Gleis 1 in Syke

Mit „Ach-herrjeh-Effekt“ zum Erfolg

Vor zehn Jahren öffnete die Begegnungsstätte Gleis 1 im Syker Bahnhof ihre Türen auch für Veranstaltungen. Ohne Vorerfahrung, dafür aber mit Herz und Engagement etablierte sich die Bühne als Kabarett-Stätte.
03.06.2020, 17:18
Lesedauer: 4 Min
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Von Sarah Essing
Mit „Ach-herrjeh-Effekt“ zum Erfolg

In Joachim Schröders Büro hängen Flyer von den Künstlern, die im Gleis 1 aufgetreten sind.

Janina Rahn
Hätten Sie, als es vor zehn Jahren losging mit den Veranstaltungen im Gleis 1, gedacht, dass Sie tatsächlich den zehnten Geburtstag feiern?

Joachim Schröder: Damals schon an den ersten, fünften oder zehnten Geburtstag zu denken, hätte ja bedeutet, dass es eine strategische Entscheidung gewesen wäre, dass wir mit der Kontaktstelle Gleis 1 auch öffentliche Veranstaltungen durchführen. Das war es aber nicht. Die erste Veranstaltung war nur eine „Schnapsidee“ – ganz ohne Alkohol. Aus dieser hat sich die zweite ergeben und daraus die dritte. Und plötzlich lag der erste Saisonflyer auf dem Tisch. Möglich wurde das aber nur, weil sowohl die Klientinnen und Klienten, die Kolleginnen und Kollegen, aber auch das großartige Syker Publikum sich darauf eingelassen hatten.

Was war im Nachhinein die größte Schwierigkeit bei der Umsetzung der Veranstaltungen im Gleis 1?

Da wir absolut keine Vorerfahrung mit der Durchführung von Veranstaltungen hatten, absolut nichts an technischem Equipment besaßen und auch ansonsten sehr unwissend waren, gab es nicht „die größte Schwierigkeit“. Die Künstlerinnen und Künstler senden weit vor der Veranstaltung ihre Bühnenanweisungen zu. Und da steht, was für den Auftritt benötigt wird. Das war jedes Mal ein „Ach-herrjeh-Effekt“ für uns. Bühnenlicht? Haben wir nicht, müssen wir besorgen. Tonanlage? Wird aufgetrieben. Klavier? Okay, wenn‘s sein muss, auch das. Natürlich gab es für all das kein Budget. Wir hatten aber das große Glück, zufällig eine Veranstaltungstechnikfirma zu finden, die unsere Naivität nicht ausgenutzt, sondern gute und günstige Lösungen umgesetzt hat. Und auch hier wieder ein großer Dank an viele Syker Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Privatpersonen, die uns mit Spenden unterstützten.

Würdet ihr heute etwas anders machen?

Na ja, wenn wir noch einmal ganz von vorne anfangen würden, würden wir die Toiletten wahrscheinlich nicht hinter der Bühne planen.

Gibt es etwas oder jemand, der Euch überrascht hat – im positiven oder auch im negativen Sinne?

Negative Überraschungen gab es tatsächlich in all den Jahren fast keine; und wenn doch, haben wir sie einfach schnell vergessen oder genutzt, um sie für die Zukunft zu verhindern. Und positive Überraschungen gibt es ohne Ende. Ganz besonders begeistert immer wieder das Engagement und die Kompetenz, die viele unserer Klientinnen und Klienten als Gastgeber entwickeln und ohne die das Ganze nicht möglich wäre.

Achten sie auf die Art des Humors, wenn Sie Künstler fürs Gleis 1 engagieren?

Wir geben uns Mühe, auf der Gleis-1-Bühne nur Humor stattfinden zu lassen, der nicht auf Kosten Dritter passiert. Natürlich darf auch über sogenannte Randgruppen gelacht werden – aber nur wenn erkennbar ist, dass dieses mit einer grundsätzlichen Haltung von Achtung und Respekt passiert. Vor einigen Jahren hatte eine Künstlerin eine Nummer über psychisch Kranke im Programm. Vor dem Auftritt ist sie zu uns gekommen und hat den mitarbeitenden Klienten von der Nummer erzählt. Sie hat gefragt, ob das für uns in Ordnung sei oder ob wir das als respektlos empfänden. Und weil ausnahmslos jeder die Nummer saukomisch fand, blieb sie im Programm.

Gab es ein besonderes Highlight in den vergangenen zehn Jahren?

Highlights gab es viele! Und da eines herauszupicken, würde den anderen nicht gerecht werden. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist uns aber sicherlich das Gastspiel von Gunther Gabriel. Das Gleis war brechend voll, die Fans sind teilweise 300 Kilometer unterwegs gewesen, um ihn bei uns zu erleben. Menschen, die keine Karten bekommen hatten, standen vor der Tür, um zumindest einen Blick auf ihren Star werfen zu können und um ein Autogramm zu ergattern. Gabriel selbst ist mit ziemlicher Verspätung eingetroffen, hat dann drei Stunden auf der Bühne gestanden, aus seiner Biografie gelesen und viele Johnny-Cash-Stücke gespielt. Selbst wenn man kein Gabriel-Fan war, war man spätestens da begeistert.

Wen würdet ihr gern mal auf der Bühne des Gleis 1 sehen, unabhängig von Finanzierung, Platz und Verfügbarkeit?

Da stünde Georg Schramm ganz weit oben auf der Liste! Was das Programm im Gleis aber ausmacht, sind die eher noch unbekannten Künstlerinnen und Künstler, die nicht für die ganzen Kabarett- und Comedy-Formate im Fernsehen abonniert sind. Und wir sind sehr froh, dass auch unser Publikum immer viel Lust hat, sich auf neue und junge Künstlerinnen und Künstler einzulassen und der Kartenvorverkauf nicht nur bei den Bekannteren funktioniert.

Habt ihr feststellen können, ob und wie sich die Veranstaltungen im Gleis 1 auf die eigentliche Zielgruppe der Tagesstätte ausgewirkt haben?

Neben der Tatsache, dass die Veranstaltungen nach wie vor supergut besucht werden, sind die Erfahrungen die unsere Klientinnen und Klienten dabei machen können, der Hauptgrund, dass wir jedes Jahr aufs Neue ein Programm auf die Beine stellen. Für viele der Menschen, die zu uns in die Tagesstätte kommen, sind unter anderem Selbstwertgefühl, Ausdauer und Konzentration, Suche nach sinnvoller Beschäftigung und das Aushalten von größeren Menschengruppen noch eine Herausforderung. An Theke, Licht, Ton, Einlass und Abendkasse erleben sie häufig zum ersten Mal seit langer Zeit, dass sie über diese Kompetenzen noch verfügen und bekommen eine direkte und positive Rückmeldung, weil ohne sie der ganze Abend nicht funktionieren würde.

Wenn man so viele Kabarettisten und Comedians von Berufs wegen anschauen muss, sieht man die Spaßmacher privat dann mit anderen Augen? Hat sich das im Laufe der Zeit vielleicht geändert?

Nach wie vor ist es ein „dürfen“ und kein „müssen“. Was sich aber tatsächlich verändert hat, ist mein Blick auf die Arbeit, die auf der Bühne passiert. Das meiste, was für uns im Publikum leicht und komisch rüber kommt, ist für die Künstlerinnen und Künstler harte Arbeit. Und gerade jetzt aktuell eine harte Arbeit, ohne jegliches Einkommen. Seit März sind wegen der Pandemie bedingten Auftrittsverbote nahezu alle Künstlerinnen und Künstler vollständig ohne Einkommen. Ich wüsste in so einer Situation nicht, wie ich da meinen Humor und meine Zuversicht behalten sollte. Da habe ich einen großen Respekt.

Haben Sie einen Lieblingswitz?

Witze finde ich meist gar nicht so wirklich komisch. Viel größer ist mein Spaß an komischen oder absurden, gut erzählten Geschichten.

Das Interview führte Sarah Essing.

Info

Zur Person

Joachim Schröder

war jahrelang Regionalleiter von Awo Trialog in Syke. Als solcher baute er federführend die Begegnungsstätte Gleis 1 im Syker Bahnhof auch zum Kabarett-Tempel Sykes aus. Dieser feiert in diesem Jahr sein Zehnjähriges, trotz oder gerade wegen Corona.

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