Auszeichnung mit Integrationspreis

Unverhoffte Freudenbotschaft

Der Verein Lebenswege Begleiten und die Gemeinde Asendorf haben den niedersächsischen Integrationspreis gewonnen.
05.07.2018, 17:24
Lesedauer: 4 Min
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Von Bärbel Rädisch
Unverhoffte Freudenbotschaft

Grund zur Freude: Der Brief von Doris Schröder-Köpf löst unter allen Beteiligten bei Lebenswege Begleiten pure Euphorie aus.

Jonas Kako

Asendorf. Unbändige Freude herrschte, als vor einiger Zeit beim ehemaligen Gemeindepfarrer in Asendorf, Lothar Dreyer, ein Brief der Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe bei der Niedersächsischen Staatskanzlei, Doris Schröder-Köpf, eintraf. Als „Netzwerk Nachbarschaft Asendorf“ hatten die Betreuer und Helfer, die sich im Dorf um Geflüchtete kümmern, an dem gemeinsam von Ministerpräsident Stephan Weil und der Landesbeauftragten ausgelobten Wettbewerb teilgenommen. Das Thema lautete: „Integration in Vereinswesen und Nachbarschaft“. Der Hinweis auf diese Ausschreibung kam von Axel Hillmann von Lebenswege Begleiten in Bruchhausen-Vilsen, der auch den Text zu Papier brachte. „Ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie einer der Preisträger 2018 sind. Schon auf diesem Wege meinen herzlichen Glückwunsch“, schrieb Schröder-Köpf. Vier Preisträger wurden unter 162 Einreichungen ausgewählt. Unter ihnen die Asendorfer, die anteilig von den 24 000 Euro, womit der Preis ausgestattet ist, demnächst über 6000 Euro verfügen können.

„Als wir uns entschlossen mitzumachen, gab es erst einmal in der Gruppe von etwa zehn bis zwölf Personen ein Brainstorming, welche Punkte wir ins Feld führen wollten, um das Miteinander zu beschreiben“, erklärten Lothar Dreyer und Melanie Bockhop als Vertreterin der Landfrauen im Pressegespräch, „und was uns befähigt, dass bei uns im Dorf die Alltagsintegration unserer Meinung nach gelungen ist. Das liegt an einem guten Netzwerk, informellen Begegnungen und Aktivitäten von etwa 30 Einheimischen und den Flüchtlingen, die unsere Hilfen und Angebote annehmen und zu den Zusammenkünften kommen“. Seit die ersten Geflüchteten ab 2015 aus Afghanistan, Pakistan, Iran, Irak, Syrien, Tschetschenien, Kolumbien, Ghana, Aserbeidschan, Montenegro und der Russischen Föderation in Asendorf Quartier bezogen, gab es in regelmäßigen Abständen einen Runden Tisch. Über die Kirchengemeinde und die Presse wurde und werden alle Bürger, Bürgermeister, die Schule, Kindergärten und Sportvereine eingeladen, sich zu informieren.

Asylbegleiter berichteten bei diesen Treffen von ihren Erfahrungen, Fahrdiensten zu Ämtern, zur Tafel sowie zu Ärzten wurden organisiert, Ausflüge geplant, Deutschkurse von ehemaligen Lehrkräften angeboten. Melanie Bockhop und weitere Landfrauen begannen, mit den Frauen zu kochen. „Anfangs waren es drei Flüchtlingsfrauen, inzwischen kommen über 20 und wir essen nach getaner Arbeit gemeinsam. Dann sitzen bis zu 30 Personen am Tisch“, erzählte sie. Dias über die Heimatstädte in Syrien oder den Iran vermittelten den hiesigen Bürgern einen Eindruck, wie es vor Krieg und Zerstörung dort aussah, und die Geflüchteten berichteten, warum ein Leben im Bombenhagel nicht mehr für sie möglich war. Als die Erwachsenen noch keine Deutschkenntnisse hatten, waren es anfangs sehr schnell die Söhne und Töchter, die als Übersetzer fungierten. Eine große Akzeptanz, den Dörflern zu vertrauen, sich dem Dorfleben und auch den nicht besonders guten Verkehrsanbindungen vor Ort anzupassen, bestimmte von Anfang an das Zusammenleben in Asendorf. Freundschaften wurden geschlossen.

Dass in Asendorf nur Familien oder Mütter mit Kindern untergebracht sind und keine alleinstehenden jungen Männer, die mancherorts Probleme bereiten, erleichtert das Zusammenleben. Da gab es Schachpartien mit Deutschen und Afghanen. Die Regeln sind international, wenn Sprachkenntnisse noch fehlten. Ein Gönner stellte einer Familie mit einem behinderten Sohn einen Gebrauchtwagen zur Verfügung mit der Aussage: „Der kann immer mal mit 100 Euro abbezahlt werden.“ Ein Gartenbesitzer überließ einer Mutter mit vier Kindern ein großes Beet, dazu Saatgut und Erdbeerpflanzen und gab ihr Tipps fürs Gärtnern und Gießen. In einem Weihnachtsgottesdienst sang eine Iranerin im Chor mit, und ihre Tochter musizierte. Neuangekommene Familien wurden von Beginn an besucht, damit sie sich in die Gemeinschaft aufgenommen fühlen.

Aus dem Runden Tisch entwickelte sich das Begegnungscafé. Bis zu 80 Menschen sitzen zusammen, essen, trinken, musizieren und singen miteinander. Geflüchtete und Einheimische organisieren diese Treffen gemeinsam, inzwischen werden keine Dolmetscher mehr benötigt. Was an Leckerem in Hülle und Fülle angeboten wird, das jeder beisteuert, lässt staunen. An die Uhrzeiten der Zusammenkünfte haben sich die Menschen aus den Ländern, in denen so etwas eher lässig gehandhabt wird, nun auch fast schon angepasst.

Die Neubürger, wie sie in Asendorf inzwischen genannt werden, beteiligten sich an der Müllsammelaktion „Ein Dorf räumt auf“. Sie halfen, mit dem Heimatverein und dem Naturschutzbund vier Fischteiche im Dorf zu renaturieren. Eine Lehrerin aus Afghanistan leitete in der Volkshochschule einen Kurs zum Thema „Islamische Religion und Kultur“, um Missverständliches aus dem Weg zu räumen und Toleranz zu wecken (Der WESER-KURIER berichtete). Die Initiative dazu ging von ihr aus. Eine andere bietet einen Zumba-Kurs für 14 Frauen aus sieben Nationen an. Ein Ausflug zum Tierpark Ströhen mit den Kindern war ein Highlight und für September ist mit Unterstützung des Diakonischen Werks eine gemeinsame Fahrt an die Nordsee nach Dangast geplant.

Zur Preisverleihung am 27. August im Alten Rathaus in Hannover sind neben Pastor Dreyer, der bei den gemeinsamen Treffen als Moderator fungiert, weitere fünf Betreuer eingeladen. Vorher wird noch ein Kurzvideo über die jeweiligen Preisträger erstellt, teilte Schröder-Köpf mit, um sie am Tag der Preisverleihung näher vorzustellen. Das Filmteam dreht am 6. Juli in Asendorf. Die Landfrauen und die Frauen aus den fernen Heimatländern haben sich entschieden, zusammen eine Hühnersuppe zu kochen. „Huhn isst jede Nation“, hieß es. „Wie wir den stolzen Geldbetrag verwenden, entscheiden wir, wenn das Geld auf dem Konto ist“, stellte Pastor Dreyer ganz pragmatisch fest.

Von diesen vielfältigen Aktivitäten konnte die Jury lesen. Welche Maßstäbe angelegt wurden, dass die Asendorfer zu den Gewinnern gehören, ist nicht bekannt. Die Aussage der Iranerin Mojgan Saraj, die mit ihrer Familie seit Mitte 2015 hier lebt, hat möglicherweise auch dazu beigetragen: „Die Asendorfer lassen mich kein Heimweh haben. Ich fühle mich in Asendorf nicht wie ein Flüchtling, sondern wie eine Bürgerin. Sie haben mir geholfen, dass ich mich hier zu Hause fühle.“ Es gibt wohl keine liebevollere Anerkennung für die Ehrenamtlichen.

Dass Mojgan Saraj mit nach Hannover fährt, ist klar. Dazu einer der Asylbegleiter, jemand vom Runden Tisch, vom Begegnungscafé und den Landfrauen. Alle freuen sich jetzt aber erst einmal auf das Essen nach Abschluss der Filmarbeiten am 6. Juli um 20 Uhr. „Die Asendorfer Bürger sind herzlich eingeladen, dazuzukommen."

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