Gegen Rassismus und Ausgrenzung Jedem eine Chance geben

Der erste Tag der Jugend überraschte mit einem vielfältigen, abwechslungsreichen Programm und klaren Aussagen. Bei den Besucherzahlen ist allerdings noch Luft nach oben.
10.11.2021, 16:08
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Jedem eine Chance geben
Von Sarah Essing

Syke. Was hat Origami mit Rassismus und Diskriminierung zu tun? Eine gute Frage, auf die es am Dienstagnachmittag auf dem Rathausvorplatz in Syke eine Antwort gab: Erstmals fand dort der Tag der Jugend gegen Diskriminierung und Rassismus statt.

Der 9. November war dafür nicht zufällig ausgewählt, wird an diesem Tag doch an die Novemberpogrome von 1938 erinnert. Traditionellerweise eher in ruhiger Weise: Kranz- oder Blumenniederlegungen sind üblich, auch Schweigemärsche oder Lichterketten. In Syke ging man diesmal einen anderen Weg. Mit viel Musik, bunt und ungewöhnlichen Zusammenhängen wurde der Blick nicht auf das gerichtet, was vor 83 Jahren geschehen ist, sondern vor allem auf das, was heute geschieht. Diese Form wurde gewählt, um insbesondere jüngere Generationen anzusprechen, sie einzubinden in das Gedenken und vor allem, um sie für das Eintreten für Demokratie und Menschlichkeit und gegen Rassismus und Ausgrenzung zu sensibilisieren und zu motivieren. 

"Sei eine Stimme!" – so lautete der Titel einer Foto-Ausstellung, bei der sich Prominente zum Thema Rassismus positionieren. Der Titel war aber auch durchaus als Aufforderung an die Zielgruppe zu verstehen. So konnten sie selbst Fotos machen und sich mit einer Aussage positionieren. "Ich habe dazu gesagt: Wir akzeptieren jeden Mensch so wie er oder sie ist", verriet eine Schülerin der Luise-Chevalier-Schule ihrer Schulleiterin Petra Raue ganz stolz, ehe der Auftritt der Schulband begann. Diese hatte für diesen Tag mit Musiklehrer Paul Kiolbassa eigens zwei Lieder einstudiert und trug sie mutig vor.  

Eine Gruppe vom Gymnasium Syke nahm derweil die verschiedenen Stände genauer unter die Lupe. Neben der Polizei, der Diakonie und dem Syker Martinsclub war auch die mobile Beratung gegen Rechtsextremismus vor Ort. Die Landeszentrale für politische Bildung stach mit ihren bunten Regenbogen-Aufklebern und Wimpeln ins Auge und stieß mit ihrer App "Konterbunt" gegen Stammtischparolen auf Interesse. Nebenan zeigte der Fachdienst Jugend des Landkreises Diepholz Filme zu Hassrede im Internet, und was diese bei Betroffenen auslöst.

Auf der Bühne diskutierte Moderator Martin Rietsch zunächst mit Ex-Werder-Profi Holger Wehlage und Schauspieler und Regisseur Benjamin Stoll über Rassismus und wie man ihm begegnen könnte, sollte, müsste. Praktischere Beispiele hatte dann jedoch Sängerin Ela Fischer im Gepäck – oder genauer gesagt, auf ihrem Laptop, mit dem sie ihre selbst geschriebenen Songs aufnimmt. Die Bremerin mit Wurzeln im Senegal und in Frankreich hat als schwarze Frau, Mutter von vier Kindern und Künstlerin ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Ausgrenzung, Vorurteilen und Diskriminierung gemacht, von denen sie dem Publikum erzählte. Als Bild nutzte sie dafür die Kunst des Origami. "Das sind diese zwielichtigen Teile aus Papier", erklärte sie mit einem Augenzwinkern. "Es gibt Leute, die falten die in zehn Minuten. Ich brauche drei Stunden." Sie sei also gescheitert. Das sei nicht schlimm, versicherte sie. Jeder kann und darf scheitern. Zum Problem werde das allerdings, weil es Menschen gebe, die scheitern, weil man ihnen von vornherein keine Chance gebe, weil man ihnen sage, dass sie etwas nicht können oder es sie gar nicht erst versuchen lasse. Eine klare Botschaft, eine wichtige Botschaft, die ein deutlich größeres Publikum verdient gehabt hätte.

"So eine Veranstaltung muss sich erst etablieren, das braucht Zeit", sagt Stadtjugendpfleger Abdelhafid Catruat zu der mit rund 70 Besuchern nach oben noch steigerungsfähigen Resonanz. Doch ein Anfang sei gemacht. Und vielleicht trägt die insgesamt gute Stimmung bei der Premiere zur erforderlichen Mund-zu-Mund-Propaganda bei. Oder wie Sängerin Ela Fischer es ausdrückte: "Es braucht Fackelträger wie bei den olympischen Spielen, um das Licht der Erkenntnis und die Zuversicht Einzelner in die Welt zu tragen." Und dort sei auch der Marathon der entscheidende Wettkampf, nicht der Sprint.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+