Twistringer Orgelherbst Eine Hommage an Philipp Heinrich Erlebach

Der Twistringer Orgelherbst hat einen erlesenen Kreis von Musikern in der St.-Anna-Kirche um Kantor Johannes Schäfer versammelt. Schwerpunkt waren die Werke von Philipp Heinrich Erlebach.
22.11.2021, 18:18
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Von Richard Reiners

Twistringen. Das Christkönigfest, so nennt sich der Totensonntag in der katholischen Kirche, „ist der Sonntag, an dem bundesweit musikalische Hochkaräter in den Kirchen zu hören sind.“ So begrüßte Kantor Johannes Schäfer die rund 100 Besucher am Sonntagabend in der St.-Anna-Kirche in Twistringen. Wohl wissend, dass er einen erlesenen Kreis von Musikerinnen und Musikern um sich wähnen durfte. Der Förderkreis für Kirchenmusik in Twistringen hatte zu einem ganz besonderen Konzert geladen: Mit Kantaten am Hof zu Thüringen wurde dem 1657 in Esens geborenen Komponisten Philipp Heinrich Erlebach an diesem Abend die Ehre zuteil. Das Programm „Sei Lob und Preis mit Ehren“ spiegelte die ganze Vielfalt dessen, was das 17. Jahrhundert unter dem Begriff der Alten Musik zusammenfasste.

Zu Gast waren die Hamburger Barocksolisten sowie die Sopranin Veronika Winter, der Countertenor Tobias Hechler, Keunhyung Lee vom Hamburger Vokalensemble und der Bassist Matthias Gerchen. Unter dem Dirigat von Johannes Schäfer an der Truhenorgel gaben sie den mehr als 300 Jahre alten Werken eine besondere Note und sorgten für ein qualitativ hochwertiges Klangerlebnis.

Gleich der erste Teil – „Ich will mit Brandopfern gehen in dein Haus“ – zeigte die ganze Demut und Bescheidenheit Erlebachs. Das einfühlsame Ensemblespiel von Violine und Bratsche sorgte auch bei den Sängern für eine wohl-temperierte Unterstützung. „Die hohe Frömmigkeit der in Thüringen lebenden Adelsfamilie lässt die Vermutung aufkommen, dass seine Ehefrau Aemilie Juliane, eine Dichterin geistlicher Lieder, die Texte verfasst hat“, sagte Kantor Johannes Schäfer. „Und genau in diese tugendliche, von hoher Religiosität geprägten Gesellschaft passte 1681 das Profil des am ostfriesischen Hof ausgebildeten Philipp Heinrich Erlebach“, schwärmte Schäfer.

Im zweiten Teil des Konzertabends – „Air Entrée“ aus der Ouverture Nr.1 – kamen Habgier („Geld ist die Losung dieser Welt“), Eitelkeit („Du Aschebrödel, Wurm der Erden“) und der Glaube („Er nimmt's mit an, wie Gott es fügt“) zur vollen Entfaltung. Die Stimmlagen der Interpreten harmonierten sowohl im Solo- als auch im Chorgesang. An dieser Stelle darf man die auch in den Höhen gut getroffene Stimme von Bassist Matthias Gerchen hervorheben.

Im dritten und letzten Teil dieses wundervollen Kantatenabends begann mit „Lobe den Herrn, meine Seele“ eine wahre Jubel-Arie zum Finale, ohne den Pfad der Alten Musik jemals zu verlassen. Hier wieder das präzise Ensemblespiel von Violinen und Bratschen, kraftvoll unterstützt von Violoncello und einem nicht nur optisch anmutigen Violon. Sopran, Bass, Tenor, Countertenor und Orchester gingen mit einem chrescendoartigen „Du gibest einem Könige langes Leben, dass seine Jahre währen immer für und für. Alleluja“ über die Ziellinie dieses einstündigen Konzertabends.

Ein Großteil Erlebachs mehr als 1000 Kompositionen wurde 1735 bei einem Schlossbrand vernichtet, wodurch Erlebach musikalisch fast völlig in Vergessenheit geriet. Einen kleinen Ausschnitt von den etwa 70 Kompositionen die gerettet wurden, konnten die Freunde der Alten Musik am Sonntagabend in Twistringen genießen. Erlebach hätte am langanhaltenden Applaus seine wahre Freude gehabt, seine Demut und Bescheidenheit aber sicher nicht verloren, die er 35 Jahre lang als gräfischer Hofkomponist gelebt hat.

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