Hans-Günter Henneke im Interview

„Wir müssen den Dörfern Seele einhauchen“

Hans-Günter Henneke ist in Syke aufgewachsen. Heute ist er Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistages. Im Interview spricht er über schließende Bäcker, schnelles Internet und fehlende Ärzte auf dem Land.
28.08.2019, 10:04
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Wir müssen den Dörfern Seele einhauchen“
Von Nico Schnurr
„Wir müssen den Dörfern Seele einhauchen“

„Wir müssen die Dorfkerne retten“, sagt Henneke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistages.

dpa/Julian Stratenschulte

Herr Henneke, woran denken Sie, wenn Sie sich ans Aufwachsen in Syke erinnern?

Hans-Günter Henneke: Ich muss ans Telefon denken. Immer wenn es klingelte, haben wir uns nicht mit unserem Namen gemeldet. Wir sagten: Gemeinde Steimke hier. In unserem Wohnzimmer tagte der Gemeinderat. Auch Volkszählungen haben wir dort durchgeführt.

Das müssen Sie erklären.

Mein Großvater war Bürgermeister und Gemeindedirektor, das Wohnzimmer nutzte er als Büro. Das ganze Dorf ging bei uns ein und aus, schon als Kind kannte ich jeden. Da bekommt man automatisch ein Gefühl für den Ort.

Was für ein Ort war Syke damals?

Ich bin auf einem Bauernhof groß geworden. Die ganze Nachbarschaft betrieb Landwirtschaft. Es gab keinen Dorfkern, trotzdem sind sich die Menschen ständig begegnet, auf den Feldern und den Höfen. Das ist heute anders.

Warum?

Die Gegend ist nicht mehr dieselbe. Die Landwirtschaft hat sich völlig verändert. Sie ist heute hoch technisiert und weitgehend entmenschlicht. Das ländliche Leben spielt sich nicht mehr zwischen Hof und Feld ab.

Wo dann?

Das ist eine gute Frage. Als ich zuletzt beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier eingeladen war, sagte er zu mir: Was auf dem Land fehlt, sind die Gasthöfe.

Hat er recht?

Ich denke schon. Wir können das Rad nicht zurückdrehen, aber wir müssen den Dörfern wieder Seele einhauchen. Oder aufpassen, dass die ländlichen Räume ihre Seele nicht verlieren. Die Leute müssen sich begegnen können.

Kann das nicht auch etwa beim Bäcker sein?

Natürlich. Wenn wir Leute auf dem Land halten wollen, ist es wichtig, dass solche Geschäfte wie der Bäcker oder Fleischer in einem Dorf bestehen bleiben.

Wie kann das gelingen?

Wenn die Betreiber das nicht alleine schaffen, muss die Politik einspringen. Wir müssen die Dorfkerne retten. Das ist Aufgabe des Staates, auch die Landkreise können helfen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Wenn sich die Filiale einer Sparkasse nicht mehr rentiert, dann muss man sich eben gemeinsam überlegen, wie man das ändern kann. Zum Beispiel, indem die Filiale ein Café bekommt. Wenn die Menschen vor Ort das Gefühl haben, dass die Einrichtungen verschwinden, macht ihnen das nicht gerade Hoffnung.

Warum kommt diese Erkenntnis erst jetzt?

Wir müssen inzwischen einsehen: Der Markt regelt nicht alles. Vielleicht haben wir uns eine Zeit lang zu sehr darauf verlassen. Tatsächlich haben sich die Lebensverhältnisse auf dem Land ja auch über die Jahrzehnte verbessert. Aber nehmen wir den Breitbandausbau: Wenn der Markt das nicht leisten kann, dann ist der Staat gefordert, für schnelles Internet auf dem Dorf zu sorgen. Da geht es um öffentliche Daseinsvorsorge. Und die ist immer auch eine Dableibevorsorge, wie der Bundespräsident mal gesagt hat.

Im Grundgesetz ist die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse verankert. Ist die nicht unmöglich?

Man darf Gleichwertigkeit nicht so verstehen, dass zwischen Stadt und Land alles gleich sein soll. Man braucht nicht alles überall. Die Menschen müssen aber das Gefühl haben, dass sie dort leben können, wo sie leben wollen. Dass sie nicht zwangsläufig umziehen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Es geht um Infrastruktur. Nicht darum, den Menschen etwas vorzuschreiben. Die Berliner Diskussionen gehen leider oft am Kern des Problems vorbei.

Wie meinen Sie das?

In Berlin glauben sie, das Leben auf dem Land über Zahlen und Versorgungsquoten regeln zu können. Das funktioniert nicht. Nehmen wir das Thema Mobilität: Leere Busse im Taktsystem durch die ländliche Gegend fahren zu lassen, ist teuer und hilft wenig.

Stattdessen schlagen Sie vor?

Die Menschen haben ziemlich klare Vorstellungen und wissen, was sie an öffentlicher Infrastruktur erwarten können und was nicht. Man muss den Leuten auf dem Land nur zuhören. Dann wird man feststellen, dass es keine allgemeingültigen Lösungen gibt.

Aber generelle Probleme gibt es schon. Fast überall fehlen Landärzte.

Die medizinische Versorgung hat sich verlagert, von stationär zu ambulant. Die Wege zu den Krankenhäusern sind länger geworden. Und ja, es fehlt an Landärzten, aber das lässt sich lösen.

Und wie?

Der Numerus clausus darf nicht mehr das Maß der Dinge sein. Es ist falsch, wenn nur Einser-Abiturienten Mediziner werden können. Wir müssen Anreize für angehende Landärzte schaffen. Die Kreise sollten ihre künftigen Ärzte schon binden, bevor die ihr Dorf verlassen, um das Studium zu beginnen.

Sie meinen mit frühzeitigen Verträgen?

Ja, es geht um überschaubare Abmachungen. Keine Sorge, die angehenden Ärzte müssten sich nicht an ihren Landkreis versklaven.

Auch Ärzte kommen nur zurück, wenn Ihnen das Leben auf dem Land etwas bietet, oder?

Deswegen braucht es kulturelle Angebote, auch Bürgerbusse, die zur nächsten Diskothek fahren. Ein intaktes Dorfleben, das also, was ich die Seele des Landlebens genannt habe.

Und wie bekommt man die nun zurück in die Dörfer?

Das geht nur über die Menschen, die dort leben. Deswegen wollen wir das Ehrenamt stärker fördern. Wir wollen die Kümmerer in den Sportvereinen unterstützen, bei der Feuerwehr und Landjugend, ihnen bei Bürokratie und Papierkram helfen. Am Ende sind sie es, die für das Lebensgefühl auf dem Land sorgen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Hans-Günter Henneke

ist Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistages in Berlin. Der 62-Jährige ist auch Vorsitzender des Sachverständigenrates für Ländliche Entwicklung.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+