Niederdeutsche Dialekte

Der Wächter des Platt

Heinz Tödtmann aus Erichshof hat ein umfangreiches Online-Wörterbuch zur niederdeutschen Mundart der Region erstellt.
25.10.2019, 18:55
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Von Gerald Weßel
Der Wächter des Platt

Mehr als nur begeistert von seinem Hobby: Heinz Tödtmann ist ein Weyher Urgewächs und liebt Platt.

Vasil Dinev

Weyhe-Erichshof. „Ich habe Platt mein ganzes Leben lang nie verleugnet“, stellt der 75-jährige Heinz Tödtmann aus Erichshof klar. Ganz im Gegenteil, Platt ist sein Leben, so viel wird im Gespräch sofort klar. Der Rentner lebt für die Mundart, mit der sein Leben begann und ist sich nicht zu schade, um für seine Überzeugungen zu streiten. Regelmäßig sitzt er zudem seit Längerem an einem Online-Wörterbuch des hiesigen plattdeutschen Dialektes. Dieses umfasst bereits etwa 12 000 Begriffe.

Er ist in Erichshof aufgewachsen und wurde, wie er erzählt, sogar nur 300 Meter von dem heutigen Zuhause seiner Frau und ihm entfernt, 1944 geboren. Er sei eben ein echtes Weyher-Urgewächs und Platt sei das Erste gewesen, was er im Leib seiner Mutter hörte. Platt als Sprache der Arbeiter stand in der Nachkriegszeit in keinem guten Ruf. Alle wollten gerne Hochdeutsch sprechen, um sich abzuheben. Doch die meisten begannen Platt direkt ins Hochdeutsche zu übersetzen. Aus dieser Praxis entstanden auch Gebilde wie „da nich für“. Da gebe es tausende von, erklärt Tödtmann und führt aus: „Es gibt Wörter, die kennt das Plattdeutsche nicht.“ Ein Beispiel hierfür seien Begriffe wie „Erlebnisse“. Im Platt könne man nur „was ich erlebt habe“ ausdrücken.

Sein alphabetisch sortiertes Wörterbuch gibt neben der Übersetzung hochdeutscher Begriffe noch andere Informationen preis, darunter das Beugen von Verben (ich gehe, du gehst und so weiter) sowie jeweils einen Beispielsatz. In manchen Fällen weist er auch auf Synonyme für das jeweilige Wort hin. Die plattdeutschen Begriffe schreibt er übrigens gleich so, wie sie ausgesprochen werden sollen. So wird ein Wort mit lang gesprochenem „e“ von ihm gleich mit „ee“ geschrieben. „Die Nachwelt kann sofort sehen, wie das Wort ausgesprochen wird.“ Irgendwann möchte er neben der Veröffentlichung der Liste als gedrucktes Buch, aber auch den Schritt zurück ins Gesprochene schaffen. Er überlegt derzeit, wie er es am besten hinbekommt, jeden Begriff auch als Audiodatei anzubieten, sodass die Sprache direkt auf seiner Website angehört werden kann. Denn Platt bleibt für ihn eine Sprechsprache und nichts anderes. So oder so dürfe man Plattdeutsch nicht mit dem Hochdeutschen vergleichen.

Plattdeutsch ist keine allgemeine Sprache, sondern besteht aus unterschiedlichen Dialekten. Diese können sogar räumlich sehr nah beieinander bestehen. „Oft muss man nur wenige Kilometer in ein anderes Dorf fahren und schon unterscheiden sich erste Wörter“, schildert der 75-Jährige seine Erfahrungen. So sei das Platt aus der Region Syke/Weyhe/Stuhr nicht eins zu eins mit dem bremischen Platt identisch. Jeder Dialekt steht für ein Stück Heimat der ihn Weitertragenden. Es störe ihn sehr, dass nur zu oft unterschiedliche Mundarten vermischt und zu einem vermeintlich allgemeinen Platt vermengt werden: „Das macht mich wahnsinnig.“ Jede Mundart im Platt stehe dabei für sich. Doch bei aller Mühe und Liebe zur Dialektfamilie als Ganzes, eines ist für ihn klar: „Platt wird aussterben, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

Heutzutage können, laut ihm, nur noch sechs Prozent der Bevölkerung Platt sprechen und verstehen. Die meisten Bundesländer, inklusive Niedersachsen tun wenig bis gar nichts, um die Minderheitensprache zu erhalten. Auch Schulwettbewerbe seien wenig hilfreich: „Eine Sprache muss im Alltag gesprochen werden, vor allem das Plattdeutsche.“ Denn Platt sei „zum Schreiben völlig ungeeignet“, stellt er klar. „Rechtschreibung ist für mich im Plattdeutschen irrelevant.“ Er geht sogar noch weiter, denn selbst für so manchen Versuch der Übersetzung habe er wenig Verständnis: „Wer Goethe und Schiller ins Plattdeutsche übersetzen will, der gehört in die Klapse.“ Denn im Platt würden sich komplexe Sachverhalte nur sehr schwer abbilden lassen. „Platt ist eine einfache Sprache“, bringt Tödtmann es auf den Punkt. Sie bringe es insgesamt auf nicht mehr als 20 000 Begriffe, die deutsche Standardsprache alleine umfasst mindestens 75 000.

Unterschiede zwischen den Dialekten gebe es obendrein nicht nur bei einzelnen Begriffen, sondern an allen Ecken. „Klang, Aussprache und Redewendungen“, zählt er weitere mögliche Differenzen auf. Er vergleiche einen Dialekt im Plattdeutschen gerne mit einem Oldtimer. Da ersetze man ein kaputtes Teil auch nicht einfach mit einem Ersatzteil von einem komplett anderen Hersteller. Doch irgendwann werden wohl alle Platt-Dialekt-Oldtimer unrettbar liegen bleiben und für immer verstummt sein. Für die Nachwelt wird es dann aber noch Sammlungen wie die von Heinz Tödtmann geben. Das Wörterbuch ist unter www.erichshofer-platt.de zu finden.

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