Plattdeutsch-Autorin aus Kirchweyhe Bewahrerin einer Tradition

Ingrid Kröner aus Kirchweyhe hat sich lange für den plattdeutschen Dialekt ihrer westfälischen Heimat eingesetzt. Nun hat sie ein Buch veröffentlicht mit eigenen Geschichten auf Unnaer Platt und Hochdeutsch.
30.11.2021, 15:54
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Bewahrerin einer Tradition
Von Alexandra Penth

Weyhe-Kirchweyhe. Nur noch wenige Menschen beherrschen das Unnaer Platt. Ingrid Kröner aus Kirchweyhe ist eine von ihnen. Sie möchte den besonderen Dialekt bewahren und hat 59 kleine Geschichten und Gedichte, die sie im Laufe der Jahre geschrieben hat, in dem Buch „Tüschen Mönster- un Siuerland“ zusammengefasst. Erschienen ist es jüngst im Agenda-Verlag Münster. 19 ihrer Texte hat die 80-Jährige dabei auch ins Hochdeutsche übersetzt. Ein Glossar soll dabei helfen, die Besonderheiten zu verstehen.

Das Unnaer Plattdeutsch stammt aus der Gegend um die Stadt Unna – zwischen dem Münsterland und dem Sauerland. Als Ingrid Kröner wegen der Nähe zu ihrer Familie 2016 nach Weyhe zog, war sie auf einmal mit dem Bremer Platt konfrontiert. "Das verstehe ich eigentlich ganz gut", sagt sie. Nur umgekehrt sei das eine Umgewöhnung gewesen. Immerhin zeichnet das Unnaer Platt die häufige Aneinanderreihung von Vokalen aus. Das Wort für Mutter würde demnach "Mäoer" geschrieben und gesprochen werden. Auch werde der Zwielaut "ei" wie getrennte Buchstaben behandelt. "Es ist nicht so ganz leicht. Ich versuche aber immer, deutlich zu sprechen", sagt Kröner, die im Schrieverkring im Kreisheimatbund Diepholz und im plattdeutschen Kreis in Weyhe aktiv ist. Das aktuelle ist eigentlich ihr drittes plattdeutsches Buch, die beiden Vorgänger waren im Eigenverlag erschienen. In dem einen hatte sie Weihnachtsgeschichten zusammengetragen, in dem anderen selbst geschriebene Stücke gesammelt. 

Ingrid Kröner hat das Plattdeutsche einst von ihren Großeltern gelernt. 1977 hatte der Lehrer Karl Wimpelberg aus dem nordrhein-westfälischen Nachbardorf dann angefangen, auch plattdeutsche Abende auszurichten. Kröner setzte seine Arbeit ab 2000 in ihrer Heimat Fröndenberg fort. Bis zu ihrem Wegzug blieb sie auch die Vorsitzende des plattdeutschen Kreises. Bis dahin hatte sie acht Jahre lang auch den Schrieverkring im westfälischen Heimatbund geleitet. "Da kamen ganz verschiedene Dialekte zusammen. Auch Niederländer waren am Anfang dabei", erinnert sich Ingrid Kröner. 

Dass auf Platt gleich immer alles lustig klingt, findet Kröner nicht. Denn viele ihrer eigenen Texte schlagen überaus kritische Töne an, machen auf den Klimawandel aufmerksam, setzen sich auch mit der Massentierhaltung auseinander. "Manchmal ist es schon recht kritisch, muss ich sagen. Sonst schreibe ich häufig über Erlebnisse und Dinge aus der Fantasie", erklärt Kröner. Der Ursprung des Plattdeutschen liegt im von der Hanse gesprochenen Niederdeutsch, in der Nachkriegszeit war die Sprache jedoch vehement aus den Klassenzimmern verbannt worden. "Plattdeutsch kann ich nicht, das sprach bei uns nur das Gesinde" – diesen Satz hat Kröner in Westfalen immer wieder zu hören bekommen. "Wie verbohrt muss man doch sein, sich etwas einzubilden auf das, was man nicht kann", wundert sie sich heute.

Die Meinungen, ob Dialekte des Plattdeutschen bewahrt werden sollten oder ob der Fokus nicht lieber auf die Sprache an sich gelegt werden soll, gehen bei den Platt-Sprechern auseinander. Kröner hat dazu eine klare Meinung: "Glattbügeln und vereinheitlichen – dafür haben wir das Hochdeutsche." Sie hat Forscher von Universitäten aus Nordrhein-Westfalen bereits unterstützt und Tonaufnahmen des Unnaer Platt angefertigt. "Sie hatten mich auch gefragt, ob ich jemanden zwischen 30 und 45 Jahren kennen würde, den sie auf Plattdeutsch interviewen können – ich konnte keinen benennen", bedauert Kröner. 

Besonders stolz war sie immer auf die plattdeutschen Veranstaltungen in ihrer Heimat zweimal im Jahr. Verschiedene Chöre traten auf, auch eine Kindergruppe. Im Laufe der Zeit sei es nun immer schwieriger geworden, die junge Generation zu erreichen. Der Rückzug des Plattdeutschen hat sich in Nordrhein-Westfalen schneller vollzogen als im Raum Bremen, denkt Kröner. Zumal dort auch der "Ruhrpottslang" als Konkurrenz aufgetreten ist. 

Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin hat in ihrer alten Heimat zum Teil auch plattdeutsche Gottesdienste organisiert, Liedtexte, Predigten und das Glaubensbekenntnis übersetzt. "Das hat ein Dreivierteljahr Vorbereitungszeit gebraucht", erinnert sie sich. In ihrem neuen Buch ist auch, passend zur gerade angebrochenen Adventszeit, eine anrührende, wahre Weihnachtsgeschichte zu finden. "En Päcksken van Opa" handelt von ihren Enkeln, denen sie nach dem Tod des Großvaters eine Freude machen wollte und für die sie ein großes Päckchen Honigkuchen bestellte. Nur vergaß Kröner bei der Bestellung, den Namen des Absenders – ihr verstorbener Mann war noch als Kunde beim Versandhaus hinterlegt – zu ändern. So hielten die Enkelkinder mit leuchtenden Augen schließlich ein Päckchen ihres Opas in den Händen, das dieser wohl aus dem Himmel geschickt haben musste.

Das Buch „Tüschen Mönster- un Siuerland“ der Weyherin Ingrid Kröner, erschienen im Agenda-Verlag Münster, ist ab sofort im Buchhandel erhältlich unter der ISBN 978-3-89688-734-4. 

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