Syker Theater

Die schönste Liebesgeschichte der Welt

Es sei die „schönste Liebesgeschichte der Welt“ urteilten andere über Aitmatows Novelle „Dshamilja und Danijar“. Im Syker Theater setzten Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern sie nun eindrucksvoll in Szene.
09.10.2020, 17:18
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Von Dorit Schlemermeyer
Die schönste Liebesgeschichte der Welt

Allein mit seiner Stimme hauchte Thomas Rühmann der Geschichte von Dshamilja und Danijar Leben ein. Musikalisch unterstützt wurde er dabei von Tobias Morgenstern.

Michael Galian

Syke. „Dshamilja, Dshamilja“, ruft der junge Said. Er erkennt, dass er sie geliebt hat und nun seine Kindheit vorbei ist. Thomas Rühmanns Stimme schallt laut durch das Theater. Es ist einer der dramatischsten Momente der Lesung, als der junge Said erkennt, dass Dshamilja und Danijar das Dorf verlassen. Die 1958 entstandene Novelle von Tschingis Aitmatow über die Liebe hat nichts von ihrer Ausdruckskraft verloren. Der Dichter und Schriftsteller Louis Aragon schrieb über das Buch: „Ich schwöre es, es ist die schönste Liebesgeschichte der Welt." Von Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern wurde sie eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Das Geräusch von Pferdehufen auf Stein erklingt leise und wird dann lauter, dazu die Musik von Tobias Morgenstern, die den Klang der Zeit durch das Theater trägt und die Zuhörer ins nordöstliche Kirgisien entführt, in ein Tal des Kukuraflusses in den Sommer 1943. Dort erzählt der fünfzehnjährige Said die Geschichte von Dshamilja und Danijar.

Ohne es zu wissen, ist er selbst ein wenig verliebt in seine schöne Schwägerin mit dem schwarzen Haar und den schwarzen Augen, während sein Bruder Sadyk an der Front kämpft. Bei den täglichen Korntransporten lernt Dshamilja Danijar kennen. Der schüchterne Einzelkämpfer ist im Krieg verwundet worden und leidet immer noch an einer Beinverletzung. Im Dorf wird er verspottet und auch Dshamilja beteiligt sich am Spott. Mit Said spielt sie ihm einen Streich, packt zwischen die normalen Säcke einen „Zwei-Zenter-Sack“. Rühmanns Stimme wird lauter, auch Morgensterns Musik schwillt an, als die dramatische Szene vor den Augen der Zuhörer entsteht, als Danijar entgegen den Erwartungen den Sack anhebt, die Leiter hoch klettert und den wackligen Übergang hoch zur Korntenne zu meistern versucht, dabei mehrfach strauchelt und fast abstürzt.

Das Entsetzen Dshamiljas, als sie die Gefahr erkennt, wird von Erzähler und Pianisten hoch emotional dargestellt. Dann ist wieder das Hufgetrappel zu hören, als sich die drei Hauptprotagonisten des Buchs mit ihrem Pferdewagen durch die Steppe auf den Weg nach Hause machen.

Dshamilja fängt an zu singen und fordert auch Danijar dazu auf. Erst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher singt er von der Landschaft und vom Leben. „Es ist das Lied eines verliebten Menschen“, denkt der junge Said und ist genau wie seine Schwägerin hingerissen. „In ihrer Seele staute sich etwas an und drängte und sie hatte Angst davor“, beobachtet der junge Mann und vermisst die frühere Ausgelassenheit und Fröhlichkeit Dshamiljas.

In einer stürmischen Gewitternacht, dramatisch inszeniert von Morgenstern am Piano, kommt es schließlich zum „Showdown“. Dshamilja und Danijar gestehen sich ihre Liebe: „Noch bevor ich dich kannte, habe ich dich geliebt“, sagt Dshamilja. Und auch der junge Said schläft glücklich im Stroh auf dem Boden ein: „War es das Rascheln des Strohs oder das Geflüster der beiden, ich konnte es nicht unterscheiden und schlief ein.“ Es sind seine genauen Beobachtungen, die das Aufkeimen der Gefühle, die damit verbundene Angst seiner Schwägerin, die scheue Verehrung Danijars und schließlich die Leidenschaft beschreiben. Ohne Wertung und Schlussfolgerung macht die Dichtkunst Aitmatows die Geschichte zu einer der schönsten Liebesgeschichten, die damit endet, dass die beiden Liebenden das Dorf verlassen.

In der DDR war das Buch übrigens Pflichtlektüre. Auch die Zuhörer im Syker Theater wurden vom Charme Geschichte gefangen genommen, die Rühmann und Morgenstern so eindrucksvoll in Szene gesetzt hatten. Sie applaudierten den beiden Darstellern lang und ausgiebig.

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