Bildungsforscher spricht über Digitalisierung

Lieber Gestalter statt nur Konsument

Auf Einladung des Diepholzer Kreisverbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft referierte der Bildungsforscher Matthias Burchardt von der Uni Köln über die Digitalisierung und ihre Konsequenzen.
14.11.2019, 16:47
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Cordes
Lieber Gestalter statt nur Konsument

Matthias Burchardt zeigt die Chancen und Gefahren der wachsenden Digitalisierung auf.

Michael Braunschädel

Twistringen. Der Kreisverband Diepholz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), in Personen der drei Vorsitzenden Katharina Warrelmann, Edith Goldmann und Jörn Rosenthal, hatte für den vergangenen Mittwochabend zur Mitgliederversammlung in das Gasthaus Zur Penne nach Twistringen an die Bremer Straße eingeladen. Als besonderes Bonbon hatten die drei Vorsitzenden auf Empfehlung der Landesvorsitzenden der GEW Niedersachsen dazu den Akademischen Rat an der Universität Köln, Matthias Burchardt, zum Thema „Big Brother is teaching you“ eingeladen.

Burchardt ist Bildungsforscher und Buchautor. Er untersucht die politischen Entwicklungen und Rahmenbedingungen aktueller Diskurse von Digitalisierungstrends und die damit verbundenen Konsequenzen, die sich aus der Anschaffung von Geräten ergeben mit dem Hintergrund Lehrer durch Algorithmen zu ersetzen.

Analoge Oasen schaffen

Den internationalen Schulleistungsuntersuchungen, den Pisa-Studien der OECD, die alle drei Jahre veröffentlicht werden, mangelt es laut Burchardt bei unerträglichen Texten an Aussagekraft. Trotz Skepsis im Kreis der Pädagogen setzt die deutsche Politik große Hoffnung in die digitale Bildung und treibt die Einführung voran. Bereits 2016 schuf sie den „Digitalpakt#D“ mit der Zusage an die Bundesländer für Ausstattungen der Schulen fünf Milliarden Euro als Anschaffungsunterstützung zur Verfügung zu stellen. Die Folgekosten, die dann die Gemeinden zu übernehmen haben, ließen die Berliner Politiker dabei außer Acht. Die digitale Bildung schaffte es, schnell auf der politischen Agenda nach oben zu kommen. Für Burchardt ein Indiz eines Manipulationsversuches. Er sieht interessierte Branchenvertreter, die ihren Nutzen ziehen wollen. Einer dieser Interessierten ist für Burchardt die Bertelsmann Stiftung. Diese Stiftung sei in vielen gesellschaftlichen Bereichen aktiv und versucht, Richtungen vorzugeben.

Präsentationen, Tabellenkalkulation oder auch die Textverarbeitung haben für Burchardt dennoch einen Sinn. „Das sind Kulturtechniken, die wir durchaus brauchen. Bildung am Gegenstand des Digitalen ist für mich wichtig. Es stellt sich für mich die Frage, wie ich vom Konsumenten vorgefertigter Produkte zum kreativen Gestalter einer humanen Zukunft werden kann“, sagt Matthias Burchardt. Wir brauchen in unserer Bildungslandschaft die digitale Seite, sollten aber auf eine Rückbesinnung auf eine traditionelle Bildung nicht verzichten. „Für Kinder und Jugendliche sei es als analoge Oase in der digitalen Wüste sehr wichtig, in der Örtlichkeit zu arbeiten, zum Beispiel auch einmal Kühe anzuschauen und sich die Finger schmutzig zu machen“, so Burchardt. Die pädagogische Grundsituation der personalen Lehrer-Schüler-Beziehung bleibt für Burchardt wesentlicher Ort der Sachvermittlung und Persönlichkeitsbildung.

„Human ranking“ im Kommen

Bei der bereits vorhandenen Datensammlung haben Unternehmen verständlicherweise andere Interessen. Eine gezielte Erweiterung dieser Datensammlungen mit angepassten Auswertungen sind da laut Burchardt sehr wichtig. Statt sich auf die Aussagekraft von Schulzeugnissen zu verlassen, erstellen spezielle Softwareprodukte ein exaktes psychologisches Profil der Interessenten. Ausbildungsstände, Kreditwürdigkeiten und deren Entwicklungen können exakt vorhergesagt werden. Die Spitze der Datensammlungen und der damit verbundenen Auswertungen bildet China. „Human ranking“ wird dort vorangetrieben. Es geht dort nicht nur um die finanzielle Bonität, sondern im erheblichen Maß auch um die politische Konformität im Hinblick bei der Vergabe von Sozialchancen. Wer in China nicht staatskonform tickt, riskiert eventuell, dass die eigenen Kinder nicht zum Studium zugelassen werden.

Mit dem chinesischem Sprichwort „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen“ zeigte Burchardt aber nicht nur die Schattenseiten, sondern auch die positiven Seiten bei den digitalen Veränderungen im Bildungsbereich auf. Burchardt erklärte: „Der Mensch muss nicht alles wissen, sondern er muss wissen, wo er nachschauen kann. Dabei spielt es eine große Rolle, dass man dem Informanten auch trauen kann“

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