Fußball

Endlich Torjäger statt Sprücheklopfer

Dominik Mahns Laufbahn im Herrenbereich ist geprägt von Verletzungen. Zuletzt hat er sich aus einer mehr als zweijährigen Leidenszeit zurückgearbeitet. Jetzt ist er fit – und muss wegen Corona erneut warten.
27.05.2020, 15:07
Lesedauer: 7 Min
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Von Thorin Mentrup
Endlich Torjäger statt Sprücheklopfer

Dominik Mahn ist Lahauser durch und durch – und nach seinem Comeback wieder voller Tatendrang. Momentan gilt aber auch für ihn: Er muss sich gedulden, bis die Punktspiele wieder starten können.

Thorin Mentrup

Lahausen. „Eigentlich müsste ich im goldenen Herbst meiner Karriere sein, wenn man sich anschaut, wie lange ich schon ausgefallen bin“, sagt Dominik Mahn. Eigentlich. Denn er ist erst 24 Jahre jung. Mahn, genannt Domse, hat in den vergangenen Jahren ganz schön viel verpasst. Zumindest auf dem Fußballplatz. „Vielleicht habe ich insgesamt anderthalb Saisons gespielt, seit ich im Herrenbereich bin“, grübelt er. Nicht viel für den jungen Mann, der im Sommer 2014 von der A-Jugend der JSG Sudweyhe/Weyhe-Lahausen den Sprung in den Kreisliga-Kader des TSV Weyhe-Lahausen schaffte. Schon als Jugendlicher hatte er einige Partien bei den Senioren mitgemacht. Mahn war ein Talent, das ruckartig ausgebremst wurde. Doch jetzt ist er zurück – und muss erneut warten.

Mit Verletzungen hatte Mahn in der Jugend kaum etwas zu tun. Höchstens mal ein paar Wehwehchen. Nichts, was ihn länger außer Gefecht gesetzt hätte. Im Herrenbereich aber kamen die Rückschläge nicht nur regelmäßig, sondern vor allem auch hart. „Es gab, seit ich in Lahausen bin, kaum einmal Phasen, in denen Dominik drei oder vier Spiele am Stück für uns gemacht hat“, sagt Thorsten Eppler. Er ist Mahns heutiger Trainer und kennt die Leidensgeschichte seines Schützlings ganz genau. In der B-Jugend beim SC Weyhe arbeiteten beide schon einmal zusammen. Eppler schulte Mahn vom Innenverteidiger zum Angreifer um. „Schon damals waren Stürmer rar gesät“, erinnert er sich. Und der groß gewachsene und kräftige Mahn brachte nicht nur alle Voraussetzungen mit, um als Brecher und Wandspieler in vorderster Front für Unruhe zu sorgen, sondern auch eine gute Abschlussqualität. Die wies er beim SC nach und später auch bei der JSG. In der Landesliga-Torschützenliste mischte er weit vorn mit. Er war ein Versprechen für die Zukunft des TSV Weyhe-Lahausen, „meines Herzensvereins“, wie er selbst sagt.

Im ersten Spiel schwer verletzt

Erfüllen konnte er diese Hoffnungen bislang nicht. Weil er meist nur am Spielfeldrand stand. Und zwischen den Begegnungen „gefühlt alle Sportärzte in Bremen“ aufsuchte. Der Bruch der Kniescheibe direkt im ersten Punktspiel der Saison 2014/15 war seine erste schwere Verletzung. Ein Steilpass in die Spitze, er und Dickels Schlussmann stürmten dem Spielgerät entgegen, Mahn war beim Pressschlag einen kleinen Moment eher am Ball und wurde voll erwischt. „Ich wusste direkt, dass etwas kaputt ist. Dass der Ball ins Tor getrudelt ist, habe ich gar nicht mehr bemerkt“, erinnert er sich. Es war das Tor zum 3:2, aber ein Treffer, über den er sich nicht freuen konnte. Im Gegenteil: „Ich hätte sogar gern auf das Tor verzichtet und wäre unverletzt geblieben“, sagt er.

Gesundheit weiß Mahn, der zwischenzeitlich auch kleinere Blessuren beklagte, heute ganz besonders zu schätzen. Ein Jahr lang kämpfte er sich nach dem Kniescheibenbruch zurück. Schon das war nicht einfach für einen, der das Gefühl einer langen Pause bis dato nicht kannte. „Aber immerhin wusste ich, was es war“, sagt er. Er hatte einen Plan für die Reha und die Rückkehr auf den Platz. Das war nach dem Spiel gegen Lemförde im September 2017 anders: Ohne Einwirkung eines Gegenspielers hatte er sich verletzt. Zunächst wurde ein Muskelriss diagnostiziert. Doch Mahn litt darüber hinaus unter chronischen Leistenbeschwerden. Es war kein Leistenbruch, aber Klarheit, was genau im Argen lag, bekam er nicht. „Natürlich holt man sich nicht nur eine Meinung ein. Nur blöd, wenn jeder Arzt etwas anderes sagt“, eilte er von Praxis zu Praxis. Wirklich helfen konnte ihm niemand.

Mahn, „ein Fußballspieler durch und durch“, wie Eppler weiß, musste also wieder zuschauen. Doch dieses Mal war es schlimmer als bei seiner schweren Verletzung zuvor. „Die Ungewissheit war das größte Problem. Ich wusste nicht, was los ist. Das frisst dich auf“, gewährt er einen Einblick in seine Gefühlswelt. Mahn war ratlos. Was sollte er mit den unterschiedlichen Diagnosen der Ärzte anfangen? Was bedeuteten sie für seine Laufbahn als Fußballer? Kann er wieder auf den Platz zurückkehren? All das konnte er lange Zeit nicht einschätzen. Das zehrte an seinen Nerven. „Da wäre ein Kreuzbandriss leichter zu verkraften gewesen“, sagt er. Dabei gilt diese Verletzung unter Fußballern als eine der schlimmsten überhaupt und bringt Minimum ein halbes Jahr Pause mit sich. Meist noch mehr. „Aber da weiß man wenigstens, woran man ist“, verdeutlicht Mahn. Diverse Therapieansätze halfen ihm nicht zurück auf die Beine, mehr als 60 Stunden Krankengymnastik absolvierte er. Er versuchte es mit Schonung, dann mit Lauftraining und Kräftigungsübungen. Ganz leicht natürlich. „Oma-Gymnastik“, sagt er. Nicht das, was ein junger Mann wie er machen würde. Doch die Belastungssteuerung funktionierte nicht. „Ich bin häufig auch zu früh angefangen.“ Die Schmerzen kehrten zurück.

Die Mannschaft leidet mit

Es war frustrierend. Für Mahn, dessen Leidenszeit nicht enden wollte, aber auch für seine Mannschaft. Unter Friedhelm Famulla, der die Lahauser zwischen Sommer 2018 und April 2019 trainierte, machte der 24-Jährige kein einziges Spiel. Und auch danach musste er sich weiter gedulden. „Das war für Dominik eine ganz schwierige Zeit. Wir haben mit ihm mitgelitten“, erzählt Eppler, der nach einjähriger Abstinenz im vergangenen Sommer zum TSV zurückkehrte. „Wir haben immer gehofft, dass er den Anschluss schafft, aber es gab auch Phasen, in denen wir uns nicht sicher waren“, erzählt er ehrlich. Wenn er zweifelte, hat Eppler es Mahn nicht gezeigt. Im Gegenteil: Er bestärkte ihn, weiter an sich und das Comeback zu glauben. Für seinen Schützling eine Wohltat: „Ich glaube, ohne Thorsten, das Trainerteam und die Mannschaft wäre es für mich viel schwieriger gewesen. Auch wenn ich nicht spielen konnte, konnte ich wenigstens immer dabei sein. Ich war immer ein Teil der Mannschaft, das war mir sehr wichtig und hat mir geholfen. Es hat mich angetrieben. In melancholischen Phasen ist es gut zu wissen, dass da jemand ist, der auf dich zählt.“ Und diese schwierigen Momente gab es einige Male. Immer dann, wenn Mahn einen Rückschlag erlitt, wieder bei Null anfangen musste. Dann habe das Team an seiner Seite gestanden. „Eigentlich klingt es nach Klischee, wenn man sagt, dass wir elf Freunde sind. Aber es ist wirklich so. Wir haben eine tolle Gemeinschaft“, erfuhr der 24-Jährige einen riesigen Rückhalt mit einer klaren Botschaft: Wir warten auf dich.

Also kämpfte Mahn weiter. Dabei hatten ihm einige Ärzte sogar vom Fußball abgeraten. „Aber in solchen Situationen entscheidet man mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf“, blieb er stur. Er wollte weiter Fußball spielen. Und tatsächlich durfte er wieder hoffen. Ein neuer Ansatz im vergangenen Sommer: eine Spritzenbehandlung. Was er im Detail bekommt? „Das kann ich gar nicht so genau sagen. Aber es hilft“, freut sich Mahn, der die Vorbereitung mitmachen konnte. Das erste Training, der erste Ballkontakt, der erste Torschuss: „Es hat sich alles intensiver angefühlt nach der langen Pause.“

Vorsicht war dennoch die oberste Priorität. „Wir mussten Dominik bremsen. Die Jungs wollen immer gleich wieder losstürmen, sobald sie wieder laufen können“, bauten Eppler und sein Trainerteam ihren Schützling behutsam auf. Auch der Kicker selbst musste lernen, dass er nicht sofort der Alte war: „Wenn du zwei Jahre raus bist, kannst du das nicht in drei Wochen aufholen.“ Dahinter stecke viel Arbeit. Aber es habe schon viel ausgemacht, die Lauf- wieder gegen die Fußballschuhe zu tauschen. „Jedes kleine Erfolgserlebnis hilft“, weiß Mahn. Insgesamt sei er fitter geworden, oder wie sein Trainer sagt: „Der Körper ist ein bisschen mehr im Einklang.“ Trotzdem wollte Eppler nichts überstürzen. Und Mahn, der zwischenzeitlich seinen Schiedsrichterschein machte („Aber das war eher eine Ersatzdroge“), auch nicht. Die lange Leidenszeit könne man nicht komplett ausblenden. „Das bleibt immer ein Stück weit im Hinterkopf“, sagt er. Also trainierte er, blieb aber in den Spielen erst einmal weiter Zuschauer. „Da konnte ich der Mannschaft am besten in der dritten Halbzeit helfen“, sagt er lachend. Und als Sprücheklopfer. „Wenn die Jungs mal eine Chance nicht weggemacht haben, habe ich ein bisschen gestichelt. Das gehört auch dazu.“ Böse genommen hat Mahn das niemand. „Er ist ein Pfundskerl, menschlich hoch angesehen in der Truppe“, erklärt Eppler. Auch am Spielfeldrand war Mahn eine Bereicherung.

Zwei Tore in zehn Minuten

Die Mission des Angreifers aber war eine andere: „Ich wollte vom Sprücheklopfer wieder zum Torjäger werden“, sagt er. Zurück auf den Platz, endlich wieder treffen. Dass das am 17. November vergangenen Jahres – 798 Tage nach dem Lemförde-Spiel – passieren würde, überraschte ihn selbst. „Ich habe erst am Abend vor dem Spiel erfahren, dass ich überhaupt im Kader bin“, erzählt er. Natürlich habe er dann auf sein Comeback gehofft. Tatsächlich entwickelte sich das Spiel gegen den TSV Bramstedt entsprechend. Mitte der zweiten Hälfte, Tarek Azeldin hatte gerade das 3:0 erzielt, rief Eppler Mahn zu sich: „Ich gebe dir ein paar Minuten, hat er gesagt. Und dass ich bloß vorsichtig sein und nicht zu viel riskieren soll“, erinnert er sich. Zehn Minuten bekam Mahn. Nicht viel, aber nur dann, wenn man nicht mehr als zwei Jahre lang darauf gewartet hat. Mahn nutzte die Zeit: Dreimal kam er zum Abschluss – zweimal traf er. Zunächst drückte er eine Flanke von der linken Seite über die Linie, dann versenkte er einen Strafstoß. Er kann sich noch genau erinnern, dass Jannis Berendt ihm den Ball überließ. Nicht nur der Kapitän wusste, was dieses Spiel für Mahn bedeutete. „Mach ihn aber auch rein“, sagte Berendt noch. Der Angesprochene ließ sich nicht zweimal bitten. Schließlich hätte er sich einiges vom Spielfeldrand aus anhören müssen, wenn er nicht getroffen hätte. Sprücheklopfer waren gegen Bramstedt nämlich andere. Mahn dagegen war wieder Torjäger.

„So richtig habe ich das alles erst beim nächsten Training zwei Tage später begriffen“, sagt er. Er hatte am Spieltag zwar mit seinen Teamkollegen gefeiert, gespürt, wie sehr sie sich für ihn freuten. Aber das Comeback wie aus dem Bilderbuch sei auch „ein bisschen unwirklich gewesen. Ich musste erst einmal darüber schlafen, um das alles zu verarbeiten“. Es war nicht irgendein Tag für Mahn, sondern so etwas wie der Neustart seiner Laufbahn im Herrenbereich. Auch gegen den TuS Sudweyhe II kam er zum Einsatz, machte danach die Wintervorbereitung ohne Probleme mit, traf in den Testspielen sogar. Dass er auch im einzigen Punktspiel des Jahres gegen den Barnstorfer SV zum Zug kam, war eine Bestätigung: Mahn ist wieder da.

Doch dann kam Corona. Seit Mitte März ruht der Spielbetrieb. Das Training unter Auflagen sei nicht dasselbe, sagt Mahn. Er muss also erneut warten. Wieder ist das Ende ungewiss. „Es ist wirklich bitter, dass jetzt wieder Pause ist. Ich war gut in Form und wollte unbedingt spielen.“ Doch etwas Entscheidendes ist dieses Mal anders. Mahn hat Leidensgenossen in ganz Deutschland. Außerdem kann er sich jetzt fithalten, um wieder angreifen zu können, sobald Normalität einkehrt. Was ist das schon, verglichen mit der Zeit, in der er nicht wusste, ob er überhaupt wieder spielen kann? Dominik Mahn weiß nur zu gut: „Ich habe schon schlimmere Pausen erlebt.“

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