Ausstellung im Sudweyher Bahnhof

Faszination Mustertücher

Eine kleine Premiere gab es am Sonntag im neugestalteten Sudweyher Bahnhof: Mit den Mustertüchern von Erika Christmann wurde eine Ausstellung eröffnet
23.06.2019, 19:09
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Von Kaya Töbelmann
Faszination Mustertücher

Wahre Meisterwerke: Erika Christmann zeigt im Sudweyher Bahnhof ihre hunderte Stunden in Anspruch nehmenden Meisterwerke.

Braunschädel

Weyhe-Sudweyhe. Es ist eine kleine Premiere, die sich am Wochenende im Sudweyher Bahnhof ereignete. Erstmals fand vor Ort eine Matinee statt, bei der Erika Christmann ihre Mustertücher vorstellte. Die filigran bestickten Tücher begeisterten die Gäste – und das zurecht. Hinter den meisten Werken stecken viele Jahre Arbeit.

„Wir möchten zukünftig regelmäßig Ausstellungen bei uns eröffnen und dabei auch die Künstler hinter den Arbeiten vorstellen“, eröffnete Christine Burda vom Verein Sudweyher Bahnhof die Matinee. „Denn nur so können Sie die Künstler kennenlernen und sich einen Eindruck über die Hintergründe der Werke verschaffen.“ Christmann hilft im Café der Sudweyher Kulturstätte mit, und auf diese Weise kam der Kontakt zustande.

„Ich habe Christine angesprochen, weil ich das Gefühl hatte, die Arbeiten würden sehr gut hier her passen“, richtete sich Christmann an die erschienenen Gäste. Umgeben war sie von ihren in Bilderrahmen aufgehängten Mustertüchern. Hinter diesem Begriff verstecken sich vor allem Tücher aus Leinen, die früher von Mädchen und Frauen bestickt wurden. Wie Christmann zu berichten wusste, finden sich erste Dokumentationen der Stickmustertücher im 16. Jahrhundert. Damals war es für Mädchen Pflicht, an einem Mustertuch über viele Jahre hinweg zu arbeiten. „Auf ihnen wurden Buchstaben gestickt und die Tücher gesammelt. Von Generation zu Generation gab man sie weiter“, so Christmann.

Diese Originale nimmt sich die 71-Jährige zum Vorbild und wandelt sie auf ihre eigene Art um. Viele ihrer Tücher zeigen im oberen Bereich das Alphabet, im unteren Tiere wie Pfau, Hahn oder Katze. Auf anderen sind Kränze oder Inschriften zu sehen. Für die Ausstellung hängt neben jedem Bild ein Schild, das Auskunft über das genaue Datum der Repliken gibt. Viele von ihnen reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück. Ihre Muster bekommt Christmann von der Werkstatt für historische Stickmuster. Dort bezieht sie auch ihre Tücher und das notwendige Garn. Mit dem sogenannten Kreuzstich, unterschiedlichen Farben und einem vorher genau geplanten und ausgerechneten Muster erstellt Christmann ihre Meisterwerke – und das sind sie wirklich.

Ihre Farben, Schattierungen und Formen sind so detailreich, dass es eine gewisse Zeit benötigt, um alles auf den Bildern erfassen zu können. „Wie lange arbeitest du an so einem großen Bild?“, wollte eine Besucherin wissen. Das konnte die Weyherin nicht so genau beantworten, ihr Mann dafür umso besser. „Dreieinhalb Jahre“, sagte er. Die Begeisterung der Besucher für Christmanns außergewöhnliches Hobby stieg daraufhin umso mehr.

„Wir haben früher mit drei Generationen unter einem Dach gelebt, und vor allem meine Oma hat viel handgearbeitet. Mein Opa hat sie dann oft gefragt: ,Na, bist du wieder am Gaffeln?'“, berichtete Christmann und erhielt zustimmendes Gelächter der vor allem weiblichen Zuhörerinnen. Viele fühlten sich an ihre eigene Kindheit erinnert, in der die Handarbeit einen hohen Stellenwert hatte. „Anfang der 1990er-Jahre haben wir einen Ausflug nach Holland gemacht. Dort habe ich die ersten Mustertücher entdeckt. Ich sticke aber schon seit den 1970er-Jahren“, erzählte die Weyherin. Anfangs habe sie sich noch an naiven Bildern, wie Weihnachtskränzen versucht, mittlerweile sei sie zu den Mustertüchern gewechselt. „Die Tücher werden auch als Beispiel bezeichnet, im englischen heißen sie Sampler und im holländischen Merklappen“, so Christmann mit einem Schmunzeln.

Neben den vielen Repliken ist ein weiteres, ganz besonderes Werk Teil der Ausstellung. Christmann hat ihren Stammbaum aufgestickt. In der Mitte des Tuches ist ein Kranz zu sehen, außen herum die vielen Hobbys, Haustiere, die wichtigen Daten und Stationen im Leben der Christmanns. „Ich habe unsere Kreuzfahrten festgehalten, meine Tätigkeit bei der Gästeführung und das Wappen der Gemeinde Weyhe. Da wurde ich dann mal selbst aktiv und habe die Muster meinen Vorstellungen entsprechend angefertigt“, erklärte die 71-Jährige. Mit der Ausstellung wolle sie weniger zum Kaufen, als vielmehr zum selbst Ausprobieren anregen.

Gerade arbeite sie an ihrem vorerst letzten Werk, das in einem Jahr fertig werden soll. „Im Sommer liegt die Arbeit meist, im Winter geht es dann weiter. Abends, wenn mein Mann gerade Fußball schaut, sage ich dann manchmal zu ihm: Horst, sticken wir heute Abend noch ein bisschen?“, scherzte Christmann. Dass ihre aktuelle Arbeit die vorerst letzte sein soll, konnten die Besucher allerdings nicht so ganz glauben. An den Bildern der Ausstellung konnten sie sich jedenfalls nicht sattsehen.

Die Ausstellung ist jeden Sonntag von 13 bis 18 Uhr bis zum 11. August im Sudweyher Bahnhof, Raiffeisenstraße 11, zu sehen.

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