Glockenstuhl in Wachendorf

Wenn der Glöckner einmal klingelt

Wenn die Glocke in Wachendorf um 18 Uhr klingelt, wird ein Neubürger begrüßt. Geschieht das Gleiche um 11 Uhr, ist jemand aus dem Dorf gestorben. Nun feiert der Glockenstuhl seinen zehnten Geburtstag.
16.08.2019, 08:53
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wenn der Glöckner einmal klingelt
Von Micha Bustian
Wenn der Glöckner einmal klingelt

Drei Mann, eine Glocke: Manfred Rinas (von links), Karl-Heinz Schumacher und Hans-Hermann Lindhorst hoffen auf guten Zuspruch beim zehnten Geburtstag des Wachendorfer Glockenstuhls.

Micha Bustian

Syke-Wachendorf. Wenn die Glocke in Wachendorf um 18 Uhr klingelt, dann ruft die Kirche nicht zum Abendgottesdienst. Nein, dann machen sich die Wachendorfer auf zum Glockenstuhl. Im Gepäck: eine Kiste Bier, eine Kleinigkeit zum Essen, Süßigkeiten, vielleicht auch Musik. Denn wenn der Wachendorfer Glöckner um 18 Uhr klingelt, gilt es, eine freudige Nachricht zu verkünden: eine Geburt. Am 29. August 2009 wurde das erste Baby so begrüßt. Folglich feiert der Glockenstuhl nun seinen zehnten Geburtstag. Genauer: am Sonntag, 18. August, ab 15 Uhr.

Der erste Glockenstuhl in Wachendorf wurde 1707 errichtet, keine 200 Meter vom jetzigen Standpunkt entfernt. „Der stand damals an der alten Schule am heutigen Heisterort“, weiß Manfred Rinas zu berichten. Wozu die Glocke damals geläutet wurde, kann der Vorsitzende des Bürgervereins nur vermuten. „Bei Bränden beispielsweise“, springt Hans-Hermann Lindhorst ein. Er ist gemeinsam mit Karl-Heinz Schumacher für das Geläut zuständig. Die Glocke wurde allerdings im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen, als Munition wichtiger war als Brauchtum.

Anfang des neuen Jahrtausends kam die Idee eines Neubaus auf. 2002/03 war es, als die Arbeitsgruppe Dorferneuerung um Werner Köhler auf diesen Gedanken kam. „Bis zur Umsetzung vergingen dann allerdings ein paar Jahre“, verrät Manfred Rinas. Ein Grund: Der Syker Stadtrat verweigerte eine städtische Förderung. Die Wachendorfer beschlossen – so kennt man sie – die Sache selbst anzupacken. Nach wie vor allerdings im Rahmen der Dorferneuerung. 20 000 Euro sollten für das Projekt angelegt werden, die Kosten teilten sich der Bürgerverein, die Bürger mit ihren Spenden und die Europäische Union. Sprich: Ein Drittel kam aus dem Topf der Dorferneuerung.

Beschluss gefasst. So weit, so gut. Doch wohin mit dem neuen Glockenstuhl? Zwei mögliche Standorte wurden ausgeguckt: direkt am Bahnhof an der Straße Im Dorfe und in der Nähe des heutigen Dorfgemeinschaftshauses. Und wieder hatten die Wachendorfer Bürger die Wahl. Ihre Entscheidung war deutlich: 84 Prozent der Bürger wollten den neuen Glockenstuhl neben den Bahngleisen platziert sehen. Die Stadt Syke gab das Grundstück schnell frei. Aber: Die Deutsche Bahn legte ihr Veto ein. Ein Gebäude so nah an den Gleisen würde den Lokomotivführern die Sicht versperren. „Wir haben ihnen dann klar gemacht, dass es sich nicht um ein massives Gebäude handelt, sondern um ein Holzgerüst“, erzählt Hans-Hermann Lindhorst. Das wirkte. Der Glockenstuhl durfte gebaut werden.

Die örtliche Zimmerei Dannemann kümmerte sich um das Gerüst, für die Glocke wendete sich der Bürgerverein an die Gießerei Petit und Edelbrock in Gescher im Münsterland. „Diese Glocke ist extra für uns gegossen worden“, erläutert Manfred Rinas nicht ohne Stolz. Inklusive der Inschrift „Werden und Vergehen – Wachendorfer Bürger 2009“. Womit auch der Nutzwert des neuen Glockenstuhls erklärt wäre: Um 18 Uhr wird für jede Geburt in Wachendorf geläutet, um 11 Uhr wird jeder Gestorbene auf diese Weise verabschiedet. „Damit wollten wir ein Stück Historie wieder aufleben lassen“, sagt Rinas.

Mehr noch: Mit der Umsetzung dieser Idee hat der Bürgerverein Wachendorf eine Tradition gegründet. Wenn es abends läutet, „wächst das mittlerweile zu einem Event aus“, findet Manfred Rinas. Dann würden Jugendliche ihre ganze Clique mitbringen. „Letzten Montag waren wir 30 Leute.“ Eine Viertelstunde läutet dann die Glocke – elektronisch angetrieben, nicht über ein Seil –, dann geht die Begrüßung des Wachendorfer Neubürgers erst so richtig los. „Die Möglichkeit wird gut genutzt“, meint Hans-Hermann Lindhorst. „Das macht immer sehr viel Spaß abends.“ Und sein Glöckner-Kollege Karl-Heinz Schumacher ergänzt: „Alle sind dabei. Man sieht viele Leute, die man lange nicht mehr gesehen hat.“

Nur: Wachendorf ist groß. Es reicht heran bis an die Bundesstraße 6 mit seiner Colonie. „Die Leute dort hören die Glocke nicht“, bedauert Hans-Hermann Lindhorst. Auch bis Legenhausen reiche das Gebimmel nicht. Schade eigentlich. „Aber heute kann ja jeder per Whats-App die schöne Nachricht weitergeben.“

Das ging früher nicht. Hans-Hermann Lindhorst erinnert sich an die Geburt des Enkels von Paul Henneberg. Da stand er mit Opa und Papa alleine am Glockenstuhl. Mitten im dicksten Schneetreiben. „Gegen die Kälte haben wir ein paar Weinbrand getrunken“, blickt Lindhorst zurück. Als der Schnee schließlich schmolz, kamen die Gläser wieder zum Vorschein. Andere Anekdote: Einmal begann die Glocke ohne Grund zu klingen; Netzbetreiber Avacon hatte die Leistungen getestet. Auf der anderen Seite versagte das Geläut auch einmal seinen Dienst; hier war bei der Avacon eine Sicherung durchgeschmort.

Kann alles passieren. Das ist auch der Grund, warum der Glockenstuhl regelmäßig von einer Fachfirma gewartet wird. Die kontrolliert die Verschraubung, schmiert die Ketten und sichert den Klöppel. „Sonst müssen die Glöckner demnächst mit Helm herumlaufen“, flachst Hans-Hermann Lindhorst. Doch ganz im Ernst: „Da spielen ja auch Kinder drunter.“

Das soll auch am kommenden Sonntag, 18. August, so sein. Der Bürgerverein hofft, dass möglichst viele der inzwischen 46 Kinder, die am Gerüst des Glockenstuhls namentlich verewigt sind, zur Geburtstagsfeier kommen. Maximilian Köhler, Emily Brüning und Lolle Christiansen beispielsweise. Ihre Namensschilder wurden zuerst an den Holzbalken genagelt. Für die Lütten wird einiges an Programm aufgefahren. Die Erwachsenen sind da ja einfacher gepolt: Bier, Bratwurst, Gespräche. Dazu gibt es warme Worte vom Bürgervereinsvorsitzenden Manfred Rinas und Bürgermeister Jochen Harries. Für musikalische Umrahmung sorgt die ortseigene Brassband. Und: Gibt‘s auch eine Extraportion Geläut? „Na logo“, verspricht Hans-Hermann Lindhorst.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+