Fußball

Eindecken für das fiktive Spiel

Kein Fußball, keine Jubiläumsfeier: Stattdessen verkauft der SC Twistringen nun Geisterspieltickets. Fans können sich zudem im Onlineshop eindecken.
29.04.2020, 13:32
Lesedauer: 4 Min
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Von Thorin Mentrup
Eindecken für das fiktive Spiel

Pressewart Hans-Dieter Jurga und die gesamte Fußballsparte des SC Twistringen suchen kreative Möglichkeiten in Zeiten der Krise.

Jonas Kako

Twistringen. Eine Eintrittskarte kostet vier Euro, eine Stadionwurst 2,50 Euro und eine Kiste Bier für die Mannschaft 25 Euro. Wer will, kann sich aber auch eine Limo für 1,50 Euro gönnen. Jeder Kauf hilft. In diesem Fall der Fußballsparte des SC Twistringen. Gekauft haben Anhänger und Unterstützer der Blaumeisen alles von der Karte bis zur Limo in der Regel im Stadion des SCT. Doch das ist momentan geschlossen. Der Ball ruht. Deshalb bleiben auch Einnahmen aus. Das Loch in der Kasse wollen die Twistringer durch den virtuellen Verkauf von Karten, Bier, Limo und Co. füllen.

Die Idee, Tickets für ein fiktives Spiel anzubieten, ist momentan total modern auf allen Ebenen. Spätestens der Regionalligist 1. FC Lokomotive Leipzig hat es perfektioniert: Er hat seit dem 19. März fast 150 000 Karten verkauft. Zum Vergleich: Der Europarekord für Zuschauer bei einem – in diesem Fall realen – Spiel liegt bei 149 547 Fans, die im April 1937 das Länderspiel zwischen Schottland und England besuchten.

Ein Vorreiter im Kreis

Ein Rekord ist für Twistringen unrealistisch, das weiß auch Hans-Dieter Jurga. Der Pressewart der Fußballsparte fand die Idee, Geisterspieltickets zu verkaufen, trotzdem gut. Das geht über die Plattform www.geisterspieltickets.de – ins Leben gerufen vom Essener Kreisligisten TC Freisenbruch. Der Verein ist bundesweit bekannt, gilt als Deutschlands erster digitaler Fußballklub. Ein Großteil des Vereinslebens spielt sich online ab. Mitglieder bestimmen unter anderem über die Aufstellung und die Finanzen mit. Dass gerade dieser Klub eine Spendenplattform auf die Beine gestellt hat, verwundert also nicht. Hunderte Vereine nehmen sein Angebot wahr – nun auch der SC Twistringen, in dieser Hinsicht ein Vorreiter im Fußballkreis Diepholz. Jurga hatte für die Aktion sofort Sympathie. „Wir haben ja nichts zu verlieren“, gilt gerade jetzt der alte Grundsatz: haben oder nicht haben. Hinzu kommt, dass der TC Freisenbruch keine Gebühren zum Beispiel für die Einrichtung verlangt. Lediglich 20 Prozent für die Betriebskosten der Plattform inklusive darauf anfallender Steuern sowie die Paypal-Gebühren behält er ein. 80 Prozent des Umsatzes gehen also an die Vereine. Das ist ein guter Kurs.

Jurga war auch deshalb angetan, „weil man auch Fantasieprodukte anbieten kann“. Im SCT-Bereich sind das der Stadion-Regenbogen (ein Foto, das gleich zwei Regenbögen über der Anlage zeigt) für einen oder ein Stück Flutlicht für zwei Euro. Für den Schnaps nutzte der Pressewart die Chance, gleich zwei Shops miteinander zu verknüpfen. Denn das Pinneken, das das Verkaufsfoto ziert, gibt es derzeit im Fanshop der Blaumeisen zu kaufen. Auch in dieser Hinsicht macht der Verein seit Kurzem mobil. Er sei sogar einer der ersten Klubs im Landkreis mit einem eigenen Fanshop, so Jurga. Seit Februar bietet der SCT viele Möglichkeiten an, sich als Anhänger der Blaumeisen zu zeigen. Auch der Pressewart selbst hat sich eingedeckt, unter anderem mit einer Mütze, besagten Schnapsgläsern, einem Hoodie und Badelatschen mit seinem eigenen Namen darauf. „Insgesamt ist der Shop gut angelaufen. Jetzt in Zeiten von Corona und Kurzarbeit haben viele andere Sorgen“, gingen die Umsätze zuletzt etwas zurück.

Reinhold Beckmann hätte moderiert

Jedes verkaufte Geisterticket, aber auch jeder bestellte Fanartikel hilft den Twistringern weiter. Ohnehin sind es keine leichten Tage für sie: Sie mussten gerade erst die Veranstaltungen für den 100. Geburtstag ihrer Sparte absagen. "Die Gesundheit aller geht vor", erklärt Spartenleiter Stefan Funke in einer Mitteilung des SCT. Vieles hatten sich die Delmestädter geplant, unter anderem den Sparkassen-Cup, ein Sichtungsturnier mit 30 bis 35 Jugendmannschaften im Stadion, ein Funino-Turnier und die Bezirksmeisterschaften der Alten Herren. Auch der offizielle Festakt samt Blitzturnier und Sommerparty am 25. Juli findet nicht statt. Reinhold Beckmann, aus Twistringen stammender Fernseh- und Sportmoderator, hätte durch den Abend führen sollen. "Dies fällt nun alles ins Wasser“, so ein enttäuschter Funke. Geschäftsführer Jens Knabe ergänzt, dass auch das Fußballabenteuer am 22. und 23. Mai ausfällt. Mehr als 100 Kinder hatten sich angemeldet, mehr als 30 freiwillige Helfer standen zudem in den Startlöchern. „Wir setzen uns in Kürze mit den Eltern in Verbindung und überweisen die gezahlten Gebühren zurück“, so Knabe.

Wenn es aus Twistringer Sicht etwas Positives gibt, dann dass man bei der Jubiläumsplanung noch keine größeren finanziellen Verpflichtungen eingegangen ist. Die Flyer, die bereits gedruckt waren, taugen zwar nun nichts mehr, doch diese haben keine allzu großen Löcher in die Kassen gerissen. „Ärgerlich ist nicht das, was man versenkt hat, sondern die fehlenden Einnahmen“, erklärt Jurga. Gerade bei den Jugendturnieren, zu denen oft ganze Familien anreisen, wäre der Umsatz groß gewesen. Auf dieses Geld müssen die Blaumeisen nun verzichten.

Seine jungen Kicker lässt der SCT in der Krise nicht allein: Jurga macht digitale Angebote für sie. „Aktuell sind unsere jüngsten Mitglieder bei einer Malaktion Mein schönstes Fußballerlebnis eingeladen Bilder einzureichen, die wir später auch prämieren werden“, erklärt er. Alle Altersklassen finden darüber hinaus auf der Homepage Tipps zum Training im häuslichen Bereich.

Zu diesen Tipps, aber auch den Shops gelangen Interessierte über die Homepage der Fußballabteilung unter www.sctwistringen-fussball.de.

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