Debatte über Pflegekompetenzzentrum

Twistringen bleibt im Rennen

Twistringen. Bei der Ratsversammlung am Mittwochabend ging es unter anderem um die Nachnutzung des Krankenhauses als Pflegekompetenzzentrum. Hier hatte sich der Kreisschulausschuss jüngst für den Standort Syke ausgesprochen.
18.07.2014, 06:00
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Twistringen bleibt im Rennen
Von Micha Bustian

Zwei Punkte hatte Twistringens Bürgermeister Karl Meyer auf die Tagesordnung der außerordentlichen Ratsversammlung am Mittwochabend im Twistringer Rathaussaal gesetzt: Die Nachnutzung des Krankenhauses und die Frage, wie die Delmestadt von der Landkreispolitik wahrgenommen wird. Punkt zwei war schnell abgehandelt. Bei Punkt eins bahnt sich ein Umdenken an.

Cord Bockhop sprach klare Worte. „Wir verwehren uns dagegen, dass irgendeine der 15 Kommunen im Landkreis Diepholz von uns stiefmütterlich behandelt wird“, sagte der Landrat. Das gelte selbstverständlich auch für Twistringen. „Ich denke, das sollten wir heute Abend nicht besprechen.“ Den Grund dafür, dass Verwaltung und Politiker Twistringens für ihre Heimatstadt leichte Identitätsprobleme ausgemacht hatten, besprachen Bürgermeister Karl Meyer, fast der komplette Rat und etwa 60 Bürger anschließend ausgiebig mit Bockhop und den Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen: die wahrscheinliche Vergabe des Pflegekompetenzzentrums nach Syke.

Mit 10:3 Stimmen hatte sich der Kreisschulausschuss jüngst für eine Ansiedlung des Pflegekompetenzzentrums in Syke ausgesprochen – in den Räumen der Hacheschule oder als Anbau an die Berufsbildenden Schulen (BBS). Zur großen Enttäuschung der Vertreter der Stadt Twistringen, die der Meinung waren, auf die besseren Argumente verweisen zu können. Und eben die kamen bei der kurzfristig anberaumten Ratsversammlung am Mittwochabend wieder auf den Tisch.

Twistringens Ratsvorsitzender Udo Helms (CDU) startete, monierte, dass die Hacheschule erst 2020 zur Verfügung stehe und ein Anbau an die BBS teuer würde, „anders als hier in Twistringen“. Deutlich vehementer wurde da schon Karl Meyer. Ein Pflegekompetenzzentrum wäre „eine adäquate Nachnutzung für das Twistringer Krankenhaus“, und eben das sei der Stadt Twistringen versprochen worden. Meyer verwies zudem auf die Aussage der Alexianer, die Regionalgeschäftsführer Thomas Pilz auch noch einmal verifizierte: „Mit den Alexianern wird es keine Krankenpflegeschule in Syke geben. Wir sehen den Fachkräftemangel dadurch sogar noch einmal verschärft.“ Was in Anbetracht der bundesweiten geplanten generalisierten Ausbildung von Alten- und Krankenpflegern durchaus Relevanz besitzt.

Das Twistringer Ratsmitglied Peter Dünzelmann (CDU) konnte kaum glauben, dass „an den Alexianern vorbei entschieden“ wird. Er war „maßlos enttäuscht“ und fühlte sich von der Kreispolitik „eiskalt abserviert“. So weit die Stimmen aus Twistringen, die von Cord Bockhop flugs aufgenommen wurden. Der Landrat nahm Schärfe aus der Diskussion, stellte klar, dass „Twistringen weder ein Ober- noch ein Mittelzentrum ist“ und er Nachnutzungsgarantien, wie sie im Fall Twistringen ausgesprochen wurden, für unlauter halte. „Das wird es nicht mehr geben.“ Dennoch werde er bei der Kreisausschusssitzung am Montag, 20. Oktober, für den Standort Twistringen stimmen. Applaus von der Besuchertribüne.

Den bekam auch Volker Meyer (CDU), der als erster von den Kreistagsfraktionsvorsitzenden Farbe bekannte. Er wies noch einmal auf Twistringen als zentralen Punkt zwischen den Krankenhäusern in Diepholz, Bassum und Sulingen hin und versprach für die Kreistagssitzung ein geschlossenes Votum pro Twistringen.

Astrid Schlegel indes war zwar „in Sachen Nachnutzung zum Dialog bereit“, aber nicht in Sachen Pflegekompetenzzentrum. Die SPD stehe geschlossen zu Syke, teilte die Kreistagsfraktionsvorsitzende mit. Als Begründung diente die Angst vor der Abwanderung der Auszubildenden aus Weyhe, Stuhr und Syke nach Delmenhorst und Bremen im Falle eines Twistringer Pflegekompetenzzentrums. Die Strecke sei zu weit, Twistringen und Sulingen lägen zu nah beieinander, und in den drei genannten Nordkreiskommunen würden immerhin 40 Prozent der Bevölkerung des Landkreises wohnen.

Von den Freien Wählern hatte niemand den Weg so kurzfristig nach Twistringen gefunden. Von der FDP sehr wohl. Rolf Husmann berichtete, dass seine Fraktion beim Kreistag nicht geschlossen abstimmen würde. Seine Tendenz gehe in Richtung Syke. Aber: „Wenn mir jemand garantiert, dass es in Twistringen bei den 1,5 Millionen Umbaukosten bleiben würde, wäre das ein starkes Argument.“ Das wiederum rief erneut den Landrat auf den Plan. „Eine Garantie kann ich Ihnen nicht geben“, sagte Cord Bockhop, „aber wir haben jemanden, der kann so etwas: die Alexianer.“ Er verwies auf den Klinikanbau in Bassum, bei dem die Alexianer im Budget geblieben seien. „Ich behaupte, das ist auch in Twistringen möglich.“ Womit er Rolf Husmann sichtlich ins Nachdenken brachte. „Ich werde das Argument in unsere Fraktion tragen“, kündigte er an.

Hermann Niederwestberg (Die Grünen) aus dem Twistringer Rat und dem Kreistag sprach für seinen Kreistagsfraktionsvorsitzenden Ulf Schmidt: „Die Nachnutzung des Krankenhauses ist nicht nur wichtig für Twistringen, sie ist auch wichtig für die Glaubwürdigkeit der Landkreispolitiker.“ Die Grünen würden sich im Kreistag mehrheitlich für den Standort Twistringen aussprechen. Viel wurde noch geredet über Unehrlichkeit, kommunalpolitische Verantwortung, Emotionen, moralische Verpflichtungen und Stiefmütterchen. Sylvia Holste-Hagen allerdings brachte noch ein Argument vor, das sicherlich Gehör verdient. Sie verwies auf Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt, für die es trotz Inklusion nicht klar sei, „alle Förderschulen zu schließen“. Somit sei die Hacheschule in Syke nur noch ein unsicherer Kantonist.

Und noch eins, diesmal von Seiten der Alexianer. Die sind nicht nur nicht gewillt, mit ihrer Krankenpflegeausbildung nach Syke zu gehen, sie denken laut Aussage von Thomas Pilz sogar darüber nach, „Alten- und Krankenpflegeausbildung selber anzubieten“. Der Fachkräftemangel sei bei ihnen schon sehr präsent, sie würden bereits auf Menschen von den Philippinen und aus Albanien zurückgreifen müssen. Für ihn ist klar: „Die Zeit drängt.“

Zusammengefasst: Die CDU ist geschlossen für Twistringen, die SPD geschlossen dagegen. Die Grünen sind mehrheitlich für Twistringen, die FDP ist gespalten. Bleibt noch die Frage: Wie reagieren die Freien Wähler? So oder so dürfte sicher sein, dass sich die Klarheit des 10:3 für Syke aus der Schulausschusssitzung nicht wiederholen wird. Zumal auch Cord Bockhop pro Twistringen eingestellt ist. Letztlich wird es am 20. Oktober ab 15 Uhr in der Parkgaststätte in Diepholz wohl das werden, was der Landrat befürchtet: „Eine schwierige Diskussion.“

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