Piazzetta in Bassum

Verbotene Dinge und eine Ex-Frau

Das Straßenkunst-Fest Piazzetta in Bassum überzeugte am Wochenende mit allerlei skurrilen und herausragenden Künstlern. Unter anderem galt es, sich um eine holde Dame zu duellieren.
27.05.2018, 17:36
Lesedauer: 3 Min
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Von Karsten Bödeker

Bassum. Die meiste Zeit des Jahres ist Bassum eher beschaulich und nicht besonders im Fokus von auswärtigen Gästen. Doch in diese Tagen ist die Lindenstadt der aufregendste Ort der Umgebung, sozusagen der kulturelle Hotspot im Südbremer Bereich. Denn bevor am nächsten Wochenende nicht nur Manfred Mann zum Open-Air-Festival kommt, waren Sonntag und Sonnabend internationale Künstler da. Weiße Wesen schwebten über dem Straßenpflaster, Akrobaten jonglierten mit allerlei Gegenständen und Jongleure verbogen ihre Körper in unglaublicher Art und Weise - es war wieder Piazzetta.

Wie im Vorjahr auch brachte der strahlende Sonnenschein Künstler und Besucher zum Schwitzen und der Varieté-Abend an der Freudenburg fand in angenehmer Atmosphäre statt. Zum achten Mal bereits wurde die Bassumer Innenstadt zur Bühne. Straßenkünstler vom Feinsten gab es wieder mal und das Orga-Team um den unermüdlichen Marcello Monaco hatte erneut alles richtig gemacht. Seine Partnerin und Mitorganisatorin Daniela Franzen trat diesmal auch auf. Sie gab den Walking Act, Aljoscha, den Müll-Roboter. Neben ihr waren sieben Akrobaten und Gruppen dabei, eine tanzende und turnende Weltauswahl aus Spanien, der Schweiz, USA, Deutschland und Belgien. Kurzum ganz großer Zirkus! Neben der Kunst stand die Kreativität im Vordergrund. Da wurde ein Boxring zur Slapstick-Bühne, da wurde vor einer überdimensionalen Uhr Theater gespielt und von einem sieben Meter hohen Gestell hingen weiße Laken herab.

Waren diese Bühnen der dauerhafte Hingucker, so hatten andere Künstler ihr komplettes Equipment in einem Koffer dabei. Fahrende Künstler eben, die ihren Job ohne große Vorbereitung an jedem Ort zeigen konnten. Auch die Zuschauenden zogen von Bühne zu Bühne, rund 300 waren an jeder Stelle dabei. Streetfood (damit kennt Bassum sich ja aus) gab es zur Stärkung und sogar einige heiß begehrte Schattenplätze. Quasi auf der Tribüne saßen Fans auf dem Balkon des Restaurants Rhodos. Sie sahen High Society, zwei (zunächst) im rosafarbenen und mintgrünen Blümchen-Sommerdress gekleidete Damen. Sie mussten sich erst einmal umziehen, und so halfen zwei Männer aus dem Publikum, die wehenden Laken blickdicht zuzuhalten. Es passte gut, dass die Helfer groß und kräftig waren, denn auf ihnen vollführten Meike Silja und Annika Titze quasi zum Aufwärmen einen Handstand. Schon bald ging es höher hinaus und ebenso ästhetisch wie kraftvoll und kreativ turnten sie sich in die Höhe. Die eine wickelte sich die Tücher um die Beine, um kopfüber hinabzuhängen und ihre Partnerin an den Füßen voraus gen Himmel zu ziehen. Zwischendurch ruhten sie in den Laken liegend einige Meter über dem Boden – ein schwebendes Stillleben.

Durften ihre Helfer aus dem Publikum schnell wieder in den Schatten, so hatte Jessica Arpin weniger Gnade mit den Freiwilligen. Ihre Show war um Timo und Matthias aufgebaut. Jessica war mit gelbem Fahrrad angereist und im aparten roten Kleid mit weißen Punkten gekleidet, sorgte dafür, dass sich gleich zwei Verehrer um sie, Achtung jetzt, duellieren sollten. "Matthias, wo ist deine Ex-Frau?", fragte sie und hatte ihn flugs auf die Bühne, pardon den Parkplatz gezogen. Und schon stand er in der Manege und musste mit Timo um die Wette Liegestütze machen und der Jessica Komplimente. Timo blieb ziemlich steif und trotz Ermahnung Jessicas ließ er sich nur zu einer halbherzigen "Anbaggerei" verleiten: "Jessica, nach meiner Freundin bist du die Schönste." Mehr war nicht drin für die Künstlerin, die dann eben ein paar Runden vorwärts und rückwärts auf dem Sattel sitzend (und auch mal im Handstand) auf ihrem Rad drehte. Während Matthias ihr die Blumen wie ein Känguru bringen musste, sollte Timo mit gepunktetem Tuch über den Augen erstmal die Beziehung zu seiner Mutter durchdenken.

Von freudig mitmachendem Publikum lebte das Festival und zog daraus einen besonderen Reiz. Und wenn sich die Künstler mal einen Korb abholten, war eben Kreativität gefragt. Jason McPherson von Strange Comedy wurde seinen Koffer einfach nicht los und schaute eben so lange kopfschüttelnd auf den Adressanhänger, bis er den vermeintlichen Besitzer gefunden hatte. Der machte dann fröhlich mit. Wie ein Einweiser auf dem Rollfeld hatte McPherson die Besucher von der Straße geholt. Partnerin Shelly im rosa Stewardessenkleid piepte derweil den Gast ab. Der hatte natürlich im Koffer verbotene Dinge dabei. In kaum zu glaubender Verrenkung mit einem Fuß und einer Hand auf den Boden gestützt legte McPherson sich mal eben den rechten Fuß hinter den Kopf. Die Superman-Unterhose trug er zu Recht, schließlich hockte er auf einem Brett, das auf zwei Klötzen auf einem anderen Brett lag, das seinerseits auf einer Rolle balancierte – wer das nicht gesehen hat, hat etwas verpasst. Und dabei hatte der Künstler schon Applaus bekommen, als er theatralisch auf eine Kiste gesprungen war. Am Ende wurde auch McPhersons Hut gefüllt. Tatsächlich sind die Künstler auf der Piazetta auf das Hutgeld angewiesen, denn die Gage deckt gerade mal die Grundkosten. Das Konzept ohne Eintritt gehört zur Piazzetta schließlich dazu.

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