Anni Heger im Gleis 1

„Watt’n Skandaal“ im Gleis 1

„Watt’n Skandaal“ im Gleis 1: Annie Heger bringt das Publikum am Freitag nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken.
18.11.2018, 18:33
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Rita Behrens
„Watt’n Skandaal“ im Gleis 1

Annie Heger brachte am Freitag Frauenpower, Witz und Charme auf die Bühne. Vanessa Maurischat begleitete sie am Klavier.

Jonas Kako

Syke. Wer am Freitagabend noch ahnungslos das Gleis 1 betrat, durfte gespannt sein auf Annie Hegers zweiten Auftritt in Syke. Wie es im Vorfeld hieß, ist die „aufregende Künstlerin mit angenehmer Bodenhaftung“ mit der plattdeutschen Sprache aufgewachsen. Über den inhaltlichen Sachverhalt des Programmtitels „Watt’n Skandaal“ klärte sie gleich zu Beginn auf.

Sobald sie das Licht der Welt erblickte, erscholl nach ihrer eindrücklichen Darstellung der Ausruf „Wat is de swart!“. Sie hatte schwarzes anstatt blondes Haar. In Ostfriesland ist das offenbar ein Ding der Unmöglichkeit. Der Skandal war perfekt und gravierend waren die daraus resultierenden Erfahrungen. Weder bekam sie als Kind Bonschen geschenkt, noch weniger konnte sie Blütenkönigin von Wiesmoor werden. Doch ihr Opa mochte immerhin die Schwarz-Bunten am liebsten, sinnierte die Kabarettistin, aber ihr wäre schon klar, dass er eigentlich wohl etwas anderes meinte. Die Lacher der Zuschauer blieben folglich nicht aus.

Hegers Wurzeln liegen in Spezerfehn. Tiefstes und prägendes Ostfriesland, ließe sich sagen. Folglich musste die niederdeutsche Muttersprache zum Dreh- und Angelpunkt ihrer künstlerischen Laufbahn werden. Plattdeutsche Lieder und autobiografisch orientierte Döntjes wirkten in der ersten Hälfte auf das Publikum ein, das sich gerne darauf einließ. Sie plauderte aus dem Nähkästchen, zum Beispiel über ihre Herkunftsfamilie mit sieben Kindern, jedes davon war „besünners“. Die häusliche Enge während ihrer Schulzeit verglich sie mit der eines Promi-Containers. Auch die Möglichkeiten der typisch ostfriesischen Namensgebung für Mädchen und Jungen wurden geklärt. Offensichtlich hörte man ihr gerne und aufmerksam zu. Gleichsam verführte das ansprechende Lied „Nienich heel gahn“ die Zuhörenden zum Mitklatschen. Die Interaktion festigte sich. Selbstverständlich kannte jeder im Raum das wohlklingend vorgetragene Volkslied „Dat du min Leevsten büst“, das seit 1845 in der niederdeutschen Fassung besteht. Das Mitsingen blieb nicht aus, obgleich nicht von allen textsicher. Annie Heger fiel hierzu – unvermeidlich - Gotthilf Fischer ein. Ihr nächster Gedanke führte zum vermeintlich besten Bier. Fast könnte man meinen, man säße gemeinsam in der guten Stube. Nur eins ist gewiss: Hör mal’n beten to! Und wie schön, die Gastgeberin sucht außerdem das Gespräch mit den Anwesenden.

In den zweiten Teil ihrer Darbietung führte die Ostfriesin, augenscheinlich à la Liza Minelli, wiederum humorvoll ein. Trotzdem wurde es im Folgenden tiefgehender. Sozialkritisch griff sie das Thema Grenzen auf. Sowohl die nationalen, politischen als auch die möglichen ideellen Barrieren – „Grenzen, die wir in uns tragen“. Anekdotisch schilderte sie mit Rückgriff auf die eigene Familie wie ehemals die deutsche Grenze durch eine Brieffreundschaft überwunden werden konnten. Mit ihrem Engagement im Projekt "100 Prozent Mensch“ und dem eigenen plattdeutschen Rap “Wi sünd een“ wendet sie sich gegen nationalistisch geprägte Ideologien. Folgerichtig lautet die erste Liedzeile „Wenn de Haat dör de Straaten geiht“ (Wenn der Hass durch die Straßen geht). Der Refrain greift in der Fortsetzung den Titel auf „een Minschheit ohn Natioon / een Wohrheet ohn Religioon“. Deutlich formulierte sie dazu ihr Anliegen: „Würde ist kein Konjunktiv“ und „Vielfalt ist keine Bedrohung“.

Die facettenreiche Klangfarbe ihrer Stimme wirkte überzeugend und wohltuend, nicht nur bei der Präsentation der poetischen Lieder, wie etwa „Fleeg Vögel fleeg“ oder ihres ersten eigenen lyrischen Werks „Ik fall seeker“. Gleiches galt für ihre Tonkunst insgesamt, auch für den adaptierten Song „Klunkers“ – „Diamonds Are A Girl’s Best Friend“, ehemals Marilyn Monroes Interpretation. Kein Wunder also, dass ihr Gesang mit herzlichem Applaus honoriert wurde. In berührender und romantischer Harmonie beendete die Sängerin mit der niederdeutschen Version des Abendliedes von Matthias Claudius aus dem neunzehnten Jahrhundert „De Maand, de is nu upgahn“ ihr Bühnenprogramm.

„Frauenpower, Witz und Charme, darin ist Annie Heger stark.“ Dieser positiven Kritik von Hanne Klöver (NDR) wird sich jeder, der sie in Syke erleben durfte, ohne Einschränkung anschließen können. Auf der Bühne lieferte sie ein thematisch lockeres Nummernprogramm op platt, das oft witzig und humoristisch war aber zudem auch nachdenklich. Sie nahm aktuelle Themen auf, wie repressives Denken und Handeln sowie auch die Problematik der Nazi-Vergangenheit am Beispiel der eigenen Familie. Am Klavier spielte Vanessa Maurischat, die sich auch sporadisch an den spaßigen Einlagen beteiligte. Seit gut zwei Jahren treten beide als Duo auf.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+