TSV Ristedt Vom Vereinsmuffel zur Mobilisiererin

Nicole Renner hatte mit Vereinsleben lange nichts am Hut. Das hat sich allerdings schlagartig geändert, als sie zum TSV Ristedt kam.
20.03.2019, 15:13
Lesedauer: 4 Min
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Von Dominik Albrecht

Syke-Ristedt. Ungewohntes Bild in der Sporthalle des TSV Ristedt: Statt trainierenden Mannschaften warten mit Klemmbrett ausgerüstete Blutspender auf eine freie Liege – das Deutsche Rote Kreuz (DRK) ist zu Gast. In einer Ecke der Halle sitzt Nicole Renner gut gelaunt auf einem zur Sitzbank umfunktionierten Stepper. „Kinderbetreuung“ steht auf einem Banner über ihrem Kopf. Doch Nicole Renner ist noch viel mehr als Kinderbespaßerin. Sie ist Diplomatin, Mediatorin, seit zwei Jahren Jugendleiterin und seit wenigen Tagen zudem Medienbeauftragte. Und Nicole Renner hat einen Auftrag: mehr Jugendliche für das Vereinsleben zu begeistern.

Für Nicole Renner ist die Jugend die Zukunft des Vereins. „Wenn wir da nicht anfangen und ständig dabeibleiben, gehen die Kinder woanders hin“, weiß sie. Den Zuwachs möchte sie aber nicht um jeden Preis haben. Statt mit Geschenken zu locken, besinnt sich die Pressesprecherin nach eigenen Worten auf die konventionelle Öffentlichkeitsarbeit. „Basteln, Spiele und letztens haben wir gemeinsam Fasching gefeiert. Da waren wir rund 80 Personen. Das war großartig“, liefert sie Beispiele. Auch Aktionen wie die Blutspende seien eine gute Möglichkeit dafür, da mitgebrachte Kinder auf diese Weise sähen, was beim TSV alles gemacht werde.

Beim „Tiefststand“ zählte der TSV Ristedt 350 Mitglieder. Laut Wiebke Kestermann, Übungsleiterin fürs Kinderturnen, und Nicole Renner ein Ergebnis von mangelnder Kommunikation im Verein. Und wie kam es, dass nicht miteinander gesprochen wurde? „Weil Nicole nicht da war“, platzt es aus Kestermann lachend heraus. Doch jetzt ist Nicole da – und das ist gut so. „Seitdem ist Action“, lobt Kestermann den frischen Wind. Letzteren hat Nicole Renner übrigens vor vier Jahren aus Hamburg mitgebracht. Dort lebte die ehemalige Vertriebsmanagerin einer Bank, ehe sie Ende 2014 der Liebe wegen – mit dem Namen Markus – nach Ristedt kam. „Mein Mann hat damals bei den Altherren gespielt“, sagt Nicole Renner. Während ihr Göttergatte aktiver Fußballer war, hatte Nicole Renner hingegen gar keine Berührungspunkte mit dem runden Leder. „Ich war vielleicht mal mit bei einer Weihnachtsfeier der Sparte. Da lernt man zwar die Fußballerkollegen kennen, aber das war nie meins“, gibt Renner zu und schmunzelt.

Dann kam der Moment, als Ehemann Markus begann, die neu gegründete G-Jugend zu trainieren. Und Nicole Renner sollte „die Lütten bebutschern“. „Aus dem bisschen ‚Bebutschern‘ sind vier Jugendmannschaften geworden“, verrät Nicole Renner. Doch statt Kinderbetreuung ist die Ristedterin voll ins Training eingestiegen, hat ihre C-Lizenz gemacht und ist heute hauptverantwortlich für den Jugendfußball. „Wenn, dann mache ich das ganze Programm.“ Dass man das Vereinsleben abseits der eigenen Sparte schnell aus dem Blick verlieren kann, hat Nicole Renner am eigenen Leib erfahren. Damals habe sie beim Training Wiebke Kestermann am Spielfeldrand mit Kindern spielen sehen. „Da habe ich erst erfahren, dass hier auch Kinderturnen angeboten wird“, gibt Renner zu. Der Moment, in dem die frisch gewählte Pressesprecherin bereits die Wichtigkeit der Kommunikation erkannt hat. Denn, so Renner: „Davon lebt das Ganze – dass jeder vom anderen weiß, was hier passiert.“ Von da an wurden Gespräche geführt – viele Gespräche. Für das Aufhübschen der Homepage wurde sich mit allen Spartenleitern beraten. Fast monatlich ging vereinsintern ein Newsletter um. „Nicole gräbt immer nach Themen“, wirft Wiebke Kestermann von der Seite ein und fasst Nicole Renner anerkennend an die Schulter.

Um es kurz zu machen: Aus dem früheren „Vereinsmuffel“ („Ich habe mal Volleyball in einer Gruppe gespielt, war aber nie Mitglied in einem Verein“) wurde eine Frau, die vom Vereinsleben geradezu infiziert wurde und alle Sparten an einen Tisch holt. Der TSV Ristedt mache es ihr aber auch leicht: „Das Thema liegt mir sehr am Herzen, weil hier viel Potenzial drinsteckt. Und die Übungsleiter sind durch die Bank weg so tolle Leute mit vielen Ideen, dass man das fördern muss.“ Hatte Nicole Renner früher keine Ahnung von Fußball, sind heute Dribblings, Pässe, Volleys und Hochschüsse Teil ihres Repertoires. „Ich habe jetzt sogar eine Dauerkarte für Werder Bremen“, erzählt sie und fügt lächelnd ein kleines „leider“ an, denn: „Man sieht die Spiele jetzt anders, wenn man die Ahnung davon hat. Früher war man nur Zuschauer, heute schlage ich manchmal die Hände über dem Kopf zusammen und frage mich, was die da machen.“ Früher sei die Vereinsarbeit ein Teil der Freizeit gewesen. Heute sieht Nicole Renner in ihrem Engagement einen Auftrag. „Ich spüre, dass ich gebraucht und angefragt werde. Auch von Kritikern, von denen ich früher dachte, da kommt nichts“, sagt Renner und freut sich über gelegentliches Lob aus dem Verein.

Und ihre Arbeit trägt mittlerweile Früchte. Von den einst 350 Mitgliedern konnte sich der Verein konsequent steigern. „Ich habe vor Jahren noch befürchtet, dass der Verein nicht überlebt“, gibt Wiebke Kestermann zu. Darüber muss heute gar nicht mehr nachgedacht werden. Nach aktuellen Zahlen befinden sich 468 Mitglieder im TSV Ristedt. „Wir wollen die 500 auch noch knacken“, blickt Nicole Renner optimistisch nach vorne. Das soll unter anderem über eine stärkere Präsenz in sozialen Medien und Freunde-Aktionen passieren – Events, bei denen Mitglieder ihre Freunde mitbringen können.

Aber auch Blutspende-Aktionen in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz tragen ihren Teil dazu bei. So geschehen in der Sporthalle des TSV. Das Besondere: Vereinsmitglieder helfen bis April bei der Mission „Blutspendemeister“. Jedes spendende Mitglied wird erfasst und sichert dem TSV Ristedt damit einen Punkt. Ende April wird vom DRK ausgewertet, welcher Verein am meisten Lebenssaft gespendet hat. Topplatzierte erhalten Gewinne wie Bälle-Sets und Turnier-Outfits. Wiebke Kestermann war erfreut angesichts der Beteiligung. „So einen Ansturm hatten wir noch nie“, sagt sie mit Blick auf die vielen Liegen.

Auch Vereinsmitglied Stefan Kaiser wartet auf seine Blutabnahme. Für den Badmintonspieler ist eine Beteiligung selbstverständlich: „Es ist ja nicht nur gesund, dass das Blut mal erneuert wird. Ich kann damit auch noch etwas Gutes tun. Wenn ich Blut brauche, wäre ich ja auch froh, wenn ich versorgt werden kann.“

Eine Liste mit allen Spende-Terminen findet sich unter www.drk-blutspende.de.

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