nur einen halben Groschen kostet?" Diese Frage stellten sich 1872/1873 pragmatisch denkende Bürger und teilten die Briefmarke kurzerhand in zwei Teile. Fazit: Mit der Halbierung ließen sich fortan gleich zwei Briefe frankieren. "Von der rosafarbenen Ein-Groschen-Briefmarke mit großem Brustschild existieren nur drei Stücke als Syker-Halbierung auf Brief. Davon ist die am 24. November versteigerte das einzige Stück auf einem Amtsbrief und das einzige mit Entwertung durch den alten Doppelkreisstempel. Ein traumhaftes und wohl das bedeutendste Stück dieser Rarität", kommt Volker Schilling aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Für ihn "eine wahre Zierde für jede große Sammlung". Angesprochen auf das stolze Sümmchen

von 261000 Euro, was der Käufer bei der Auktion dafür hinblättern musste, entgegnet Volker Schilling kurz und knapp: "Schönheit hat eben ihren Preis." Es hätten schließlich viele Maler schöne Frauen gemalt, aber nur einer die Mona Lisa.

Er frage sich jedoch, wo die andere Hälfte der Syker Halbierung verblieben sei. Denn wenn zwei Briefmarken in der Mitte durchgeschnitten wurden, müssten ja logischerweise noch vier Halbierungen existieren. Vielleicht liege die fehlende ja noch irgendwo in einer Schublade rum, mutmaßt Volker Schilling. Übrigens: Rolf Rohlfs hat der seltenen halben Briefmarke sogar ein eigenes Buch gewidmet.

Momentan würden viele Menschen in Briefmarken investieren, berichtet Volker Schilling. "Wem es auf fünf Millionen Euro nicht ankommt, der guckt sich schon mal um und kauft Briefmarken als Wertanlage." Für Spekulanten sei diese Anlageform jedoch nichts. "Kaufen sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich" - die alte Weisheit des inzwischen verstorbenen Börsen-Gurus André Kostolany gelte auch für Briefmarken, weiß Volker Schilling. Briefmarken seien eigentlich unabhängig von Marktschwankungen. Aber: Noch vor einiger Zeit sei die Syker Halbierung unter 100000 Euro wert gewesen.

In einem hitzigen Bieterduell hätten die beiden verbliebenen Bieter, besagter Norddeutscher und ein passionierter Philatelist aus dem Süden der Republik, dann den Preis für die Syker Halbierung hochgetrieben. Auf insgesamt 205000 Euro, wie Volker Schilling berichtet. Am 24. November um 9.23 Uhr, als das Hämmerchen bei der Auktion auf den Tisch klopfte, konnte der neue Eigentümer der Syker Halbierung dann zu sich selbst sagen: "Eins, zwei, drei - meins!". Er hatte tatsächlich das höchste Gebot für den betagten Brief mit der halben Marke, der unter Los-Nummer 9186 versteigert wurde, abgegeben. Zuzüglich Mehrwertsteuer und Provision musste er dann insgesamt 261000 Euro für die halbe Briefmarke auf den Tisch legen. Zum Vergleich: Das Eingangsgebot lag bei 120000 Euro.

Nicht etwa im Auktionssaal, sondern am Telefon hat der norddeutsche Bieter sein Schätzchen ersteigert. "Wir haben 80000 Kunden in der ganzen Welt", erzählt Chefphilatelist Volker Schilling. Auch viele aus China oder Japan seien dabei. Da seien Telefon-Auktionen schon praktisch, aber wegen der hohen Gebühren eben auch teuer. Neben telefonischen Geboten bestehe im Auktionshaus Gärtner auch die Möglichkeit, im Vorfeld schriftlich zu bieten. Allerdings nicht online - wegen unterschiedlichen Rechnergeschwindigkeiten und sich im weltweiten Netz tummelnder Viren werde diese Möglichkeit nicht angeboten, teilt Volker Schilling mit. Vier große Briefmarken-Auktionen im Jahr gehen in Bietigheim-Bissingen über die Bühne. Vier bis sieben Kataloge mit bis zu 20000 Losen kommen dann unter den Hammer. "Vier Wochen vor der Auktion können sich unsere Kunden die Sammlungen bereits ansehen", erläutert der Chefphilatelist das Prozedere. Dann würden sich natürlich auch Kommissionäre,

Berufsphilatelisten, die von ihren Kunden beauftragt wurden, für sie zu bieten, unters Volk mischen. Quasi Auktionsagenten, die später bei den Versteigerungen mit im Saal sitzen.

Auch ohne Kommissionär hat es der Käufer der Halbierung geschafft, sich beim spannenden Bieterduell gegen seinen süddeutschen Mitbewerber durchzusetzen. Setzt man die Syker Halbierung in Relation zu einer der teuersten Marken der Welt (gelbe Zwei-Skilling der Bank von Schweden für 2,5 Millionen Euro), ist sie mit ihren 261000 Euro doch noch ein wahrhaftes Schnäppchen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+