Das Interview

„Wandel braucht Vorbilder“

Der Nachhaltigkeitsforscher Henning Austmann rät zum Perspektivwechsel und einem neuen Konsumverhalten. Am Mittwoch, 28. August, hält er im Syker Theater einen Vortrag zum Thema „Klimaschutz – Lokal jetzt!“
28.08.2019, 12:21
Lesedauer: 6 Min
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Von Sarah Essing
„Wandel braucht Vorbilder“

Die junge Generation, wie auch hier in Bassum, fordert durch die „Fridays for Future“-Aktionen bessere Antworten als bisher für den Klimaschutz.

Tobias Denne

Herr Austmann, wie sieht lokaler Klimaschutz aus?

Henning Austmann: Einleitend sei gesagt, dass es uns nicht nur um den Erhalt eines für den Menschen erträglichen Klimas gehen sollte. Dieser enge Fokus wird der Vielfalt und Breite an existenziell bedrohlichen Problemen nicht gerecht. Wir sind aktuell dabei, diverse lebenswichtige, planetare Grenzen zu überschreiten: Man denke an das historische Artensterben, die Versauerung der Ozeane, das drastische Ressourcenschwinden, die exzessive Ausbringung von Phosphor und Stickstoff, den viel zu hohen Süßwasserverbrauch. Ein in diesem Geiste effektiver lokaler Umweltschutz in Deutschland sähe bedeutsam anders aus als er aktuell angepackt wird. Das hängt damit zusammen, dass wir vielerorts vor allem weiter darauf vertrauen, den notwendigen Wandel allein durch technische Innovation bewältigen zu können. Doch trotz diverser technischer Entwicklungen gelingt es uns nicht, die anhaltende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen einzudämmen. Das hängt unter anderem mit sogenannten Rebound-Effekten zusammen. Als wirkungsvollste Stellschraube erachten wir Nachhaltigkeitsforscher daher die Reduktion unseres Konsums. Diese Aufgabe haben wir auf verschiedenen Ebenen vor Ort zu bewältigen: Als Individuen in unseren Privathaushalten, in kommunalen Einrichtungen, in Unternehmen...

Warum sollten Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher das tun? Sind angesichts des Ernstes der Lage nicht eher die großen, globalen Lösungen gefragt?

Ich sehe mindestens drei gute Gründe. Erstens sind insbesondere große Politik und Wirtschaft mit ihren bisherigen Ansätzen gescheitert. Also können wir entweder weiter darauf hoffen, dass eine Lösung von oben kommt – oder wir fangen von unten mit all dem an, was wir selber tun können. Zweitens muss ich mich anstelle von Lieschen und Otto doch fragen, wie ich es rechtfertigen kann, weiter beim Untergang zuzuschauen und jede Verantwortung von mir zu weisen. Nicht nur gegenüber den aktuell Leidenden, sondern auch gegenüber jenen, die in Zukunft die absehbar immer heftigeren Konflikte um die Reste unserer natürlichen Lebensgrundlagen auszuhalten haben. Zumal – und das ist mein drittes Argument – der Schritt hin zu einem Ein-Planeten-Lebensstil durchaus das Potenzial hat, persönliches Glücksempfinden zu steigern. In unserer aktuellen Überflussgesellschaft würde die von uns Nachhaltigkeitsforschern vorgeschlagene Rückbesinnung auf die Gestaltungsprinzipien der Natur – darunter unter anderem Entschleunigung, Entrümpelung, Entkommerzialisierung, Kooperation, Kreisläufe, Dezentralisierung und Re-Regionalisierung unseres Alltags – viele wunderbare Wirkungen mit sich bringen: Weniger Stress, weniger Reizüberflutung, geringere finanzielle Bedürfnisse, mehr Resonanz, höhere Unabhängigkeit, gestärkte Krisenfestigkeit und ein gesteigertes Gemeinschaftsgefühl. Insgesamt würden wir auf einem niedrigeren Konsum- und Produktionsniveau also nicht nur unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhalten, sondern auch noch eine Zunahme an Lebensqualität erreichen. Und dabei eine ökologisch-, sozial- und ökonomisch verträgliche Entwicklungsperspektive für alle Nationen der Welt bieten. Richtig ist aber auch, dass es für diesen notwendigen Wandel einen Umbau der Rahmenbedingungen auf globaler Ebene braucht. Insbesondere muss Politik die Marktwirtschaft reparieren: Preise müssen die soziale und ökologische Wahrheit sagen. Und wir müssen unser Finanzsystem reformieren. Es trägt in der heutigen Form maßgeblich dazu bei, dass unser aktuelles Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht zukunftsfähig ist. Nur: Solche Schritte werden nicht zuerst durch Politik- oder Wirtschaftsgrößen initiiert. Doch schon Gandhi sagte: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ In diesem Sinne müssen möglichst viele von uns mit dem Wandel anfangen und damit die notwendigen politischen Reformen wählbar machen.

Aber bringt das überhaupt etwas? Beziehungsweise kann das überhaupt etwas bringen, wenn Länder wie die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen, Länder wie Deutschland bei der CO2-Reduzierung hinterher hinken und viel Energie darauf verwendet wird, neue Regelungen, Normen und Grenzwerte zu schaffen, statt die Ursachen anzugehen?

Auch ich bin frustriert über das bisherige Versagen der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Was aber wäre die Alternative zum Aufstehen und Selbstgestalten? Ein weiser Kollege sagte hierzu: „Es ist zu spät für Pessimismus.“ Wenn ich in einem brennenden Haus sitze, dann kann ich nicht betrübt auf dem Sofa sitzen bleiben. Wandelprozesse laufen zudem in der Regel nicht gleichzeitig auf der ganzen Welt im Gleichschritt ab. Ein globaler gesellschaftlicher Wandel braucht Vorbilder, die sich trauen, das kurzfristig Radikale zu tun, wenn damit das langfristig Notwendige erreicht wird.

Kritiker werfen dieser neuen Umweltbewegung vor, dass sie den Fortschritt gefährden. Was würden Sie diesen Kritikern gerne erwidern?

Ich halte diese Perspektive für bedrückend kurzsichtig. Wer sich intensiver mit der Geschichte unserer Spezies beschäftigt, wird schnell erkennen, dass das, was wir aktuell als „normal“ erachten, aus historischer Vogelperspektive extrem unnormal ist. Richtig ist, dass wir in vielen Ländern der Welt in den vergangenen beiden Jahrhunderten erstaunliche Wohlstandsgewinne erzielt haben. Verkannt werden dabei aber regelmäßig zwei schmerzhafte Tatsachen: Erstens waren diese Wohlstandsgewinne nur auf Kosten eines gigantischen, nicht dauerhaft fortführbaren Naturkapitalverzehrs möglich. Zweitens sind wir trotz dieses historischen Substanzverzehrs Lichtjahre davon entfernt, diese Wohlstandsgewinne allen Menschen auf der Welt zugänglich zu machen. Dazu kommt, dass wir in den Industrienationen seit mehreren Jahrzehnten meilenweit über unsere Bedürfnisse hinausschießen. In unserem von Dauerkonsum geprägten Wirtschaftsparadigma leben wir heute doch in einer nicht verantwortbaren Fülle und Verschwendung. Was sind das für Menschen, die von einem Rückschritt sprechen, wenn Wissenschaftler in dieser Überfluss-Situation zu einem genügsameren Lebensstil im Einklang mit einem Planeten Erde aufrufen? Welchen Sinn hat unser bisheriges Fortschrittsverständnis, wenn es uns als Gesellschaft an den Abgrund unserer Existenz geführt hat? Und was wäre in dieser Situation so verkehrt an „Rückschritt“, wenn wir durch die Emanzipation gegen unsere Abhängigkeit von Öl und Konsum endlich einen Weg fänden, globale Gerechtigkeit herzustellen und nicht in den Abgrund zerstörter natürlicher Lebensgrundlagen zu stürzen?

In einer so auf Konsum und Wachstum ausgelegten Gesellschaft wie der unsrigen fällt es schwer, auf etwas zu verzichten. Der Durchschnittsmensch an sich ist zudem ein Gewohnheitstier und bequem. Können sie diesem „Otto Normalverbraucher“ fünf Tipps geben, wie er einfach und bequem sein Leben nachhaltiger gestalten kann?

Mein Kollege Niko Paech schlägt hierzu einen wichtigen Perspektivwechsel vor: Wer im Überfluss lebt, für den bedeutet „weniger“ nicht Verzicht, sondern Befreiung. Souverän und glücklich ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht. Ich finde diese Perspektive richtig und wichtig. Besonders effektiv wäre es dafür unter anderem, deutlich weniger Fleisch zu essen, da die industrielle Fleischproduktion für einen Großteil der aktuellen ökologischen Herausforderungen verantwortlich ist. Auch der Umstieg von Individualverkehr auf öffentlichen beziehungsweise geteilten Verkehr, das Neinsagen zu Flugreisen, die Reduktion unserer Wohnflächen-Ansprüche oder das Teilen, Reparieren und längere Nutzen von technischen Geräten würden uns helfen, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Keine dieser Handlungen kostet Geld, im Gegenteil. Wir könnten jetzt sofort damit beginnen.

Können Sie verstehen, dass Ihre Ideen vielen Menschen zuwider sind und mitunter sogar Angst bereiten? Wie würden Sie diese Menschen gerne überzeugen?

Das erlebe ich so nicht. Zumindest nicht, nachdem ich eine Chance hatte, unsere Ansätze zu erläutern. Kategorisch verschlossene Kritiker werfen uns zwar gerne vor, dass durch so einen Wandel Arbeitsplätze und Einkommen vernichtet und Sozialsysteme zusammenbrechen würden. Sie offenbaren damit aber nur ihre mangelnde Bereitschaft, die Handlungsnotwendigkeit der Gegenwart anzuerkennen und den Vorschlag für ein wachstumsunabhängiges Wohlstandsmodell ganzheitlich aus der veränderten Zukunft heraus zu betrachten. Leider liefern diese Kritiker auch keine schlüssigen oder gar praktisch wirksamen Alternativen. Was ich hingegen unter den grundsätzlich aufgeschlossenen Menschen beim Einstieg in einen Austausch wahrnehme, sind drei Gefühle: Erstens die beklemmende Klarheit, dass wir so nicht weitermachen können. Zweitens ein riesiger Ärger darüber, dass insbesondere die politische und wirtschaftliche Elite nicht in der gebotenen Konsequenz handelt. Und drittens eine Ohnmacht mit Blick auf die Größe und Komplexität der Herausforderungen. Niemand, auf den ich treffe, möchte weiter in dieser Schockstarre verharren. Im Gegenteil: Auf der Suche nach greifbaren Lösungsansätzen sind meine Studenten, die Mitwirkenden in meinem Heimatort und Vortragsgäste sehr offen und dankbar für nachvollziehbare Handlungsempfehlungen – auch wenn sie sich deutlich vom etablierten Mainstream unterscheiden. Also müssen wir die rationale, schmerzhafte Analyse der Gegenwart mit positiven Visionen für die Zukunft verbinden und dabei aushalten, dass wir dafür noch eine Zeit lang als Spinner abgestempelt werden.

Das Gespräch führte Sarah Essing.

Info

Zur Person

Henning Austmann

ist BWL-Professor an der Hochschule Hannover und spezialisiert auf die Themen Nachhaltigkeit und Internationales Management. Zum Thema „Klimaschutz – Lokal jetzt!“

hält er am Mittwoch,

28. August, 19 Uhr, einen Vortrag im Syker Theater. Der Eintritt ist frei.

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