Fußball Noch lange nicht am Ende

Er ist Schiedsrichter und Fußballer mit Leib und Seele. Doch mit nur 25 Jahren hat sich Denny Kosel bereits dreimal das Kreuzband gerissen. Ans Aufgeben denkt er jedoch nicht.
11.09.2020, 17:57
Lesedauer: 4 Min
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Von Thorin Mentrup

Da ist etwas kaputt. Das spürt Denny Kosel nicht nur. Er weiß es. Er hat dieses Knacken im Knie bereits gehört. Und auch den Schmerz kennt er. Zweimal hat er sich zuvor das Kreuzband gerissen, beide Male im rechten Knie. Nun also im linken. Daran besteht für ihn kein Zweifel. „Eigentlich dachte ich, der Fluch ist vorbei“, blickt der 25-Jährige, der sich als Fußballer des TuS Sudweyhe und auch als Schiedsrichter einen Namen gemacht hat, zurück auf den 12. August, als er sich seine dritte Kreuzbandverletzung zuzieht. Ans Aufhören denkt er jedoch nicht. Er fasst stattdessen sein drittes Comeback ins Auge.

Denny Kosels Leidensgeschichte beginnt vor zehn Jahren. Landesliga, Topspiel mit dem TuS Sudweyhe gegen den VfL Bückeburg. Für ihn endet das Spiel jedoch früher als für alle anderen. Zum ersten Mal reißt sein Kreuzband. Kosel, ein Talent, das es an die DFB-Stützpunkte im Kreis Diepholz und in Bremen schafft, kämpft sich zurück und bestreitet zwei Jahre später mit dem Brinkumer SV das Aufstiegsspiel zur Regionalliga gegen Bremerhaven. Wieder verletzt er sich, wieder erwischt es das Kreuzband im rechten Knie. „Nur zwei Jahre dazwischen. Das war echt heftig für mich. Gerade in den jungen Jahren.“

Den Nimbus der Unverletzlichkeit, den Jugendliche zuweilen spüren, büßt Kosel früh ein. Wenn er ihn denn überhaupt hatte. Der Traum, einmal unter seinem Vater Frank Thinius zu spielen, der unter anderem den Brinkumer SV, den TV Stuhr, den SV Mörsen-Scharrendorf und den TB Uphusen trainiert hat, platzt. „Das war nach meinen beiden frühen Verletzungen vorbei“, sagt Kosel, der seinen Vater stets begleitete, etliche Plätze in Bremen und Niedersachsen bereits als Kind kennenlernte. „Seitdem bin ich fußballverrückt“, sagt er. Er selbst läuft nicht nur für Sudweyhe und Brinkum auf, sondern ganz zu Beginn auch für den TSV Weyhe-Lahausen, bei dem er später nach seinem Fachabitur ein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Schiedsrichter und Fußballer

Sport und Vereinsleben genießen einen hohen Stellenwert bei Kosel, der als Sozialversicherungsfachangestellter bei einer Krankenkasse arbeitet. Er macht den Schiedsrichterschein, ist bis zur Bezirksliga aktiv und schnürt die Schuhe für die dritte Sudweyher Herrenmannschaft. Beim TuS hat er außerdem das Beachsoccerteam ins Leben gerufen. „Darauf bin ich stolz. Dadurch sind hier alle drei Herrenmannschaften noch ein bisschen enger zusammengerückt.“ Landesmeistertitel hat Kosel mit seinen Mitspielern bereits errungen, irgendwann will er mit dem Team an den Deutschen Meisterschaften teilnehmen. Als Spieler, nicht nur als Organisator.

Es ist ein erfülltes Sportlerleben, das Kosel nach den ersten beiden Kreuzbandrissen führt. Er bleibt beinahe verletzungsfrei. „Zwischendurch hatte ich mal einen Bänderriss, aber das ist im Vergleich zu einem Kreuzbandriss eine Lappalie“, sagt er. Nichts, was ihn aus der Bahn werfen könnte. Mental haben ihn die beiden schweren Verletzungen durchaus stark gemacht.

Auf den dritten Kreuzbandriss, acht Jahre nach dem zweiten, aber ist Kosel nicht vorbereitet. „Ich war die ersten Tage danach mental in einem tiefen Loch. Da sind auch ein paar Tränen geflossen.“ Ihn beschäftigt zu Beginn vor allem ein Gedanke: Warum schon wieder ich? „Ich glaube, diese Frage stellt man sich automatisch“, vermutet er. Allzu lang gibt er sich dem Selbstmitleid aber nicht hin. „Es hilft dir ja nicht weiter. Man muss auch das positiv angehen“, blickt er optimistisch nach vorn.

Doch wie soll diese Zukunft sportlich aussehen? „Natürlich kommen immer wieder Fragen, ob ich noch mal gegen den Ball treten will. Da sind auch gemischte Gefühle dabei, muss ich sagen. Aber ich glaube, dass man mit 25 Jahren einfach noch nicht eine Sportlerkarriere beenden kann“, will Kosel noch einige Geschichten auf dem Platz schreiben. Vielleicht, überlegt er, fange er zunächst mit der Schiedsrichterei wieder an. „Das ist weniger verletzungsanfällig. Der zweite Schritt wäre, das Training mit einer gewissen Zurückhaltung anzugehen, einfach um wieder an der Mannschaft dran zu sein. Das fehlt mir sehr.“

Gelassen, aber vor allem entschlossen

Der Weg zum Comeback hat längst begonnen. „Es wird jetzt von Woche zu Woche besser“, sagt Kosel. Er macht zweimal pro Woche Krankengymnastik, um sich auf die Operation vorzubereiten, die Ende September ambulant vorgenommen wird. Eine Sehne aus seinem Oberschenkel wird das gerissene Kreuzband ersetzen. Kreuzbandplastik nennt sich das. Kosel hat sich bereits schlau gemacht. „Das ist eine gute Sache“, findet er. Schlafen wird er in der Nacht vor der OP wohl trotzdem kaum. „Das ist eine Kopf-Geschichte“, werden seine Gedanken um den Eingriff kreisen. Eine Operation ist keine Lappalie – eine Routine gibt es selbst beim dritten Mal nicht.

Etliche Termine für die Zeit nach der OP, zum Beispiel zur Lymphdrainage, hat Kosel bereits organisiert. „Ich weiß ja, was auf mich zukommt“, sagt er. Dieses Wissen gibt ihm nun Kraft. Ohnehin blickt er auf die lange Rehaphase etwas gelassener als nach seinen ersten Verletzungen. „Ich habe keinen Druck. Klar sagt man, dass ein Profi nach einem halben Jahr wieder spielen kann, wenn es gut läuft. Aber bei uns Amateuren ist das anders, wir haben nicht dieselbe Behandlungsfrequenz.“ Ein paar Lehren aus seinen ersten beiden Kreuzbandrissen hat er zudem gezogen: „Man muss hartnäckiger zu sich selbst sein, die Rehaphase professioneller angehen. Das habe ich in jungen Jahren vielleicht unterschätzt.“

Es sei nicht nur eine gewisse Ruhe, mit der er nach vorn blicke, sagt Kosel, sondern auch Entschlossenheit. Diese Reha soll seine letzte sein. „Das Ziel bleibt, irgendwann wieder selbst zu kicken“, bekräftigt er. Vielleicht in fernerer Zukunft sogar „in der Altliga mit meinen Kumpels“. Hauptsache er könne den Zeitpunkt, wann er die Fußballschuhe an den Nagel hängt, selbst bestimmen.

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