Stefan Jürgens

„Man muss mehr Vielfalt zulassen“

Mit seinem Buch „Ausgeheuchelt! So geht es aufwärts mit der Kirche“ kommt Pfarrer Stefan Jürgens nach Twistringen. Vorab hat er sich unseren Fragen gestellt und spricht über Reformen der katholischen Kirche.
18.10.2020, 15:59
Lesedauer: 4 Min
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„Man muss mehr Vielfalt zulassen“
Von Tobias Denne
„Man muss mehr Vielfalt zulassen“

Der Vatikan um Papst Franziskus handelt laut Jürgens verantwortungslos. Er fordert Reformen, um die katholische Kirche wieder glaubwürdiger werden zu lassen.

CHRISTOF HAVERKAMP OSNABRUECK

Herr Jürgens, Sie gehen in Ihrem Buch „Ausgeheuchelt. So geht es aufwärts mit der Kirche“ hart mit der katholischen Kirche ins Gericht. In Twistringen werden Sie daraus vorlesen und darüber diskutieren. Wieso kamen Sie auf die Idee, genau so ein Buch zu schreiben?

Stefan Jürgens: Weil es in der Kirche fünf nach zwölf ist. Sie ist immer noch eine absolutistische Monarchie, und das ist in der heutigen Zeit kontraproduktiv. Ihre Strukturen stehen dem Evangelium geradezu im Weg. Deshalb muss die Kirche das Einmaleins der modernen Gesellschaft lernen: Ohne grundlegende Reformen wird sie zuerst bedeutungslos und dann zur Sekte werden.

Sie sind selbst katholischer Pfarrer und arbeiten derzeit in Ahaus im Westmünsterland. Vorher lauteten zwei Ihrer Stationen auch Stadtlohn (knapp 20 000 Einwohner) und Münster (rund 310 000). Inwieweit unterscheidet sich die pastorale Arbeit von Stadt und Land? Wie erleben Sie Gemeinde?

Auf dem Land ist das Bindungsverhalten der Menschen anders. Sie identifizieren sich mit ihrer Gemeinde und beteiligen sich. Die Kirche gehört selbstverständlich zum Leben dazu, Glaube und Kultur sind (noch) nahe beieinander. In der Stadt ist der postmoderne Individualismus größer, die Kerngemeinde dafür kleiner. Seelsorge ist ein Service der Hauptamtlichen, weniger eine Sache aller.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit?

Priestersein ist ein Traumjob. Das Leben der Menschen zu begleiten, ihnen auf ihrem Weg mit Gott nahe zu sein, das ist schon etwas ganz Besonderes. Als Pfarrer ist man zugleich Moderator vieler Mitarbeiter und verantwortlich für manche Einrichtungen der Gemeinde. Mein besonderer Schwerpunkt ist die Erwachsenenbildung. Meine Frage ist: Wie können wir heute den Glauben so verkünden, dass er vor der Vernunft standhält?

Würden Sie von sich sagen, dass Sie der typische Dorfpfarrer sind?

Nein. Ich genieße zwar das selbstverständliche Miteinander in allen Lebensbereichen, aber ich bin doch mehr ein Impulsgeber in theologischen Fragen und durchaus streitbar in politischen und kirchlichen Angelegenheiten. Das entspricht nicht dem Klischee eines Dorfpfarrers. Mein Internet-Blog heißt dennoch „Der Landpfarrer“. Einfach deshalb, weil ich ein „Landei“ bin, ich lebe gerne hier.

Wie schwer ist es, Berufliches und Privates auszubalancieren?

Das klappt ganz gut. Ich habe gute Freunde und spiele jeden Tag eine Stunde lang Klavier. Ansonsten ist Priestersein tatsächlich ein Fulltime-Job, den man nur aus ganzem Herzen und mit Leidenschaft tun kann.

Von außen scheint es so, als sei die Kirche sehr rückwärtsgewandt. Klar, der Synodale Weg (Diskussion über Reformen, Anm. d. Red.) ist ein positives Beispiel, wie nach vorne geblickt werden soll. Aber dennoch: Vieles passiert in der Kirche, um Traditionen zu wahren, die zweifelsohne wichtig sind. Haben es liberale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwerer, ihre Gedanken zu äußern und etwas zu bewegen?

Jeder kann sagen, was er denkt. Die Strukturen sind allerdings auf Systemstabilisierung angelegt. Wer kreativ ist, passt nicht in dieses System. An den Schaltstellen sitzen nach wie vor Konformisten, gehorsame Kinder von Mutter Kirche und Papa Papst. Dennoch haben die Reformer mittlerweile so viel Druck aufbauen können, dass selbst Konservative und Traditionalisten gemerkt haben: An Reformen führt kein Weg vorbei.

Auch in der evangelischen Kirche sind die Mitgliederzahlen rückläufig. Glauben Sie, dass Priesterinnen oder die Öffnung des Zölibats die Allheilmittel für die katholische Kirche sind?

Reformen sind auch dann gut und richtig, wenn die Zahlen rückläufig sind. Wir wollen ja nicht den Zölibat freistellen und Frauen zu allen Weiheämtern zulassen, um die Mitgliederzahlen zu steigern, sondern um wieder glaubwürdig zu werden. Es geht nicht um den Erhalt der Institution und die Masse der Kirchenbesucher, sondern um Jesus Christus.

Wie kann sich Kirche denn wieder glaubwürdig machen?

Durch ernsthafte Reformen kann sie glaubwürdig machen, dass sie es mit dem Evangelium ernst meint, dass sie die Welt im Sinne Jesu mitgestalten und nicht nur sich selbst verwalten will.

Die Gemeinden werden immer größer, da Personalmangel herrscht. Papst Franziskus hatte jüngst gesagt, dass die Gemeindeleitung keine Aufgabe von Laien sei – aber das wird in Deutschland schon praktiziert. Ist der Weg des Vatikans zukunftsfähig?

Der Vatikan handelt verantwortungslos. In vielen Teilen der Welt – nicht nur in Deutschland – können Gemeinden ohne die Leitung durch Laien gar nicht mehr existieren. Das derzeitige Kirchenrecht funktioniert nur in volkskirchlichen Verhältnissen. Heute muss man mehr Vielfalt zulassen.

Die klassische Gemeindestruktur mit einem Pfarrer für einen Kirchturm, zahlreichen Messen und dem jahrelangen Engagement hat über kurz oder lang ausgedient. Kann Kirche nur noch projektorientiert funktionieren?

Projekte und die sogenannten Kasualien – Taufe, Trauung, Beerdigung – werden auch weiterhin nachgefragt werden. Die Kerngemeinde derer, die selbstverständlich „bei Kirchens“ mitmachen und einen eigenen Verein, ja zuweilen einen in sich geschlossenen Dorfklüngel bilden, wird weniger wichtig werden. Wir brauchen engagierte Glaubenszeugen und keine Vereinsmeierei.

Wie schwer ist es zu vermitteln, dass die Kirchenbänke sich nicht wieder so füllen wie früher?

Wir wollen keine Kirchenbänke füllen, sondern das Evangelium in der Welt lebendig halten. Es ist nach wie vor die beste Botschaft der Welt.

Was gibt Ihnen bei Ihrer Arbeit Kraft?

Die Feier der Eucharistie, das Gebet, gute vertrauensvolle Gespräche und die Musik.

Wenn Sie ein bisschen in die Zukunft schauen: Wie würde für Sie die Kirche in 20 Jahren aussehen?

Sie wird kleiner, ärmer und weniger einflussreich, dafür aber glaubwürdiger sein. Wir werden viele Kirchen und Pfarrheime schließen und die Trägerschaft mancher Einrichtungen abgeben. Stattdessen werden wir uns in kleinen Gruppen treffen, gemeinsam beten, die Bibel besser verstehen und Welt und Umwelt in christlicher Verantwortung mitgestalten.

Das Interview führte Tobias Denne

Info

Zur Person

Stefan Jürgens

studierte katholische Theologie in Münster und Freiburg und arbeitet seit Ende 2019 in Ahaus im Westmünsterland als Pfarrer. Zuvor war er unter anderem in der Heilig-Geist-Gemeinde in Münster und in Stadtlohn tätig. Von 2004 bis 2008 war er Sprecher beim „Wort zum Sonntag“ in der ARD.

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Zur Sache

Autorenlesung und Diskussion

Stefan Jürgens liest aus seinem Buch „Ausgeheuchelt! So geht es aufwärts mit der Kirche“ an diesem Donnerstag, 22. Oktober, ab 19.30 Uhr in der St.-Anna-Kirche in Twistringen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist erforderlich. Diese ist bis Dienstag, 20. Oktober, bei Maria Stenner-Dieckmann (Telefon: 04243/8978, E-Mail: stenner-dieckmann@t-online.de) oder bei Maria Schläger (04243/8676, E-Mail: schlaeger-twistringen@gmx.de) möglich.

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