Landwirtschaft

Wie niedersächsische Bauern mit dem Klimawandel umgehen

Hitze, Dürre, Starkregen: Bauern bekommen Wetterveränderungen unmittelbar zu spüren. Landwirt Wilken Hartje leistet mit seiner Biogasanlage bei Syke einen Beitrag zum Klimaschutz.
06.08.2019, 18:42
Lesedauer: 4 Min
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Wie niedersächsische Bauern mit dem Klimawandel umgehen
Von Marc Hagedorn
Wie niedersächsische Bauern mit dem Klimawandel umgehen

Landwirt Wilken Hartje auf einem seiner Felder.

Vasil Dinev

Die vier Zipfelmützen sind von hier oben, von der Landstraße Richtung Syke, gut zu erkennen. Zipfelmützen, so nennt Wilken Hartje die vier Türme seiner Biogasanlage. Sie liegt ein paar hundert Meter von seinem Hof entfernt in einer kleinen Senke, umgeben von Mais- und Getreidefeldern. Über eine zwei Kilometer lange Gasleitung ist die Anlage mit der Stadt verbunden. Dort, in Syke, wird aus Biogas Strom. Die dabei entstehende Wärme versorgt das Schulzentrum und das Kreishaus.

Die Biogasanlage ist Hartjes Beitrag zum Klimaschutz. Wenn in Deutschland irgendwann alle Atom- und Kohlekraftwerke vom Netz sind, könnte Biogas dazu beitragen, die Lücke zu schließen. Als Wilken Hartje, 48, noch ein kleiner Junge war, hat niemand über Klimawandel, alternative Energien, Bio und artgerechte Tierhaltung geredet. Hartje, könnte man sagen, ist in einem Paradies groß geworden, auf Gut Hoope zwischen goldgelben Getreidefeldern und sattgrünen Wiesen.

Bei Hartje hat das dazu geführt, dass er sich vor acht Jahren mit vier Kollegen zusammengetan hat, um eine 500-Kilowatt-Biogasanlage zu bauen. Sie wird mit Mais und Schweinegülle betrieben. Drei Millionen Euro haben er und seine Partner bis heute investiert, dafür haben sie im Gegenzug die Zusage, dass ihnen der Strom bis zum Jahr 2031 zu einem festen Preis abgenommen wird.

Biogasanlagen waren vor zehn Jahren der Hit, besonders in Niedersachsen. Nur in Bayern stehen mehr Anlagen. Das Gas, das sie produzieren, lässt sich flexibel nutzen. Man kann es speichern und dann zu Strom verfeuern, wenn der Strom gebraucht wird. Biogas kann damit die Schwankungen von Windkraftanlagen (bei Flaute) und Photovoltaik-Anlagen (bei Wolken und des Nachts) ausgleichen.

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Biogasanlagen haben zuletzt allerdings mächtig an Renommee eingebüßt. Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes hat die Politik die Förderung von Bioenergie massiv gekappt. Seitdem entstehen kaum noch neue Anlagen. Hartje spricht von einer „Vollbremsung. Erst wird so getan, als sei Biogas die Lösung, dann wird es verteufelt“.

Der Teufel tritt in Gestalt von endlos erscheinenden Maisfeldern auf, die in der Nähe von Biogasanlagen entstanden sind. Monokultur heißt das. Biogasanlagen haben im Unterschied zu Wind- oder Sonnenenergie nämlich einen großen Nachteil: Um Energie zu gewinnen, braucht es nachwachsende Rohstoffe, wie eben Mais. Aber wo natürliche Vielfalt verloren geht, leiden Insekten, Bienen und Vögel. Hartje und seine Mitstreiter wirken dem entgegen, indem sie Zwischenfrüchte anbauen und nur einen kleinen Teil ihrer Fläche zum Maisanbau nutzen. Manche Landwirte fühlen sich, wenn es hart auf hart kommt, von der Politik allein gelassen.

Sie wünschen sich mehr Verlässlichkeit und weniger Bürokratie. Hartje kennt die Befindlichkeiten der Kollegen genau, er ist Kreislandwirt, und er weiß, wie die anderen Leute ticken, denn er ist auch CDU-Ortsbürgermeister. Um fünf Uhr ist er heute aufgestanden, jetzt hat ihn sein Vater draußen auf dem Feld abgelöst, damit er sich Zeit für den Menschen von der Zeitung nehmen kann.

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In Hartjes Büro stehen drei Regale, jeweils fünf Fächer hoch. Zehn Aktenordner passen in ein Fach, alle Regale sind voll, 150 Ordner in Summe. Hartje tippt auf die beschrifteten Rücken der Hefter: „Lieferscheine, Bilanzen, Verordnungen“, sagt er, und weiter: Förderrichtlinien, Rechnungen, Versicherungen und Dokumentationen zu Viehbestand, Fuhrpark, Bodenproben und Futtermitteln. Mehr muss er zum Thema Bürokratie gar nicht sagen.

Auch die Vorgänge um seine Biogasanlage füllen Ordner, so viel hat sich verändert. Die Sicherheitsstandards steigen ständig, und nach der neuen Düngemittelverordnung müssen für Gärreste zusätzliche Lagerkapazitäten geschaffen werden. Das macht Investitionen notwendig. „Ein Lottogewinn ist eine Biogasanlage nicht“, sagt Hartje. Aber Lotto will er ja auch gar nicht spielen.

Er wünscht sich lieber eine andere Kultur beim Verbraucher. „Wir müssen bewusster leben“, sagt er, „weniger Essen verschwenden, weniger wegwerfen, weniger reisen.“ Er selbst ist seit 20 Jahren nicht mehr geflogen, sein Laptop ist zehn Jahre alt und das Faxgerät auf seinem Schreibtisch 15. „Warum braucht man das gesamte Jahr über Erdbeeren? Oder Südfrüchte? Oder Schnittblumen?“, fragt Hartje. Er will nicht missverstanden werden, er will die Verantwortung nicht wegschieben. „Wir müssen beim Klimaschutz in Mitteleuropa mit gutem Beispiel vorangehen, weil wir reich sind, und weil wir das Know-how haben“, sagt er, „aber wir Bauern allein können das Klima nicht retten. Dabei müssen alle mitmachen.“

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Hartje hat zwei Söhne, 19 und 16, der älteste wird den Hof eines Tages übernehmen. Heute zählen 2700 Mastschweine und 280 Hektar landwirtschaftliche Fläche zum Betrieb, Hartje baut Weizen, Gerste, Roggen, Grassamen, Raps, Mais und Zuckerrüben an. Was seinen Sohn später erwartet? Hartje hat mehr als nur eine Ahnung. Er ist sich sicher, dass die Sommer heißer und trockener werden und die Winter feuchter und wärmer. Ernteeinbrüche könnten Alltag werden.

Hartje checkt regelmäßig den Dürremonitor. Das Zentrum für Umweltforschung beobachtet anhand von Zahlenmaterial, das bis 1951 zurückreicht, wie trocken die Böden in Deutschland sind. Für dieses Jahr ist der Befund alarmierend. Tiefrot ist die Landkarte eingefärbt, dort, wo Niedersachsen liegt. Auch im Rest der Republik sieht es nicht viel besser aus. Keine Feuchtigkeit in den oberen Schichten und auch tief unter der Erde wird es immer trockener. „Das macht einen nachdenklich“, sagt Hartje. Nicht nur als Tierhalter und Futteranbauer, „sondern auch als Erdenbewohner“.

Wasser, sagt Hartje, Wasser wird künftig das große Thema werden. „Heute reden wir über die Wasserqualität, sehr bald werden wir über Quantität sprechen. Es wird auch hier bei uns Verteilungskämpfe ums Wasser geben.“ Mit welcher Konsequenz? Eigentlich müssten die Bauern ihre Felder wässern und wässern und wässern. Aber geht das? „Vielleicht verzichten wir irgendwann auf den Anbau von Weizen“, sagt Hartje. Weizen braucht von allen Getreidesorten am meisten Wasser. Weizen wäre damit aus dem Paradies vertrieben.

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