Maria 2.0 Sieben Thesen für mehr Teilhabe

Die Initiative Maria 2.0 will mit einer Protestaktion auf Missstände in der katholischen Kirche aufmerksam machen. Auch in Twistringen schlugen neun Frauen sieben Thesen an die Kirchentür.
21.02.2021, 17:54
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Von Peter Cordes

Twistringen. Thesen beinhalten die Ansichten eines Menschen oder auch Lehrsätze. Zu Berühmtheit gelangt, sind vor allem die 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben soll. Sie listeten die Missstände des Papstes und der katholischen Kirche auf. Am Sonnabend waren es nicht 95, sondern sieben Thesen, die neun Frauen an der Eingangstür der St.-Anna-Kirche in Twistringen befestigten. Doch die Intention ist dieselbe: Missstände in der katholischen Kirche benennen und auflisten.

Anlässlich der bundesweiten Initiative Maria 2.0, ein Zusammenschluss engagierter Katholikinnen, waren aus den Ortsausschüssen Twistringen, Marhorst und Bassum des ehemaligen Gemeindeverbundes die Frauen zum Kirchenstreik nach Twistringen gekommen, um ihren Unmut über den derzeitigen Zustand der katholischen Kirche in Sachen Machtmissbrauch, sexuellen Missbrauch und die Unterdrückung der Frauen auszudrücken. Frauen aus Harpstedt, Diepholz, Sulingen und Barnstorf hatten die geplante Teilnahme wegen Terminüberschneidungen mit großem Bedauern absagen müssen.

An der Twistringer Kirchentür sind jetzt die Thesen der Initiative Maria 2.0 in großen Buchstaben zu lesen. Mit Kopfzeilen wie „In unserer Kirche haben alle Menschen Zugang zu allen Ämtern„ – “Macht wird geteilt„ – “Taten der sexuellen Gewalt werden umfassend aufgeklärt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen„ – “Ursachen werden konsequent bekämpft„ – “Wertschätzende Haltung und Anerkennung gegenüber selbstbestimmter achtsamer Sexualität und Partnerschaft wird gezeigt“. Weitere Leitsätze wie, dass die zölibatäre Lebensform keine Voraussetzung für die Ausübung eines Weiheamtes ist, die römisch-katholische Kirche nach christlichen Prinzipien wirtschaftet und sich als Verwalterin und nicht als Eigentümerin des ihr anvertrauten Vermögens versteht, sind den Ausführungen zu entnehmen. Mit dem Auftrag der Botschaft Jesu Christi, danach zu handeln und sich dem gesellschaftlichen Diskurs zu stellen, endet die Auflistung.

„Wir sind keine Revoluzzer-Truppe, wie man uns anfänglich betitelte, wir wollen niemandem etwas wegnehmen, sondern gemeinsam Kirche gestalten“, erläuterte Maria Stenner-Dieckmann, eine der Twistringer Maria 2.0-Mitstreikerinnen. „Manchmal kommt aber auch etwas Wut in mir hoch“, bestätigte Stenner-Dieckmann. „Für mich persönlich ist das ein gutes Zeichen, das gibt mir Kraft, um etwas zu verändern, und setzt bei mir Energien frei“, so Stenner-Dieckmann weiter.

Dass etwas passieren muss, ist für die Twistringer Frauen nicht von der Hand zu weisen. „Warum muss es eine Zölibatsverpflichtung geben oder warum werden Missbrauchsfälle durch Bistumsverantwortliche immer noch gedeckelt und versucht, Gutachten unter den Teppich zu kehren?“, fragten sich am vergangenen Wochenende alle neun Teilnehmerinnen.

Nicht nur in Twistringen, sondern bundesweit und auch in Österreich und der Schweiz agierte die Maria 2.0-Initiative am Wochenende. Ganz bewusst wurde diese Protestaktion unter Verschluss gehalten, um damit die vom 23. bis 25. Februar stattfindende Online-Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zu überraschen. „Wir wollen zusammen bundesweit auf die Missstände aufmerksam machen, in der Hoffnung, dass die 68 Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz unter Leitung des Vorsitzenden, Bischof Dr. Georg Bätzing, über die Thesen sprechen und auch Veränderungsmöglichkeiten diskutieren“, so Maria Stenner-Dieckmann.

Die Forderung nach Veränderung ist nicht neu: Seit den 1990er-Jahren gibt es die Initiative „Wir sind Kirche“, die neue Bewegung „Maria 2.0“ nahm vor zwei Jahren ihren Anfang in Münster. „Mit der Initiativgründung durch Frauen in Münster nahmen auch wir im Jahr 2019 in Twistringen die Arbeit zur Situationsverbesserung auf“, erinnert sich Maria Schläger an die Anfangszeiten. Mittlerweile arbeiten heute 13 Frauen aus den Orten des Gemeindeverbunds bei der Initiative mit. Nicht nur Frauen, auch viele Männer unterstützen die Arbeit der Frauen. Mit Aussagen wie „Macht weiter so und hört nicht auf“ oder „Das hättet ihr schon viel früher machen sollen“, geben die Männer ein positives Feedback.

„Nicht nur der Twistringer Pfarrer Joachim Kieslich steht unserer Arbeit positiv gegenüber. Wir sind eine Graswurzelbewegung, die unscheinbare Saat unten an der Basis und oben kommt herrliches grünes Gras heraus“, so Maria Stenner-Dieckmann. Mit den mahnenden Worten, dass mit den Aktivitäten zu lang gewartet wurde, weil man ganz junge Frauen schon als Unterstützer verloren habe, weil es denen zu lange dauerte, schloss Maria Stenner-Dieckmann die Thesenveröffentlichung vor der Eingangstür der St.-Anna-Kirche in Twistringen.

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