Unternehmenschronik über „Dual“ Der klingenden Scheibe verschrieben

Für Rainer Jäckle ist es nicht nur ein spannendes Kapitel der deutschen Wirtschaft, sondern auch ein Teil Familiengeschichte: Der Weyher hat sein Buch über den Plattenspielerhersteller Dual neu aufgelegt.
24.10.2018, 09:51
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Alexandra Penth

Weyhe-Lahausen. Die Wand quietschorange, davor sitzt eine von Kopf bis Fuß in Rot gekleidete Frau, dunkle Locken, in einem durchsichtigen Aufblas-Sessel. In der Mitte in einem Holzregal ein Plattenspieler mit eingebautem Lautsprechersystem. Für heutige Verhältnisse spricht ein gewisser Retro-Charme aus dem Bild, mit dem die Firma Dual in den späten 1960ern für ihr Kernprodukt warb: den Schallplattenspieler.

Für Rainer Jäckle aus Lahausen transportiert das Werbefoto aber auch ein Stück Familiengeschichte. Zwei Generationen, sein Vater und Großvater nämlich, waren bei dem zeitweise größten Hersteller für Plattenspieler aus dem Schwarzwald beschäftigt. Rainer Jäckle war der erste, der beruflich einen anderen Weg einschlug. Als Informatiker war er unter anderem bei Airbus tätig. Weil sein Vater viele Zeugnisse aus der glorreichen Zeit Duals aufgehoben hatte, beschloss Rainer Jäckle, die Firmengeschichte aufzuschreiben, „damit das nicht in Vergessenheit gerät“, wie er sagt. Im vergangenen Jahr erschien sie auf 120 Seiten unter dem Titel „Einfach Dual“. Nun hat der 67-Jährige eine zweite, überarbeitete Auflage veröffentlicht. Einen Verlag hat Jäckle dafür nicht, stattdessen nutzt er die Internetplattform „Epubli“. Die Bücher werden nach Bedarf gedruckt und sind in jeder Buchhandlung und im Internet verfügbar. Neben der Firma Dual hat Jäckle, der Literatur als Schwerpunkt seines Seniorenstudiums an der Universität Bremen belegt, auch Bücher über den Jakobsweg geschrieben (wir berichteten).

Zeitzeugen berichten

In der Neuauflage seiner Dual-Unternehmenschronik, die auch im deutschen Phonomuseum in St. Georgen erhältlich ist, lässt Jäckle Zeitzeugen zu Wort kommen. Doch auch nach der jüngsten Überarbeitung sieht sich der Weyher nicht am Ende seiner Arbeit. „Ehrlich gesagt war ich erst heute Morgen wieder dran“, sagt er und lacht. Es ist ein Langzeitprojekt, an dem er seit 2015 immer wieder für ein paar Stunden die Woche sitzt. Besonders spannend findet er es, nachzuverfolgen, wie der Schwarzwaldregion der Sprung von der Holzverarbeitung zur hochmodernen Technik gelang. Der Pioniergeist im Schwarzwald Mitte des 20. Jahrhunderts erinnert ihn an heutige globale Technikkonzerne wie Apple.

Nicht nur der Text, sondern auch viele Bilder erzählen die Geschichte des Unternehmens aus St. Georgen im Schwarzwald. Jäckle profitierte dabei von der Vorarbeit seines Vaters, seinerzeit Betriebsleiter im Werk in der Stadt Meßkirch im westlichen Oberschwaben. Durch die Augen von Zeitzeugen spürt Jäckle dem Phänomen Dual ebenfalls nach. Mit einer ehemaligen Betriebsrätin sprach er über die letzten Jahre des Giganten, 1982 ging Dual in Konkurs. Ein Zeitzeuge berichtet, wie er als Kind Spielzeugfiguren auf den Plattenteller stellte, um zu sehen, wie sie quer durchs Zimmer katapultiert wurden. Einer der Gesprächspartner mähte beim Bürgermeister den Rasen, durch das Fenster warf er jedes Mal einen sehnsüchtigen Blick auf den Dual-Plattenspieler, den er so gerne gehabt hätte. Jäckle hat aber auch versucht, die Seite der Unternehmerfamilie Steidinger zu hören, in deren Hand Dual für drei Generationen war. „Der Schmerz sitzt dort noch tief“, berichtet der Autor.

CD bedeutete das Ende

Das 1900 gegründete Unternehmen blieb auf der Strecke, als die CD ihren Durchbruch erlebte. „Es hörte bereits mit Tonband und Kassette auf“, sagt Jäckle. Der Niedergang des einstigen Branchenriesen ist bezeichnend für einige Mitte des 20. Jahrhunderts florierende Unternehmen im Schwarzwald. Auch die Uhrenbranche wurde durch die Umstellung auf Quarzuhren nahezu verdrängt. Übrig geblieben ist der Nostalgie-Charme, der noch bis in die Gegenwart wirkt. Jäckle berichtet von Fans in Meßkirch, die alte Dual-Geräte reparieren. Eine Firma stellt in St. Georgen noch Analog-Plattenspieler unter dem Namen her. Außerdem hat die Kaufhauskette Karstadt Rechte erworben und führt Dual-Digitalplattenspieler, die jedoch in Fernost gefertigt werden.

Für Rainer Jäckle hat die Schallplatte einen großen Wert. „Wie sich Kinder heute über ein neues I-Phone freuen, so habe ich mich über Boxen für meinen Plattenspieler gefreut“, erzählt er von einprägsamen Erinnerungen vergangener Weihnachtsfeste und Geburtstage. Und auch heute noch sei es ein besonderes Ritual, die Schallplatte abzuwischen, aufzulegen und auf das Erklingen des ersten Tons zu warten. Wenn Jäckle Besuch von Freunden aus Meßkirch bekommt, legt er stets eine Single von Peter Hermann auf, einem lokalen Schlagersänger aus den 1970er-Jahren, eigentlich viel zu schmalzig für Jäckles Geschmack. „Im Schatten der Erinnerung – das ist dann so etwas wie unsere Hymne“, sagt er und lacht.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+