Kirchliche Besuchsdienstler in Martfeld

Verschwiegenheit als Grundprinzip

Regina Nordbruch gratuliert zum Geburtstag auch Menschen in Martfeld, die sie nicht kennt. Sofern diese mindestens 80 Jahre alt werden und dies wünschen. Nordbruch ist eine ehrenamtliche Besuchsdienstlerin.
14.12.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Lührs

Regina Nordbruch gratuliert zum Geburtstag auch Menschen in Martfeld, die sie nicht kennt. Sofern diese mindestens 80 Jahre alt werden und dies wünschen. Nordbruch ist eine ehrenamtliche Besuchsdienstlerin.

Mindestens einmal im Jahr besucht fast jeder eine Geburtstagsfeier – im Zweifelsfall nur die eigene. Bei einigen Damen in der evangelischen Kirchengemeinde Martfeld hat die Zahl der Feiern nun schlagartig zugenommen. Nicht durch Familienzuwachs oder neue Freunde, sondern durch ein Ehrenamt. Als Besuchsdienstler der Gemeinde besuchen die Frauen Geburtstagskinder ab 80 Jahre.

Manchmal gibt es einen Korb

Mit einem Anruf kündigten die Frauen ihren Besuch an, erklärt Regina Nordbruch, die sich zu dem illustren Kreis zählt, dann gebe es manchmal schon den ersten Korb. In der Regel seien die Senioren allerdings sehr erfreut. „Wir bringen ein Büchlein mit und eine Karte“, beschreibt Gisela Bielefeld – und dann beginne der Smalltalk. Denn vielen der älteren Herrschaften fehle es an Gesprächspartnern. Thematisch stünde ihnen dabei alles offen, wonach ihn der Sinn steht. Denn obwohl die Besuchs-Damen den Kirchenkreisen entspringen, muss die Religion nicht zwingend Thema sein. Gelegentlich rückversicherten sich die Senioren am Telefon noch einmal: „Sie wollen aber nicht über Gott reden?“ Denn unter ihnen seien auch Herrschaften zu finden, die es mit dem Glauben nicht so genau nehmen. Andere seien schon länger nicht mehr in der Kirche gewesen, weil es ihnen gesundheitlich nicht mehr möglich sei, weiß Regina Nordbruch. Es gebe also solche und jene. Doch auf jeden gehen die Damen individuell ein. „Alles kann, nichts muss“, sei das Motto.

Insgesamt neun Damen

Auch die neun Damen sind ganz unterschiedlich. Während einige von ihnen noch berufstätig sind, sind andere bereits in Rente. Wer wem zum Geburtstag einen Besuch abstattet, das entscheidet sich nach der Zeit, die ein jeder von ihnen zur Verfügung hat. Viermal im Jahr trifft sich die Gruppe, um die anstehenden Geburtstage zu verteilen. Zumindest lautet so der Plan, denn den Zusammenschluss gibt es erst seit einem guten halben Jahr. Im April ging es los.

Im Frühjahr hatten sich die Damen zusammengefunden. Auf gemeinsame Initiative von Pastor Heinz-Dieter Freese und dem Kirchenvorstand lief das Projekt an. Im Gemeindebrief wurden die Leser über das neue Angebot informiert. „Am Anfang lief das ein bisschen mit angezogener Handbremse“, erinnert sich Hanna Ehlers. Denn einfach bei Fremden zum Geburtstagstee antreten, das sei für alle Beteiligten ein wenig ungewohnt gewesen. Wobei wirklich fremd seien die wenigsten, erklären die Damen. Denn in einem solch kleinen Ort, kennen sich die meisten, wenn auch über Ecken.

„Du musst noch einmal wiederkommen“, sei inzwischen einer jener Sätze geworden, mit dem die Damen verabschiedet werden, erklärt Hanna Ehlers. Und Regina Nordbruch fügt hinzu: „Manchmal sagt man nach einem Treffen zu sich selbst: Och, siehst du, das war doch wirklich schön!“ Inzwischen würden einige der Damen auch auf der Straße auf ihr Amt angesprochen. „Kommst du bei mir auch mal vorbei?“, sei dann die Frage der Gemeindemitgliedern.

Nachwuchs ist willkommen

Wer Geburtstagsbesuch von der Gruppe bekommen möchte, der muss sich bis zu seinem 80. Jahrestag gedulden. Viel einfacher ist es jedoch, sich selbst dem Besucherkreis anzuschließen, denn Nachwuchs sei gerne gesehen, versichern die Damen. Zwar könnten sie die Feierlichkeiten – derzeit etwa ein bis zwei pro Monat – leicht besetzen, doch mit mehr Teilnehmern, könnte auch die Altersstufe etwas herabgesetzt werden oder eine weitere Klientel besucht werden. So bestehe beispielsweise die Möglichkeit, einsame, kranke oder behinderte Menschen regelmäßig aufzusuchen, erklärt Pastor Freese. Außerdem hoffen die Damen auf männliche Unterstützung, denn es sei keine Absicht, dass sich die Gruppe derzeit nur aus Frauen zusammensetzt.

„Man muss verschwiegen sein, das ist das Grundprinzip“, erklären die Damen die Voraussetzungen. Außerdem seien eine positive Lebenseinstellung, Offenheit und die Fähigkeit zuzuhören von Vorteil.

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