Fußball

TV Heiligenloh II: Die Vater-Sohn-Flügelzange

Der eine ist mehr der Läufer, der andere ist fußballerisch stärker. Holger und Luca Beckmann bringen ganz unterschiedliche Stärken ins Team des TV Heiligenloh II ein. Das Besondere: Sie sind Vater und Sohn.
09.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Thorin Mentrup

Ob sie über das vergangene Punktspiel sprechen möchten? Über das Ergebnis nicht, da sind sich Holger und Luca Beckmann schnell einig. Was soll man auch groß sagen nach einem 1:7? Doch etwas Schönes hatte die Partie ihres TV Heiligenloh II gegen die Zweitvertretung der SG Ehrenburg dann doch – und darüber reden die Beckmanns aus Ellinghausen sehr gerne: Es war das erste Pflichtspiel, in dem Vater Holger und Sohn Luca gemeinsam auf dem Platz standen.

Zwei Generationen gleichzeitig auf dem Feld – das ist im Fußball alles andere als alltäglich. „So oft hat es das bestimmt noch nicht gegeben“, mutmaßt Beckmann senior. Diese Sportromantik ist sicherlich auch der Spielklasse geschuldet. Wo besser könnte der Fußball ihr Platz bieten als in der 5. Kreisklasse? Dort, wo Siebener- statt Elfermannschaften spielen, wo nimmermüde alte Hasen und komplette Neuanfänger ein Team bilden, wo ein 1:7 vielleicht auch etwas leichter zu verdauen ist. Wobei die Liga nichts über den Ehrgeiz ihrer Akteure aussagt. „So hoch muss man wirklich nicht verlieren“, sagt Holger noch. Damit ist das Thema aber endgültig vom Tisch.

Es gibt ohnehin Besseres zu erzählen. Von diesem Moment in der zweiten Halbzeit, als das Zeichen zum Wechseln kam zum Beispiel: Draußen stand Holger, bereit auf den Platz zu kommen. Da wusste Luca Bescheid. Er muss raus. Das war im Vorfeld bereits so abgesprochen. „Wir spielen ja auf derselben Position“, verrät er. Die rechte Außenbahn ist das Hoheitsgebiet der Beckmanns in Heiligenloh. Doch da ist nur Platz für einen der beiden. Besonders bei einer Siebenermannschaft.

Als Vater Holger, 45 Jahre, für Sohn Luca, 18 Jahre, das Feld betrat, war das quasi ein Generationenwechsel verkehrt herum, übernahm doch der Ältere für den Jüngeren. „Dann hat endlich mal der bessere Beckmann gespielt“, lacht Holger und erntet prompt einen schiefen Blick von Luca. Wer der Bessere ist, da hat er eine entschieden andere Meinung. „Eigentlich bin ich in allem stärker, was das Fußballspielen angeht“, sagt er und meint damit unter anderem Ballbehandlung, Dribbling und Abschluss. Wobei das Toreschießen für ihn zu kurz kommt: „Als Rechtsfuß auf der rechten Seite kommt man schwieriger zum Abschluss. Von links könnte man nach innen ziehen“, weiß er. Einen Treffer hat er dennoch bereits auf dem Konto. Damit kann er selbstbewusst prahlen, wenn er und sein Vater sich sportlich vergleichen. „Alles, was Luca am Ball kann, hat er definitiv nicht von mir. Ich bin mehr der Läufer“, erklärt Holger, dass er fußballerische Defizite hat, dafür im konditionellen Bereich aber klar die Nase vorn hat. Er ist bereits Marathon-gestählt. Ihn bringt so schnell nichts aus der Puste.

Die Kondition war wahrlich nicht das Problem beim Comeback. Schon eher die lange Fußball-Pause. „Ich habe jahrelang nicht mehr gespielt“, sagt Holger. Eine Vergangenheit mit Ball am Fuß hat er, aber das müsse Mitte, Ende der neunziger Jahre gewesen sein, überlegt er. Ganz sicher: „Eine Ewigkeit her.“ Probiert hat Holger ohnehin vieles, auch Tennis oder Tischtennis. Der Langstreckenlauf hat sich dann zu seiner Leidenschaft entwickelt. Wobei der Fußball nie weg war aus seinem Leben: Als Physiotherapeut mit eigener Praxis in Twistringen genießt er seit Langem einen ausgezeichneten Ruf bei den Klubs. Er war bereits in Lohne, Twistringen, Diepholz und Mörsen tätig. Mittlerweile betreut er den Bezirksligisten Bassum. Anschauungsmaterial, wie man auf ordentlichem Level kicken kann, hat er also zur Genüge bekommen. „Aber den Riesenschritt nach vorn werde ich wohl nicht mehr machen“, weiß Holger. Das Schöne ist: Er kann darüber lachen.

Eine Fußballpause liegt auch hinter Luca. In Marhorst begann er seine Laufbahn, dann hörte er auf, weil er älter als seine Freunde war und nicht mehr mit ihnen in einem Team spielen durfte. „Ich hatte trotzdem immer noch Bock, wieder irgendwo zu spielen“, kribbelte es in den vergangenen Jahren weiter. Aber wo? Diese Frage beantwortete Simon Bellersen, voller Eifer, die Heiligenloher Fußballsparte neu aufzubauen. „Simon steckt viel Leidenschaft rein und hat viele Leute angesprochen. Er hat Feuer“, verrät Holger. Das überzeugte die Beckmanns. Denn nicht nur Luca begann wieder mit dem Kicken. Sein Vater kam direkt mit.

Damit war der Grundstein für die gemeinsame Fußballgeschichte des Vater-Sohn-Gespanns gelegt. Als Luca gegen Ehrenburg zurück aufs Feld kam, was in den unteren Klassen erlaubt ist, war die Beckmannsche Flügelzange perfekt. Es war ein durchaus langer Anlauf, bis die Beckmanns gemeinsam im rot-weißen Trikot dem Ball hinterher jagten. Holger tat sich ein bisschen schwer, sich wieder an das Fußballspielen zu gewöhnen. „Bei den ersten Schussübungen ist mir fast der Oberschenkel auseinander geflogen“, sagt er und lacht. Auch die Hüfte schmerzte das eine oder andere Mal. Probleme, die Luca fremd sind, aber Probleme, die seinen Vater immer wieder ausbremsten. „Dabei war ich so heiß auf das erste Spiel“, tat sich Holger schwer damit, sich in Geduld zu üben. Seine Zuschauerrolle gefiel ihm nicht. Luca war derweil immer dabei. In allen sieben Partien kam er zum Einsatz, viermal stand er sogar in der Startformation. Klar, dass sich Holger den einen oder anderen Spruch anhören musste. „Da kam schon mal ein 'Sieh mal zu, dass du das endlich auf die Reihe kriegst‘“, erzählt er von kleinen, nicht ganz ernst gemeinten Sticheleien.

Umso mehr freute er sich über die Einwechslung gegen Ehrenburg. Es war das erste richtige gemeinsame Spiel. „Das war schon cool, besonders als Luca wieder eingewechselt wurde und wir gemeinsam auf dem Platz standen. Einer links, einer rechts. Da musste ich schon lächeln. Und Luca auch“, blickt Holger zurück auf diesen besonderen Moment. Damit war auch die Zeit des Neckens vorbei: „Du hast das schon ganz gut gemacht“, lobt Luca seinen Vater. Dabei schonen sich beide sonst nicht. „Wir sagen uns, was wir denken“, erklärt der Auszubildende zum Feinwerkmechaniker. Da bekommt er schon mal einen Rüffel, wenn er in den Augen seines Vaters nicht aktiv genug ist. Sie mögen Verwandete sein, aber das bedeutet noch lange nicht, dass die Beckmanns nicht gegenseitig ihre härtesten Kritiker sein können.

Doch vor allem überwiegt die Freude, gemeinsam auf dem Platz zu stehen. Das ist in Punktspielen bislang jedoch für den Geschmack der beiden zu kurz gekommen. Daran ändern wird sich erst einmal nichts. Der Sport ruht. Das bietet zumindest die Chance, an der Kondition zu feilen. „Da kann ich sicherlich noch zulegen“, gibt Luca zu. Stehen also ab sofort Ausdauerläufe mit Holger auf dem Plan? „Muss nicht sein“, sagt der Junior und lacht. Dann lieber auf das kommende Training und vor allem auf das kommende Spiel warten.

Einen Wunsch für das Match hat Holger bereits: „Wir beide in der Startelf. Und wenn wir dann noch gewinnen, wäre das überragend.“ Was für eine Vorstellung: die Beckmannsche Flügelzange und drei Punkte für Heiligenloh. Da müssen beide lächeln.

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