Bürgermeister Twistringen

Bremen, Berlin, Brenndorf

Jens Bley ist einer von zwei Bürgermeisterkandidaten bei der kommenden Wahl in Twistringen am 26. Mai. Der gelernte Polizist und Gewerkschaft ist überzeugt, der richtige Mann für das Amt zu sein.
06.05.2019, 15:03
Lesedauer: 6 Min
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Von Gerald Weßel
Bremen, Berlin, Brenndorf

Jens Bley hat sein Ziel fest im Blick: Der 40-Jährige strebt das Bürgermeisteramt in Twistringen an.

Fotos: Janina Rahn

Twistringen. Berlin, Bundesministerium des Inneren, Büro von Jens Bley, 32 Jahre alt, Länderverbindungsbeamter. Für viele Menschen wohl der Inbegriff von „angekommen“. Doch der junge Mann will weiter, will wieder weg. Ob er hier schon plante, was jetzt im Mai 2019 ansteht, weiß man nicht. Nur erahnen hätte man anhand seines Lebenslaufes vielleicht können, was da noch folgen sollte: Bürgermeisterwahl in Twistringen. Von Berlin nach Twistringen klingt nach Abstieg? Für ihn nicht, für ihn sei klar gewesen: „Ich hatte eine schöne Zeit, aber auch nur, weil ich wusste, dass das hier wieder endet.“

Und so, obwohl er länger hätte bleiben können, ging er. „Berlin ist eine tolle Stadt, aber ich bin kein Mensch der Großstadt.“ Es zog ihn und seine Frau wieder zurück nach Bremen und dann wieder ins Ländliche. Seit vier Jahren leben sie zusammen mit ihren zwei Töchtern, sieben und fünf Jahre alt, in Mörsen, wo Jens Bley, heute 40 Jahre alt und CDU-Mitglied, seit 2016 Ortsbürgermeister ist. Doch wenn es nach ihm geht, endet sein Weg nicht hier. „Ich will Bürgermeister werden“, sagt er. Und zwar in Twistringen, einer Stadt, die sich in seinem Lebenslauf vor Berlin nicht verstecken muss. Es ist ein Schritt vorwärts in die Vergangenheit.

Bley ist aufgewachsen in Garrel, einer Gemeinde mit etwa 15 000 Einwohnern in Niedersachsen, ein Stück in Richtung Ostfriesland. In Twistringen, wenn auch noch etwas kleiner, fühlt er sich oft an seine Heimat erinnert: „Es ist eine ähnlich strukturierte Gemeinde.“ Er fühle sich hier sehr wohl und immer wieder an seine Kindheit erinnert – wahrscheinlich aufgrund der gleichsam katholischen Prägung Twistringens. „Hier wohnen ähnliche Menschen, wie in meiner Heimat“, fasst er seine Gedanken zusammen.

Nach dem Abitur in Cloppenburg folgte er dem Ruf des Staates an die Waffe. Er absolvierte seine Grundausbildung im Wehrdienst in Jever – eine sehr lehrreiche Zeit, wie er heute meint: „Das Hotel Mama kehrte sich um“, beschreibt er und erzählt, wie er in einem sehr behüteten Elternhaus eines gelernten Elektrikers und einer Schneiderin aufgewachsen ist. „Die neue Erfahrung tat mir sehr gut.“ Diente Jens Bley hier zwar schon dem Staat, kristallisierte sich jetzt der Wunsch heraus, zur Polizei zu gehen: „Ich wollte mich für Menschen einsetzen und was für sie machen“, zeigt er auf. Zudem hätten ihn die vielen Facetten am Beruf des Polizisten gereizt. Ende 1999 mündeten diese Gedanken mit knapp 21 Jahren in den Eintritt in den Polizeivollzugsdienst des Landes Bremen.

Doch hier begann, was sein weiteres Leben entscheidend prägen sollte: der Blick nach vorn. „Ich wollte mich weiterentwickeln“, sagt der Mörser. 2001 wechselte er in den gehobenen Polizeivollzugsdienst und bald begann er mit einem Fernstudium zum Verwaltungsfachwirt, das er 2004 abschloss. Direkt im Anschluss zog es ihn als Sachbearbeiter in die Beweissicherung und Festnahmeeinheit. „Hier herrschten hohe körperliche und psychische Anforderungen, aber ich wollte diese Herausforderung annehmen.“ Hier fand er für mehrere Jahre mehr als nur eine neue Arbeitsgruppe: „Wir waren eine Einheit, in der sich auch Freundschaften entwickelt haben.“ Indes entwickelte sich während dieser Zeit ein neues Vorhaben. Jens Bley wollte mehr als nur dem Staat und seinen Bürgern dienen, er wollte führen. So startete der heute 40-Jährige parallel zu seiner Arbeit einen weiteren Baustein für seine Zukunft. Er begann ein Fernstudium der öffentlichen Verwaltung und schloss es Ende 2010 mit dem Master Of Public Administration ab.

Die letzten Schritte zum Abschluss erfolgten dabei bereits von seinem Büro in Berlin aus, vom Beginn als Länderverbindungsbeamter. „Der Schritt war groß, von der Straße weg, einfach eine krasse Umstellung“, umreißt er seine mitunter widersprüchlichen Gefühle. Und obwohl man meinen sollte, er habe bereits Härteres erlebt, sei es für ihn eine große Herausforderung gewesen, damit klarzukommen. „Es war ein Ausloten meiner Belastungsgrenzen.“ Hier habe er nach seinem Studium auch die praktische Seite der Verwaltungsarbeit kennengelernt.

In Bremen verbrachte er danach mehrere Jahre in der Führungsebene der Polizei, ehe er durch eine „Mischung aus Zufall und Wunsch“ im März 2014 freigestellt wurde, nachdem er bereits seit 2008 ständiges Mitglied des Personalrates der Polizei ist. Als freigestelltes Mitglied konnte er sich ganz der Gewerkschaftsarbeit widmen. „Ich will etwas für meine Leute machen“, weiß er bis heute.

Im Personalrat habe er auch gelernt, in welchen Zwängen Behörden stecken und welche Auswirkungen Entscheidungen von oben auf die Basis haben. So habe er als hauptamtlicher Bürgermeister vor, sich intensiv um seine Mitarbeiter und die Verwaltung an sich zu kümmern. „Flexibilität und die Sensibilität für Einzelne sind wichtig, aber es ist auch mal Durchsetzungsfähigkeit gefragt.“ Nicht jede Entscheidung könne stundenlang diskutiert werden. Doch oft seien auch Kompromisse unvermeidlich. „Kompromiss ist, wenn alle ein wenig unzufrieden sind“, definiert der Bundeskassenprüfer der Gewerkschaft der Polizei auf Bundesebene für sich und stellt klar: „Kompromisse sollen und müssen zum Erfolg führen.“ Kompromisse, nur damit niemand sauer ist, gebe es für ihn nicht. Die Sanierung der Bundesstraße 51 sei für ihn so ein Fall. „Da wird es Leute geben, die damit nicht einverstanden sein werden, wie es laufen wird.“

Jens Bley möchte der Wirtschaft zugewandt sein, aber dabei nicht die andere Seite aus dem Blick verlieren. Zudem will der zweifache Vater für Innovationen stehen und einiges umsetzen: Zusammen mit dem neuen Ersten Stadtrat Harm-Dirk Hüppe möchte er einen gemeinsamen Weg gehen. Ein Ziel dabei soll die Einrichtung eines Berichtswesens sein, wodurch die Kommunikation zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik verbessert werden soll. So soll auch ein Fördermanagement etabliert werden, um der Verwaltung und Ehrenamtlichen bei der Beantragung von Fördergeldern zu helfen. Auch soll der Bürger in Zukunft mehr und einfacher digital mit der Verwaltung interagieren können. „Ich will die Strukturen für die Zukunft vorbereiten und dabei möglichst alle mitnehmen.“ Solche Prozesse könnten nicht übers Knie gebrochen werden. So weiß er, dass eine Smartphone-App, um Missstände direkt ans Rathaus zu melden, nicht jedermanns Sache sein könnte. Ihm gefällt die Idee dennoch und Bley würde sie gerne als Option einführen. Aus seiner Zeit als Ortsbürgermeister nimmt er das Ziel mit, den Ortsräten mehr Macht zu geben: „Die Ortsräte sollen die Möglichkeiten haben, Dinge umzusetzen.“

„Mein ganzes Handeln basiert auf Rechtsgrundlagen“, stellt der Polizist klar. „Ohne Rechtsgrundlage kann ich nichts machen.“ Dieses Wissen aus Überzeugung würde er aus seiner bisherigen Laufbahn mitnehmen. Auch wenn ihm die Spielothek – sie ist ihm „ein Dorn im Auge“ – inmitten von Twistringen schon sehr missfalle, könne er sie nicht einfach schließen. Aber er würde als Bürgermeister nach Möglichkeiten suchen, um Dinge möglich zu machen. So würde er auf jeden Fall alles unternehmen, um zu verhindern, dass weitere Spielotheken ins Stadtgebiet kommen. Wenn, dann sei dies ihm zufolge nur im Gewerbegebiet oder am Stadtrand zu akzeptieren und eben auf keinen Fall in der Nähe zu Schulen.

In Twistringen werden eine Strategie gegen Leerstand und Fragen des Wohnraumes hohe Priorität haben. „Dem Leerstand gilt es zu begegnen, und nur mit Einzelhandel wird dies nicht gelingen.“ Zudem müsse „Breitband an jeder Milchkanne vorhanden sein“, fordert er und betont auch die Wichtigkeit von Infrastruktur im Allgemeinen. Trotz der fehlenden Autobahnanbindung könnte der Standort dann vielen passen. Hinzu käme für ihn der Erhalt aller freiwilligen Leistungen. „Diese machen eine Kommune lebenswert“, betont der Gewerkschafter, auch wenn die Zeiten wirtschaftlich mitunter schwerer werden.

Er selbst sieht sich als traditionsbewusster Mensch, der plattdeutsch erzogen wurde und den Minderheitensprache bis heute fließend spricht. „Das ist eine wichtige Tradition, vor allem für ländliche Gegenden.“ Von der Kirche wünscht sich der Katholik einen modernen, lockeren Umgang. „Die Kirche könnte so auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen.“ Für ihn selbst sei ein Austritt nie in Frage gekommen, aber der Glaube anderer spiele für ihn erst eine Rolle, „wenn jemand versucht, mir seinen Glauben aufzulegen“.

Als Gegenbild zu seiner Zeit in Berlin ziehe ihn aus Mörsen nichts mehr fort: „Ich kann mir gar keine Zeit nach dem Bürgermeisteramt vorstellen“, gibt er sich überzeugt. „Das ist für mich keine Zwischenstation. Ich bin dann da, wo ich immer hin wollte“, sagt er und man glaubt ihm. „Es ist mein Traum, Bürgermeister zu sein.“ Seine Frau stimme dem zu, erinnert er sich noch gut an den Tag, als er ihr sein Vorhaben eröffnete: „Du hast eigentlich schon immer auf das hier hingearbeitet“, brachte sie es für ihn auf den Punkt.

Twistringen ist Zielort einer Reise. Wenn er als Bürgermeister aus der anstehenden Wahl hervorginge, dann wäre Jens Bley wohl endlich angekommen.

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