In den alten Wiebuscher Gewächshäusern wird künftig Strom erzeugt / Gekoppelt mit Algenzucht Wo die Kraft der Sonne doppelt genutzt wird

Bassum-Wiebusch. Photovoltaikanlagen auf Dächern gehören inzwischen längst zum Landschaftsbild. Photovoltaikanlagen in Dächern von Gewächshäusern, die neben der Stromerzeugung auch noch zur Algenzucht dienen, sind ein weltweites Novum. Phyto-Voltaik-Systems nennen die beiden Ingenieure Robert Buschmann aus Twistringen und Rudolf Cordes von der Firma Novagreen aus dem Landkreis Vechta ihr 'Baby', das die Kraft der Sonne gleich doppelt nutzt. Der Name setzt sich aus Pytho von Pflanze und Voltaik von Photovoltaik zusammen. Und wo gibt es solch ein nachhaltiges Projekt zu begutachten? Im Bassumer Ortsteil Wiebusch.
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Von Jörn Dirk Zweibrock

Bassum-Wiebusch. Photovoltaikanlagen auf Dächern gehören inzwischen längst zum Landschaftsbild. Photovoltaikanlagen in Dächern von Gewächshäusern, die neben der Stromerzeugung auch noch zur Algenzucht dienen, sind ein weltweites Novum. Phyto-Voltaik-Systems nennen die beiden Ingenieure Robert Buschmann aus Twistringen und Rudolf Cordes von der Firma Novagreen aus dem Landkreis Vechta ihr 'Baby', das die Kraft der Sonne gleich doppelt nutzt. Der Name setzt sich aus Pytho von Pflanze und Voltaik von Photovoltaik zusammen. Und wo gibt es solch ein nachhaltiges Projekt zu begutachten? Im Bassumer Ortsteil Wiebusch.

Wird das Ganze dann auch noch an eine Biogasanlage gekoppelt wie im Modell-Gewächshaus von Rudolf Cordes in Alhorn (Landkreis Oldenburg), ergibt sich daraus ein dreifacher Nutzen.

Doch erst einmal nach Wiebusch, wo Cordes vor einiger Zeit die ehemalige Gärtnerei Brinkmann nahe der Bundesstraße 51 gekauft hat. Momentan werden dort die alten Scheiben an der Südseite der Gewächshäuser durch semitransparente Scheiben ersetzt. Also durch spezielle Module, die Robert Buschmann gemeinsam mit ausländischen Herstellern entwickelt hat. Buschmann kümmert sich um die Solartechnologie, Cordes um die grüne Biotechnologie. Gemeinsam nutzen beide Ingenieure die Synergien, die sich aus dieser Symbiose ergeben.

'Herkömmliche Gewächshausscheiben sind vier Millimeter stark', erklärt Rudolf Cordes. Die semitransparenten Scheiben, die nur diffuses Licht durchlassen und die Gewächshäuser schattenarm ausleuchten, sind lediglich 3,2 Millimeter stark, erreichen aber zuzüglich mehrerer Glasfolien auch die gleiche Stärke. Bis zu 630 Kilowatt Strom können so in einer Stunde produziert werden. Ein Teil der alten Gewächshäuser, rund 3000 Quadratmeter, sind bereits auf semitransparente Scheiben umgerüstet. '45 Haushalte können damit schon mit Strom versorgt werden', rechnet der Twistringer Ingenieur vor. Bis Ende des Jahres sollen weitere 5000 Quadratmeter umgebaut werden. In einem dritten Bauabschnitt kommt nächstes Jahr ein Neubau hinzu. Außerdem sei eine Beteiligungsgesellschaft angedacht, wie Robert Buschmann berichtet. 'Für Leute, die in eine nachhaltige Energieerzeugung investieren möchten.' Neben der Erzeugung von Strom, der ins öffentliche Netz eingespeist wird, soll die Kraft

der Sonne ab 2011 in Wiebusch auch für die Algenzucht verwendet werden. 'In zwei Jahren möchte ich der größte Algenproduzent Europas werden', verrät Rudolf Cordes sein ehrgeiziges Ziel. Und weiter: 'Technisch sind wir schon soweit.' Der Markt würde boomen.

Aber Algen sind ja nicht gleich Algen. Mikroalgen müssen es sein. 'Einzellige Pflanzen, die bei guten Bedingungen einmal täglich ihre Biomasse verdoppeln können', sagt Rudolf Cordes. Zum Vergleich: Mais liefere laut Cordes 15 Tonnen Trockenmasse pro Hektar, Algen dagegen 100 Tonnen pro Hektar. Algen für Wiebusch werden im firmeneigenen Ahlhorner Labor gezüchtet. In Folienschläuchen gehüllt, werden sie dann unter die semitransparenten Gewächshausscheiben gestellt. Alle zwei bis drei Tage ernten sich die Algen automatisch ab.

'Mikroalgen benötigen ausreichend Wärme, Licht, Nährsalze und Kohlendioxid', weiß Rudolf Cordes. Würden die Gewächshäuser mit Biogasanlagen gekoppelt, könnten die Hallen mit der Abwärme, sofern nicht anderweitig verwendet, beheizt werden. Ein angeschlossener Bandtrockner könne die Mikroalgen zudem trocknen. Und noch einen entscheidenden Vorteil birgt die Koppelung an Biogasanlagen laut Cordes und Buschmann. Anfallende Gärsubstrate seien ein guter Dünger für die Algen. Neben Methan enthalte Biogas auch 45 Prozent Kohlendioxid. Im Blasenreaktor werde das Biogas gewaschen und das gelöste Kohlendioxid der Algenproduktion zugeführt. 'Das kann man sich so vorstellen, als ob ein Schlauch ins Aquarium gehalten wird, es blubbert und das Kohlendioxid wieder zu Algen verarbeitet wird', beschreibt Robert Buschmann das Prozedere.

Biogasanlagen ohne Mais

Beim Thema Biogasanlagen scheiden sich ja bekanntlich die Geister - siehe entstehende Anlage am Kreuzkrug. Doch der Bau solcher Anlagen muss nicht immer eine 'Vermaisung' der Landschaft zur Folge haben, wie Rudolf Cordes berichtet. 'Es gibt schon Anlagen, die ohne Mais mit abgegärter Gülle, Gras aus der Landschaftspflege, Stroh und Mist aus der Bodenhaltung von Hähnchen betrieben werden können.' Das Modell-Gewächshaus in Ahlhorn ist an eine Biogasanlage gekoppelt, in Wiebusch existiert keine.

Und was passiert später mit den Algen aus Wiebusch? Die können entweder essentielle Omega-3-Fettsäuren produzieren und somit für die Futtermittelindustrie als Fischmehlersatz interessant sein, oder auch die Biofarbstoffe Astaxanthin und Lutein produzieren. 'Sekundäre Pflanzenstoffe sind die Basis für die rote Farbe des Lachses und das Goldgelb des Eidotters', sagt Rudolf Cordes, Geschäftsführer der Firma Novagreen.

Darüber hinaus könnten die Algen auch für die Produktion von Antikörpern und Impfstoffen für den Veterinärmarkt genutzt werden, quasi als Alternative zum Penicillin. Einsatz? Beispielsweise wenn Schweine mal Durchfall hätten. Ob für die Kosmetik- oder Pharmaindustrie, Algen seien ein international gefragtes Produkt.

Übrigens: Auch Japaner sollen diese Pflanzen nicht verachten. Vielleicht werden ja in absehbarer Zeit schon Algen aus Wiebusch in Japan serviert.

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