Morgen ist der längste Tag des Jahres / In Lettland feiern die Menschen ausgiebig in Trachten und mit Gesang Wenn die Sonne nicht mehr untergeht

Morgen ist der längste Tag des Jahres, an dem die Sonne erst spät untergeht und sich schon sehr früh wieder blicken lässt. In Lettland wird das, unter dem Namen Johannes-Fest, groß gefeiert. Anita Balode-Butt aus Madona erzählt von Bräuchen und Traditionen ihres Heimatlandes.
20.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kaya Leimann

Morgen ist der längste Tag des Jahres, an dem die Sonne erst spät untergeht und sich schon sehr früh wieder blicken lässt. In Lettland wird das, unter dem Namen Johannes-Fest, groß gefeiert. Anita Balode-Butt aus Madona erzählt von Bräuchen und Traditionen ihres Heimatlandes.

Landkreis Diepholz. Schon gewusst? Morgen geht die Sonne in einigen Regionen nicht wieder unter. In Deutschland bleibt sie uns bis etwa 23 Uhr erhalten, ab 3 Uhr wird es dann auch schon wieder hell. Für Lettland ist diese Sommersonnenwende, oder auch Johannes-Fest genannt, ein ganz besonderer Tag. Warum die Sonne dann so lange scheint und wie genau Lettland dieses wichtigste Feier des Jahres begeht, das erklären Menschen vom Fach.

"Morgen hat die Sonne ihren nördlichsten Punkt erreicht. Dann scheint sie in einigen Regionen den ganzen Tag", sagt Hans-Jürgen Neumann. Er ist Mitglied der Olbers-Gesellschaft in Bremen, die sich um Fragen rund um das Thema Astronomie kümmert. Neumann befindet sich derzeit selbst in der nördlichsten Stadt Europas: im norwegischen Hammerfest. Hier wird er die Sommersonnenwende hautnah miterleben. "In Hammerfest herrscht an diesem Tag nur 47 Minuten lang Dämmerung, es ist also die Zeit der Mitternachtssonne", sagt der Hobby-Astrologe. Nach dem längsten Tag des Jahres geht es aber schon wieder bergab, die Tage werden ab dann kürzer. "Am 21. Dezember erreichen wir den kürzesten Tag des Jahres", so Neumann.

Jerome Meyer vom Olbers-Planetarium in Bremen ist dort stellvertretender Leiter und erklärt den längsten Tag des Jahres auf folgende Weise: "Die Erdachse steht schräg, zeigt aber immer in die gleiche Richtung. Wenn sich also die Erde um die Sonne dreht, dann ist die Erde mal mehr und mal weniger der Sonne zugeneigt. Morgen steht die Sonne über dem Horizont an ihrem nördlichsten Punkt und scheint ganz im Norden 24 Stunden lang." Meyers Tipp ist es, sich dieses Phänomen anhand eines kleinen Globus vor Augen zu führen: "Nach dem längsten Tag des Jahres merkt man noch nicht, dass die Tage kürzer werden. Wechselt die Jahreszeit aber von Sommer auf den Herbst, dann wird einem der Unterschied schon innerhalb einer Woche ganz deutlich." Der Tag falle außerdem nicht jedes Jahr auf den 21. Juni. "Das Jahr hat nicht genau 365, sondern 365,2 Tage. Gäbe es das Schaltjahr nicht, würde sich der Termin für den längsten Tag des Jahres immer weiter nach hinten verschieben", sagt er.

Dieses Naturphänomen hat unter anderem in Lettland eine weitreichende Folge: Die Sommersonnenwende, in Lettland das Ligo-Fest oder auch Johannes-Fest genannt, ist der wichtigste Feiertag des Jahres. Anita Balode-Butt lebt schon seit neun Jahren mit ihrem Mann in Sudweyhe, kommt aber ursprünglich aus Madona in Lettland. "Bei uns wird das Fest immer vom 23. auf den 24. Juni gefeiert. Wenn diese beiden Tage so wie in diesem Jahr auf ein Wochenende fallen, dann haben die Menschen Montag und Dienstag frei", sagt die Lettin. Schon am Morgen des 23. würden dann die Vorbereitungen starten. "Die Menschen gehen in den Wald und auf die Wiesen, um Blumen für ihre Kränze zu sammeln. An diesem Tag bekommen alle Männer mit dem Namen Johannes einen Eichenlaubkranz", sagt sie. Die Frauen tragen alle den gleichen Blumenkranz. Dann sei nicht mehr zu erkennen, welche Frau verheiratet oder unverheiratet ist, alle seien an diesem Tag gleich. "Außerdem ist unser besonderer Johannes-Kümmelkäse und das selbst gebraute Bier sehr wichtig. Das bereiten wir schon zwei Wochen vorher vor." Abends werden dann viele private aber auch größere Feuer entzündet. Die Menschen springen in Trachten darüber und singen volkstümliche Lieder über den heiligen Johannes, den Sommer und Gott. Das Essen und Trinken geht bis in die Nacht hinein und ist sehr wichtig. "Wer vor dem Sonnenaufgang ins Bett geht, der hat das ganze Jahr Pech", warnt Balode-Butt. Ihren Mann hat sie bei einem solchen Fest am 23. Juni 1999 kennengelernt. In Deutschland lebt sie mittlerweile sehr gerne, vermisst aber das Fest und den Kümmelkäse.

Auch in Stuhr konnte drei Mal ein Ligo-Fest gemeinsam mit der Partnerstadt Sigulda organisiert werden. "Auf dem Gut Varrel hatten wir damals auch ein Feuer entzündet", erinnert sich Adolf Assling, Mitglied des Vorstandes vom Förderkreis Stuhr-Sigulda. "Das hat aber natürlich nicht so gut gebrannt wie das in Sigulda. Da werden die Hölzer auf eine bestimmte Weise gestapelt, sodass das Feuer von innen abbrennt." Auch in Stuhr hätten sich die Menschen bis in die Nacht hinein bei bester Laune im Hellen draußen aufgehalten.

Vor allem auf die menschliche Psyche hat Licht eine große Auswirkung. "In Skandinavien leiden mehr Menschen unter Depressionen und psychischen Problemen, weil es dort lange dunkel ist", sagt die Psychologin Ruth Flemming aus Syke. So würden sich viele eher in der dunklen Jahreszeit in einem Stimmungstief befinden und sich mit ihren Depressionen beschäftigen als zur Sommerzeit. Da heißt es also, den längsten Tag des Jahres noch einmal richtig auszukosten.

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