St. Anna Twistringen

Traum aus 3000 und einer Pfeife

Nachdem in diesem Jahr bereits die Kirche renoviert wurde, laufen derzeit die Arbeiten an der Orgel in der St.-Anna-Kirche in Twistringen. 3001 Pfeifen müssen dafür gesäubert werden. Grund dafür war: Schimmel.
19.11.2020, 17:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Vasil Dinev (Fotos)und Tobias Denne (Text)
Traum aus 3000 und einer Pfeife

Ganz genau hinschauen: Orgelbauer Michael Becker muss mit seinem Team jede der 3001 Pfeifen untersuchen und säubern.

Vasil Dinev

Aus dem Kirchenraum ist kaum zu erkennen, dass die Orgel im Moment nicht funktioniert. Die Pfeifen stehen akkurat da, wo sie auch sonst stehen. Es wirkt so, als müsste man nur kurz auf die Taste drücken und schon kommt ein Ton heraus. Doch seit Anfang Oktober ist die Orgel in der St.-Anna-Kirche in Twistringen stumm. Grund dafür ist die umfangreiche Reinigung des Instruments. „Mehr als die Hälfte ist geschafft“, sagt Michael Becker von der gleichnamigen Firma aus Freiburg. Er kümmert sich nicht nur um die erste Reinigung seit 25 Jahren, sondern war auch der Erbauer der Orgel vor eben jenem Vierteljahrhundert. Und die Arbeit hat es in sich, schließlich muss jede der 3001 Pfeifen ausgebaut, gereinigt und wieder eingesetzt werden. Insgesamt sechs bis acht Wochen soll die ganze Prozedur dauern.

Denn keine Pfeife ist gleich. So gibt es welche, die nur acht Millimeter lang sind, andere dafür erstrecken sich über fünf Meter. Richtig gelesen. Fünf Meter lange Orgelpfeifen. „Überwiegend müssen wir die säubern“, sagt Becker. Grund dafür war unter anderem, dass sich im Instrument Schimmel gebildet hatte. Hinzu kam der Ruß der Kerzen. „Eine Angewohnheit der Katholiken“, scherzt Kantor Johannes Schäfer. Durch die vielen Kerzen, die in der Kirche angezündet werden, haben sich die Pfeifen über die 25 Jahre ordentlich verfärbt. Mittlerweile ist man in Twistringen übrigens zu Ölkerzen übergegangen. Grund dafür war auch die Renovierung des Innenraums der Kirche (wir berichteten).

Ein kleiner Einblick in die Vielzahl der unterschiedlichen Pfeifen. Manche sind nur wenige Millimeter lang, andere dagegen mehrere Meter.

Ein kleiner Einblick in die Vielzahl der unterschiedlichen Pfeifen. Manche sind nur wenige Millimeter lang, andere dagegen mehrere Meter.

Foto: Vasil Dinev

Zurück zur Orgel: Beim Blick in das Innere des Instruments zeigt sich deutlich, was für eine komplizierte Technik dahintersteckt. Wenn Schäfer auf eine Taste drückt, wird Luft durch die Pfeife geblasen und der Ton ist zu hören. „Alles mechanisch“, sagt Becker. Zwar gibt es auch Orgeln, die elektronisch funktionieren – in größeren Kirchen etwa – aber mechanische sind weniger fehleranfälliger. „Man kommt wieder weg von der Elektronik und zurück dazu, wie früher Orgeln gebaut wurden“, erzählt Schäfer zur Funktionsweise.

Maßarbeit: Bei den kleineren Pfeifen ist das Stimmen leichter, dennoch ist Genauigkeit gefragt, schließlich soll die Orgel am Ende so klingen wie vorher.

Maßarbeit: Bei den kleineren Pfeifen ist das Stimmen leichter, dennoch ist Genauigkeit gefragt, schließlich soll die Orgel am Ende so klingen wie vorher.

Foto: Vasil Dinev

Die Reinigung der Pfeifen geschieht ebenfalls ganz simpel. Nach dem Abbauen wird das Rohr ordentlich mit Pressluft durchgepustet und mit Glasreiniger gesäubert. Fertig. „Vielleicht muss man die eine oder andere Stelle noch löten“, mutmaßt Becker. Ein Teil der Orgelpfeifen besteht aus Eichen- und Fichtenholz, der Rest aus einer Zinn-Blei-Legierung. Das Konzept der Orgel geht übrigens zurück auf die Orgelbautradition von Gottfried Silbermann, der Anfang des 18. Jahrhunderts lebte und in seine Konstruktionen Bauelemente aus verschiedenen Kulturkreisen und Zeitepochen einfließen ließ. Wie auf Silbermanns Orgeln könnten daher in Twistringen barocke und romantische Lieder sehr gut gespielt werden. „Es ist aber keine Silbermann-Orgel. Das wäre eine Übertreibung“, betont Becker.

Mechanisch statt elektrisch funktioniert die Becker-Orgel in Twistringen.

Mechanisch statt elektrisch funktioniert die Becker-Orgel in Twistringen.

Foto: Vasil Dinev

Trotz des ständigen Einsatzes der Orgel macht sie noch einen guten Eindruck. Denn allein mit kirchlichen Veranstaltungen wie Messen oder Hochzeiten wird die Orgel jedes Jahr rund 300 Mal bespielt. Das macht sich natürlich auch auf der Klaviatur bemerkbar. In drei Reihen liegen die Tasten für das Instrument, gleichzeitig verfügt der Organist über drei Pedale – ordentlich Material, um das gesamte Klangvolumen zu benutzen. Zieht Schäfer an einem der insgesamt 42 Register, hört sich der Ton, der vorher nach einer klassischen Orgel klang, an wie eine Trompete. Durch das Spielen – Schäfer unterrichtet auch zehn Orgelschüler – waren die Tasten abgenutzt. Diese wurden von Becker und seinem Team gereinigt und wieder so befestigt, dass sie nach links und rechts kein Spiel mehr haben. Die Kosten betragen knapp 50 000 Euro, das Bistum Osnabrück bezuschusst die Sanierung, allerdings „müssen wir den Großteil selbst stemmen“, sagt Twistringens Pfarrer Joachim Kieslich.

In die Tasten kann Schäfer aber trotz der Baustelle in der St.-Anna-Kirche hauen. Für die Zeit der Restaurierung steht im Altarraum ein kleines Pendant bereit, das der Kantor bespielen kann. Dennoch freut sich Schäfer darauf, in wenigen Wochen wieder an der großen Orgel zu sitzen und alle Register zu ziehen.

Ganz ehrlich: Vom Kirchenraum in St. Anna in Twistringen ist es kaum zu erkennen, dass an der Orgel gearbeitet wird. Der Großteil liegt schon hinter Becker.

Ganz ehrlich: Vom Kirchenraum in St. Anna in Twistringen ist es kaum zu erkennen, dass an der Orgel gearbeitet wird. Der Großteil liegt schon hinter Becker.

Foto: Vasil Dinev
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