Zahlreiche Fälle in Niedersachsen

Diebstahl von Bienen ist ein Dauerbrenner

30 Bienenvölker in sechs Tagen: In und um Twistringen sind zahlreiche Bienenstöcke gestohlen worden. In ganz Niedersachsen gibt es zahlreiche solcher Fälle. Die Täter? Vermutlich andere Imker.
28.06.2019, 20:59
Lesedauer: 4 Min
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Diebstahl von Bienen ist ein Dauerbrenner
Von Marc Hagedorn

Der oder die Diebe müssen im Dunkeln gekommen sein. Wer hier tagsüber unterwegs ist, der bleibt nicht lange unbemerkt. Ein paar Häuser stehen hier draußen in Ellerchenhausen, einem ländlichen Ortsteil der Stadt Twistringen im Kreis Diepholz. Von der Landstraße führt ein asphaltierter Weg in Schlangenlinien zwei Kilometer durch Wiesen, Felder und an Bäumen vorbei. Vermutlich ist vor vier Wochen alles ganz schnell gegangen. Vom Straßenrand zu den Bienenstöcken sind es höchstens zehn Meter: Fahrzeug parken, aussteigen, anpacken, wegtragen, einpacken, wegfahren.

In einer Zeitspanne von sechs Tagen sind in und um Twistringen an fünf Stellen 30 Bienenvölker gestohlen worden. Ein paar Tage vorher hatte eine Imkerei in Braunschweig den Diebstahl von 40 000 Bienen bei der Polizei gemeldet. Im Februar waren neun Bienenstöcke in Padingbüttel im Landkreis Cuxhaven verschwunden, kurz vorher fünf Völker in Hagen im Bremischen.

„Das ist ein Dauerbrenner“, sagt Jürgen Frühling. Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Hannoverscher Imker, der die Interessen von 7500 Mitgliedern in Niedersachsen vertritt, die zusammen etwa 50 000 Bienenvölker besitzen. Das Thema Bienenklau beschäftigt die Branche seit Jahren, und obwohl die Imker eine Menge unternommen haben, geht die Zahl der Diebstähle einfach nicht zurück. „Imker sind Bastler und erfinderisch“, sagt Werner Kober, Hobbyimker aus Eydelstedt. Er weiß von Kollegen in anderen Vereinen, die in den vergangenen Jahren technisch aufgerüstet haben. Sie haben Überwachungskameras in der Nähe ihrer Bienenstöcke aufgestellt oder GPS-Sender an ihren Bienenkörben angebracht.

Bienen sind ein kostbares Gut. Für die Natur sind sie unerlässlich. Sie liefern Honig und bestäuben Pflanzen. Nach dem Schwein und dem Rind ist die Biene das drittwichtigste Nutztier. Aber die Biene ist bedroht. Menschliches Handeln zeigt Wirkung. Innerstädtisch wird der Lebensraum für Bienen immer knapper, erst recht seitdem Stein- und Kiesgärten so sehr in Mode gekommen sind, dass sie Blumenbeete aus vielen Vierteln verdrängt haben. Dazu leiden die Bienen seit einigen Jahren unter der Varroa destructor, der Zerstörermilbe. Ganze Völker fallen ihr zum Opfer. Schließlich setzt auch der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft den Bienen mächtig zu. In China ist es in manchen Regionen schon so weit, dass Wanderarbeiter durchs Land ziehen und auf Bäume klettern, um anstelle der Bienen von Hand für die Bestäubung von Blüten zu sorgen.

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Die Diebe in Twistringen müssen eine regelrechte Rundtour unternommen haben. Wenn man die Tatorte abfährt, kann man das in einem Zug tun. Mit dem Auto dauert es nur wenige Minuten von Ellerchenhausen nach Heiligenloh und von dort nach Ellinghausen. Auch in einem Gewerbegebiet am Stadtrand haben die Täter zugeschlagen, direkt hinter dem Gelände einer Baufirma. Genau wie an den anderen Orten kommt man hier schnell mit dem Auto weg. Um das zu wissen, muss man sich allerdings gut auskennen. Die Polizei schließt deshalb nicht aus, dass der oder die Täter aus der Umgebung kommen und selbst Imker sind.

Jürgen Frühling hält das sogar für wahrscheinlich. „Wer keine Ahnung vom Imkern hat, der macht so etwas nicht“, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes, „man muss Bescheid wissen, sonst ist es zu gefährlich.“ Handschuhe zum Schutz, einen Wagen zum Abtransport und Muskeln zum Tragen bedarf es, um eine solche Tat durchzuführen, ein Bienenkasten inklusive Wabenrahmen, Volk und Honig kann gut und gerne 35 Kilogramm wiegen. Wenn es Nacht wird, sind die Bienen in ihrem Stock. Wenn sie am nächsten Tag plötzlich in neuer Umgebung zu Hause sind, ist das für sie kein großes Problem. Bienen gelten als äußerst anpassungsfähig.

Bis 2008 war die Zahl der Bienenvölker in Deutschland innerhalb von nur 16 Jahren von 1,2 Millionen um 400 000 auf 800 000 Völker gesunken. Seitdem geht es wieder aufwärts, laut des Deutschen Imkerbundes ist die Millionengrenze inzwischen wieder erreicht. Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen das Imkern für sich entdeckt haben. 96 Prozent tun es als Hobby. „Viel Zeit und Herzblut“, so Frühling, stecken in der Pflege der Bienen, umso bitterer, wenn Völker den Winter nicht überleben, was immer wieder vorkommt. „Und dann“, sagt Frühling, „gibt es zwei Möglichkeiten.“ Entweder kauft sich der Imker im Frühjahr neue Völker. Oder er stiehlt sie.

Im Frühjahr ist die Hochzeit der Diebe. Das weiß Claudia Leiß. Sie arbeitet bei der Imkerversicherung in Hamburg. Der finanzielle Schaden, der durch Bienenklau entsteht, ist nicht ohne. Leiß beziffert den Wert pro Volk auf rund 450 Euro, darin enthalten sind die Tiere selbst, die Körbe und die Ernte. Laut Bundesumweltministerium ist die jährliche Bestäubungsleistung deutscher Bienen über zwei Milliarden Euro wert.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete vor drei Jahren von dem Fall eines Bienendiebes, der in Kalifornien ins Gefängnis musste. Er hatte mithilfe von Laster und Gabelstapler Bienenvölker im Wert von 20 000 Dollar gestohlen. Der Handel von Bienen gilt in den USA als lukratives Geschäft. Auch in Deutschland werden Bienen nach Einschätzung von Experten ab und an weiterverkauft. „Aber bandenmäßig wird Bienenklau bei uns nicht betrieben“, sagt Frühling. Er kann sich nur an einen Fall in der jüngeren Vergangenheit erinnern. Vor zwei Jahren hatten Diebe im Auftrag eines Züchters gehandelt. Sie hatten sich aber das falsche Opfer ausgesucht. Der bestohlene Imker hatte seine Bienenvölker mit GPS ausgestattet. „In Süddeutschland“, so Frühling, „sind die Männer dann gepackt worden.“ Von den Twistringer Dieben fehlt dagegen weiter jede Spur.

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