Rundgang Frauenleben, gestern, heute und morgen

In der Vergangenheit haben viele bekannte Frauen in Syke gelebt und gewirkt. Anlässlich des Weltfrauentages haben Christiane Tesch und Kathrin Stern diesen Frauen einen Rundgang gewidmet.
13.03.2022, 16:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Dorit Schlemermeyer

Syke. Am 8. März war der Weltfrauentag. Gleichstellungsbeauftragte Kathrin Stern und Gästeführerin Christiane Tesch hatten dazu die Idee, Syker Frauen vorzustellen, ihr Leben, ihren Alltag. „Wir waren beide sofort Feuer und Flamme und haben angefangen zu recherchieren“, erzählte Stern bei ihrer Begrüßung vor dem Rathaus. „Frauenleben in Syke, gestern, heute und morgen“, lautete der Titel und 15 Frauen waren gekommen, um den Spaziergang durch Syke zu begleiten.

Erste Station war das Mahnmal für die verfolgten, verschleppten und getöteten Opfer des Nazi-Regimes und damit die Geschichte von Dora Löwenstein. Löwenstein, geborene Stern, war der Liebe wegen nach Syke gekommen: der Liebe zu Dietrich Löwenstein, der vor Ort eine kleine Schlachterei betrieb. "Das Ehepaar sei äußerst beliebt gewesen", beschrieb Tesch die Situation vor der Machtergreifung. Als diese erfolgt war, wurden auch die Löwensteins verfolgt. Bei einer ersten Befragungen zog Dora ihre Schwesternuniform und Dietrich seinen besten Anzug an. Weil beide im Ersten Weltkrieg gedient hatten, vermuteten sie nichts Böses und wurden bei diesem ersten Mal auch nicht verhaftet. Beim zweiten Mal hatten sie weniger Glück, wurden verhaftet und ins Gefängnis nach Bassum gebracht. Später nach Minsk deportiert, wo sich ihre Spur verliert und sie vermutlich getötet wurden, so die Erzählung von Christiane Tesch. Heute erinnert ein Stolperstein an ihr Haus und eine Straße wurde nach Dora Löwenstein benannt: der Dora-Löwenstein-Ring.

Für uneheliche Schwangerschaft bestraft

Vom Rathaus ging es dann zum Amtsgericht und ins 19. Jahrhundert. „Diese Geschichte hat mich besonders berührt“, wandte sich die Gästeführerin an ihre Zuhörerinnen. „Katharine Springmann war die Tochter von Häuslingen, die damals vollkommen abhängig waren von den Bauern, Hand- und Spanndienste zu leisten hatten und dafür in einem kleinen Haus des Bauern wohnen und ein kleines Stück Land bewirtschaften durften.“ Und auch für die Eheschließung sei die Genehmigung des Grundherren erforderlich gewesen. Die unglückliche Katharine sei dann schwanger geworden und der vermeintliche Kindsvater habe seine Vaterschaft verleumdet. Die junge Frau hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht und sollte dafür eine Strafe bezahlen von 45 Tageseinheiten, die sie nicht aufbringen konnte und deshalb zu fünf Tagen Haft verurteilt wurde. Der konnte sie sich nur durch das Ausweichen nach Gröpelingen entziehen, das damals noch preußisch war.

Es folgte eine weitere uneheliche Schwangerschaft und wieder eine Verurteilung, dieses Mal als Wiederholungstäterin für zehn Tage. „Der negative Begriff der Unehelichkeit ist ja bis heute erhalten“, warf eine Zuhörerin ein und Kathrin Stern nahm sie zum Anlass, um über die heutige Gesetzeslage zu berichten. Erst 1969 sei das „Nichtehelichengesetz“ in Kraft getreten, das für die Gleichstellung von ehelichen und nicht-ehelichen Kindern gesorgt hatte. Für Katherine Springmann hatte es dann doch noch ein „Happy End“ gegeben. Nachdem sie ihre ersten beiden Kinder verloren hatte, konnte sie mit 51 Jahren doch noch heiraten und bekam mit ihrem Mann vier weitere Kinder.

Mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

Nächste Station des Rundgangs war das Grundstück des ehemaligen „Deutschen Hauses“ an der Hauptstraße. Hier war Amalie Röhrs als Gemeindeschwester tätig gewesen. Außerdem war Röhrs als erste Frau 1926 in den Rat gewählt worden. Wenn es um das Wirken von Syker Frauen ging, durfte natürlich auch nicht Luise Chevalier fehlen. Auch nach ihr ist eine Straße benannt. 1913 geboren, setzte sie sich trotz Kriegserlebnis für die Versöhnung mit Frankreich ein. Anlässlich ihres 100. Geburtstags beschrieb Ilse-Marie Voges sie als unermüdliche Botschafterin des Friedens. Ihrem Einsatz war auch die Patenschaft mit der französischen Stadt „La Chartre“ zu verdanken. Für ihren beispiellosen Einsatz wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und erhielt auch höchste Orden in Frankreich und Polen, denn sie hatte auch eine Patenschaft mit einer der polnischen Stadt Wabrzezno initiiert.

Und Syke hatte auch von Unternehmerinnen profitiert, die beispielsweise das bis heute existierende Handarbeitsgeschäft Stuckenschmidt gegründet hatten. Das Gemüse und Südfrüchte-Geschäft der Minna de Leeuv existiert nicht mehr. Nach dem Boykott durch die Nazis nahm sich de Leeuv 1937 das Leben.

Nach kurzen Stopps an Hache und Mühlenteich endete der Rundgang wieder vor dem Rathaus und in der Gegenwart. „Es hat sich viel getan, zum Beispiel haben wir mit Suse Laue eine Bürgermeisterin und mit Gaby Beständig eine Ortsbürgermeisterin und Ratsmitglied, aber es gibt noch viel zu tun“, lautete das Resümee von Kathrin Stern. Von 35 Ratsmitgliedern seien lediglich zehn Frauen. Sie plädierte für gesetzliche Regelungen wie dem Paritätsgesetz: „Ich glaube, dass wir ohne gesetzliche Regelungen zu wenig erreichen“.

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